Viennale-Notizen 1

Wiener Entschleunigung: Kein Wettbewerb oder prominente Gäste sorgen auf der Viennale 2010 für Aufregung. Dafür kann man das umfangreiche Filmprogramm in entspannter Atmosphäre genießen.

Viennale

Abgesehen von einer großen Retrospektive, die in diesem Jahr dem kürzlich verstorbenen Eric Rohmer gewidmet ist, und kleineren Tributes sind die Filme lediglich in zwei Sektionen unterteilt: Spielfilme und Dokumentationen. Ohne Hierarchisierungen stehen Werke mit unterschiedlichem Budget und Bekanntheitsgrad demokratisch nebeneinander. Das Programm besteht aus einer Art Best-of der großen, internationalen Filmfestivals, ohne den Zwang, unbedingt das Neueste zeigen zu müssen. Die Sympathie von Festivalleiter Hans Hurch für ein künstlerisches Kino zeichnet sich dabei nicht nur in der Filmauswahl ab. Jedes Jahr gestaltet ein anderer Regisseur, oft aus dem Bereich des Experimental- und Avantgardefilms, den Festivaltrailer. Nach Jonas Mekas, Stan Brakhage und Jean Luc Godard ist in diesem Jahr Apichatpong Weerasethakul für den Trailer verantwortlich.

Schmutziger Süden

Weerasethakul, dessen Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben auch im Programm vertreten ist, bewegt sich mit seinen Arbeiten souverän zwischen den Polen Regisseur und Videokünstler. Zahlreiche andere Filmemacher scheitern an einem kalkulierten Kunstanspruch. Ein gutes Beispiel hierfür ist Harmony Korine, der sich bisher nicht gerade als versierter Filmemacher hervorgetan hat. Fast zwanghaft versucht Korine eine subversive Ästhetik zu entwickeln. Sein neuer Film Trash Humpers verfügt durchaus über einen radikalen Ansatz. Mit alten VHS-Kameras folgt er mit Gummimasken entstellten Darstellern, wie sie Mülltonnen begatten, Fernseher kaputtschlagen oder Pfannkuchen mit Spülmittel essen. Keine narrative Struktur ist zu erkennen, technische Fehler werden absichtlich mit einbezogen, eine destruktive Version von Performancekunst wird zelebriert. Letztlich ist das nicht mehr als eine pubertäre Nummernrevue, die sich selbst mit ihrer rotzigen Attitüde wahnsinnig gut gefällt. Wäre da nicht der offensichtliche Kunstwille – auch wenn dieser sich in einer Form von Anti-Kunst ausdrückt –, könnte man Trash Humpers fast mit den Mutproben und Zerstörungsorgien aus Jackass verwechseln.

Trash Humpers

Immerhin ist Trash Humpers ein Beweis dafür, dass man auch mit einem minimalen Budget auf einem internationalen Filmfestival vertreten sein kann. Ein Regisseur, der schon seit Jahrzehnten Low-Budget-Filme macht, allerdings ohne jeglichen künstlerischen Anspruch, ist Klaus Lemke. Ihm widmete die Viennale einen Abend, an dem der Kurzfilm 13 x Glück, der aus montierten Szenen verschiedener Lemke-Filme besteht, und sein neuestes Werk Schmutziger Süden gezeigt wurden. So großspurig wie die Filme sind, gibt sich auch der mittlerweile 70-jährige Lemke. Dabei ist seine Antipathie gegenüber dem filmischen Establishment durchaus sympathisch. So fordert Lemke etwa Subventionen für Filme zu streichen, weil sie die Kreativität töten, wettert gegen professionelle Schauspieler und gegen den deutschen Film sowieso. Das hört sich zwar gut an, allerdings stellt Schmutziger Süden schon eine sehr reduzierte Form von Kino dar, die mit früheren Lemke-Filmen wie Amore (1978) und Rocker (1972) nicht mehr viel gemeinsam hat. Lemke kehrt in seinem „kleinen Softporno“ zurück an seine ehemalige Wirkungsstätte, ins Münchner (Ex-)Szeneviertel Schwabing. Dorthin verschlägt es den Hamburger Sonnyboy Henning für die Übergabe eines geheimnisvollen Pakets. Im Vordergrund stehen allerdings seine zahlreichen sexuellen Begegnungen mit verschiedenen Frauen. Lemke hat sich noch nie viel um filmische Konventionen geschert. Schmutziger Süden wirkt aber selbst unter diesen Maßstäben wie ein grobschlächtig und chaotisch zusammengeschnittenes Amateurvideo. Nur selten ergeben sich aus den Improvisationen der Laiendarsteller lustige oder spannende Momente. Einen gewissen Unterhaltungswert kann man dem Film aber nicht absprechen, und wie Lemke gerne sagt: „Film muss noch nicht einmal gut sein, Film muss nur wirken.“

Kommentare zu „Viennale-Notizen 1“


Jerome

Foto Jerun Vahle






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