Viennale 2015: Festivalnotizen (2)

Hochkultur und Massenkultur auf Augenhöhe. Ein unsympathischer Regisseur, Fernsehen von Ida Lupino sowie bewegte Bilder von Lucas Cranach und Mark Leckey.

Soll man Kunst danach bewerten, wie sympathisch oder moralisch integer ihr Produzent ist? In den USA stellt sich diese Frage gerade in der Diskussion um das beliebte Allroundtalent Bill Cosby. Weil der Komiker sich mit einer Welle an Vergewaltigungs-Vorwürfen konfrontiert sieht, versucht man ihn umgehend aus der Öffentlichkeit zu verbannen, was zu Entscheidungen führt, die teilweise naheliegend (die Entfernung einer Cosby-Büste aus dem Themenpark Disney’s Hollywood-Studios) sind, teilweise aber auch schlichtweg falsch (die Absetzung seiner Fernsehserie The Cosby Show). Denn egal wie schwer es fällt, man sollte trennen können zwischen einem Künstler und seiner Arbeit; vor allem, wenn es sich bei Letzterem um das Werk eines Kollektivs handelt.

 

Dass Menschen, die man im wahren Leben lieber meiden würde, trotzdem tolle Filme machen können, bewies Corneliu Porumboiu bei der Premiere von The Treasure (Comoara). Der rumänische Regisseur ließ sich zwar einfliegen, hatte aber nicht so recht Lust, über seinen Film zu reden. Fragen nach der Entwicklung des Stoffs oder der Wahl der Musik entzog er sich mit raunenden Antworten („Ich bin einfach meinem Gefühl gefolgt“), und als ihn der Moderator auf die tolle Kameraarbeit von Tudor Mircea ansprach, meinte Porumboiu nur sinngemäß: „Ja, er hat es geschafft, meine Vision umzusetzen.“ So viel Undankbarkeit schmerzt. Ich bin mir unsicher, was schlimmer ist: Dass Filmkritiker gerne den Regisseur zum alleinigen Schöpfer stilisieren und dabei alle anderen Mitwirkenden herabsetzen, oder dass es genug Filmemacher gibt, die sich diese Bauchpinselei nur zu gerne gefallen lassen. Bei jemandem wie Porumboiu, der ständig auf internationalen Festivals zu Gast ist, aber vermutlich trotzdem kaum von seinen Filmen leben kann, ist das Einfordern von Anerkennung schon auch ein wenig verständlich. Charakterlich ist so eine Einstellung aber trotzdem enttäuschend. Das macht Porumboiu zwar etwas unsympathisch, aber aus The Treasure deswegen noch keinen schlechteren Film.

 

In Hollywood ist man da schon professioneller – weniger wohlmeinend könnte man auch sagen, unehrlicher. Jedes Interview wird da schnell zum glattgebügelten Image-Video, in dem man sich bescheiden gibt, die Kollegen lobt und das tolle Projekt sowieso. Die rhetorisch begabte Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Ida Lupino hat es in ihren Statements meist geschafft, ehrlich und bestimmt zu sein, dabei aber trotzdem demutsvoll zu bleiben. Das hat sicher auch mit ihrer Biografie zu tun, die, zumindest was den Ruhm angeht, von Abstiegen gezeichnet ist. Noch während ihrer erfolgreichen Schauspielkarriere fing sie als Regisseurin von B-Movies fast bei null an. Nach einer kurzen, aber sehr produktiven Phase zog sie sich schließlich ins Fernsehen zurück. Ebenso wie critic.de vor einigen Monaten widmet sich die Viennale dem Regiewerk von Lupino. Dabei ist auch eine ihrer Fernseharbeiten zu sehen, eine Episode für die anthology series Thriller (1960–62), für die die Regisseurin insgesamt neun Folgen inszeniert hat.

 

Im Vergleich zu den Freiheiten, die sich Lupino bei ihren eigenen Filmen nahm, sind die Beschränkungen von What Beckoning Ghost? (1961) offensichtlich: Die Handlung ist auf 50 Minuten zurechtgestutzt und orientiert sich dabei an Werbeunterbrechungen und Wendungen, die nicht so überraschend sind, wie sie es gerne wären. Aber innerhalb dieses Formats knüpft Lupino doch erfolgreich an ihre früheren Arbeiten an. Bei der Episode handelt es sich um ein dicht inszeniertes Kammerspiel, das von Trugbildern erzählt, die die Figuren in die Verzweiflung jagen. Eine erfolgreiche Konzertpianistin ist eigentlich glücklich in ihrem goldenen Käfig, wird aber durch eine Vision ihres eigenen Todes schwer verunsichert. Ihren zunehmenden psychischen Verfall gießt sie in monumentale Melodramen-Gesten, die sich nach ihrem Tod schließlich auf ihren zwielichtigen Ehemann übertragen. Lupino konzentriert sich hier ein weiteres Mal mit fiebriger Intensität auf Figuren, die von einem Augenblick zum nächsten in die Ecke gedrängt werden, ihre Sicherheiten verlieren und mit aller Kraft darum kämpfen, ihr altes Glück zurückzubekommen. Dabei vollzieht sie eine Gratwanderung, die auch schon ihre Kinofilme auszeichnete: What Beckoning Ghost? ist ein mit Übersinnlichkeit angereichertes Zwitterwesen, in dem sich das weiblich konnotierte Melodram und der männlich konnotierte Thriller zu einem mitreißenden Ganzen vereinen.

Lucas Cranach Paradies

Während das Fernsehen als Platz für niedere Populärkultur gilt, bringt man Museen gemeinhin mit hohem sozialem Prestige in Verbindung. Dass sich diese beiden Kunstformen nicht auf Augenhöhe begegnen, ist – das hat schon Pierre Bourdieu herausgefunden – vor allem das Resultat einer bewussten Abgrenzung zwischen den Klassen. In Wien zeigen mir zwei Museumsbesuche wieder, wie bedauerlich es ist, dass die unterschiedlichen Künste viel zu häufig isoliert und nicht in ihrem wechselseitigen Einfluss betrachtet werden. In jeder Gemäldegalerie kann man sich etwa davon überzeugen, wie groß der Einfluss der Malerei auf das Kino ist, ob es nun um Lichtsetzung geht, um Bildkompositionen oder inhaltliche Motive.

 

Im Kunsthistorischen Museum, das eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen „alter Meister“ besitzt, findet sich mit Lucas Cranachs Paradies (1530) ein Bild, das schöne drahtige Körper in einer filigranen Naturlandschaft ansiedelt und sich dabei einer Erzählweise bedient, die als Vorform des Kinos gesehen werden kann. Es war spätestens für Maler der Renaissance durchaus üblich, nicht nur einen verdichteten Moment zu inszenieren, sondern auch eine Bildergeschichte. Das Wichtigste ist bei Cranach im Vordergrund: Gott, der Adam und Eva vor den verbotenen Früchten im Garten Eden warnt, also jener Moment, der den Sündenfall ankündigt und über das Schicksal der Liebenden und damit der gesamten Menschheit entscheidet. Dahinter eröffnet sich die Handlung in einzelnen Episoden und reicht von der Erschaffung Adams bis zur Vertreibung aus dem Paradies. Dynamik entsteht dabei durch unseren schweifenden Blick, der die Einzelbilder zu einer Handlung zusammensetzt. Und dass die Bibel ohnehin eine Ansammlung toller archaischer Geschichten voller Sex und Crime ist, davon konnte man sich auch wieder in dem Direct-Cinema-Schlüsselwerk Salesmen (1968) überzeugen, das die Viennale zu Ehren des verstorbenen Filmemachers Albert Maysles in ihr Programm aufgenommen hat. Maysles und sein Bruder David folgen darin einer Gruppe von emsigen Vertretern, die schlecht betuchten Hausfrauen eine protzig aufgemachte Version der Bibel andrehen wollen. Einer der Verkäufer preist sein Produkt einmal als „still the best seller in the world“ an.

 

Eine andere, nicht weniger spannende Form von Bewegtbildern als bei Cranach präsentiert der englische Künstler Mack Leckey in der Secession. Der minimalistische White Cube des Jugendstilgebäudes ist mit hochformatigen LED-Rahmen dekoriert, auf denen Loops flackern, die Verwandlungen zeigen. Darunter ist ein Ausschnitt aus Disneys Pinocchio (1940) zu sehen, in dem sich ein Kind in einen Esel verwandelt, eine bärtige Dragqueen, die sich in einem nicht hörbaren Takt wiegt, oder ein flackerndes RGB-Muster, das den Bildträger zum ästhetischen Mittelpunkt erhebt. Was Leckeys Arbeit leicht zugänglich macht, ist ihre affirmative Einstellung zur Populärkultur. Bei seinem bekanntesten Video Fiorucci Made Me Hardcore (1999) handelt es sich um eine Found-Footage-Montage, die sich von der Disco-Kultur bis zu den Raves der 1990er vorarbeitet und sich dabei an den Kleidungs- und Tanzritualen von Jugendlichen erfreut. Bereits 1979 weigerte sich der Soziologe Dick Hebdige in seinem Buch Subculture: The Meaning of Style, Jugendliche als Opfer eines blinden Konsums zu sehen. Stattdessen gesteht ihnen Hebdige zu, sich kreativ an einem grenzenlosen Angebot an Kulturgütern zu bedienen und daraus einen eigenen Identitätsentwurf zu erstellen. Der Kapitalismus wird hier ausnahmsweise nicht nur verteufelt, sondern ist auch die Grundlage endloser Möglichkeiten zur Ausdifferenzierung. Leckey nimmt dieses Angebot ebenso wahr wie seine jungen Protagonisten, ob er nun ein Musikvideo aufgreift, ein wiederbelebtes Still aus Billy Wilders Eins, Zwei, Drei (One, Two, Three, 1961) oder eine Skulptur von Jeff Koons. Das Schöne an diesen Aneignungen ist, dass sich durch sie Hierarchien auflösen und die unterschiedlichen Künste sich ausnahmsweise auf Augenhöhe bewegen können.

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