Viennale-Notizen 3

Musikfilme auf der Viennale: Bilder, die Klänge illustrieren und solche, die sich gegen das Diktat der Musik auflehnen.

The White Stripes - Under Great White Northern Lights

Konzertfilme beschränken sich in der Regel darauf, einen Interpreten oder eine Band, beziehungsweise deren Musik in Szene zu setzen, ohne daraus etwas filmisch Interessantes zu schaffen. Auf der Viennale demonstrierten zwei Filme die künstlerische Armut des Konzertfilms. The White Stripes: Under Great White Northern Lights von Emmett Malloy begleitet die White Stripes bei einer USA-Tournee abseits der großen Städte und ist ein formelhaft zusammengestellter Genrebeitrag. Es gibt relativ erkenntnislose Interviews zu sehen und Live-Auftritte, die in herkömmlicher Clip-Ästhetik gehalten sind. Schwarzweiß wechselt sich mit Farbe ab, es wird viel und immer im Rhythmus der Musik geschnitten und im Vordergrund steht das Ziel ein Konzert abzubilden, nur eben überhöhter und verdichteter, als man es als Live-Zuschauer je wahrnehmen könnte. Immerhin lässt sich so ein Film genießen, wenn, wie im Falle der White Stripes, wenigstens die Musik stimmt.

Leonard Cohen-Live at the Isle of Wright

Einen historischen Konzertfilm gab es dagegen mit Leonard Cohen: Live at the Isle of Wright zu sehen. Murray Lerner dokumentierte 1970 den Auftritt Cohens auf einem völlig chaotischen, von einer halbe Millionen Menschen besuchten Festival. Die Konzerte wurden von Randalen und Brandstiftungen überschattet und mussten teilweise sogar abgebrochen werden. Dann, um vier Uhr morgens tritt Leonard Cohen in seinem Pyjama auf und glättet mit seiner sonoren Stimme die Wogen. Allein durch dieses Hintergrundwissen, das der Film gleich an den Anfang stellt, wird eine romantische Verklärung dieses Konzerts provoziert. Interessant ist die Dokumentation aber wegen ihrem Archivmaterial. Die Aufnahmen sind spartanisch und konventionell – neben Bildern des zur Ruhe gekommenen Publikums bestimmen vor allem Close-Ups des singenden Cohens den Film –, lassen aber gerade durch ihre Bescheidenheit die Musik gut zur Geltung kommen. Es scheint sogar, als würden die Aufnahmen ganz allein die Stimmung dieses sakral anmutenden Konzerts vermitteln. Und dann macht Lerner doch wieder einen entscheidenden Fehler und rahmt diese Aufnahmen in aktuelle, anekdotenreiche Interviews mit Musikern von damals wie Kris Kristofferson und Judy Collins ein.

Black and White Trypps Number Three

Wie stark sich ein Konzertfilm abstrahieren lässt, konnte man in einem von Regisseur Siegfried A. Fruhauf, dem auf der Viennale auch eine kleine Werkschau gewidmet ist, zusammen gestellten Kurzfilmprogramm sehen. Black and White Trypps Number Three von Ben Russell aus dem Jahr 2007 hält ein Konzert der amerikanischen Noise-Rock-Band Lightning Bolt fest und nimmt sich dabei sämtliche Freiheiten, die sich herkömmliche Konzertfilme nicht gönnen. Zum einen zeigt Russell nicht die Band, sondern ausschließlich das von einem Scheinwerferspot angestrahlte Publikum: Zuckende, schwitzende Körper in einem rauschhaften Zustand. Darüber hinaus manipuliert Russell sein Ausgangsmaterial. Die Bilder werden asynchron zur Musik gesetzt und durch Slow Motion und Zeitraffer entfremdet. Ein Score von Joe Grimm verdrängt schließlich auch noch die Musik von Lightning Bolt. Filme wie dieser sind meist nur in einem Kunstkontext möglich. Dass sich die Abstraktion eines Konzertfilms sogar noch weiter treiben lässt, zeigt die Berliner Kunst- und Musikgruppe Die tödliche Doris. In Gehörlose Musik verzichten sie vollständig auf akustische Reize und lassen ihr erstes Album in Gebärdensprache darbieten.

Keinen Konzertfilm, aber einen Musikfilm stellte Klaus Wyborny mit seiner neuesten Arbeit Studien zum Untergang des Abendlandes vor. Aufnahmen aus den letzten dreißig Jahren, die beispielsweise im Ruhrgebiet, in Rimini, in New York oder in Ostafrika entstanden sind, fügt Wyborny in nahezu stroboskopischer Schnittfrequenz zusammen. Industrie-, Natur- und Stadtlandschaften wechseln sich ab, oft doppelt und mehrfach belichtet, manchmal auch in Rot getaucht. Im Laufe des Films verschiebt sich dann die Horizontlinie zunehmend zur Diagonalen und das Abbildhafte der Bilder zu einem Spiel aus Formen.

Studien zum Untergang des Abendlandes

Auch Wyborny nimmt eine ganz konkrete Position zur – von ihm selbst komponierten – Musik  ein. Jeder neue Ton bedeutet ein neues Bild, was selbst über die Synchronität konventioneller Musikvideos hinausgeht und eine Mühsal am Schneidetisch ist. Man sieht dem Film die Arbeit an und doch ist das alles auch ein wenig langweilig. Nie entziehen sich die Bilder dem Diktat der Musik. Das An- und Abklingen eines Klaviertons bekommt etwa durch Auf- und Abblenden sein visuelles Äquivalent. Verschiebungen und Brüche, die eine Synthese oft erst spannend machen, sucht man hier vergeblich.

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