Viennale 2013: Sehtagebuch (2)

Filme von Nathan Silver, Nicolás Guillén Landrián, Shinji Aoyama und ein Blick in die Frühzeit des österreichischen Dokumentarfilms

Soft in the Head (Regie: Nathan Silver; USA 2013)

Soft in the Head

Und noch ein amerikanischer Independentfilm über ein unmögliches Mädchen. Regisseur Nathan Silver bezeichnet seinen Film als Adaption von Dostojewskis Der Idiot, doch ganz ernst sollte man diese Äußerung nicht nehmen. Soft in the Head ist vielmehr ein New-York-Film ohne Establishing Shots. Ein intim inszenierter Film, in dem sich die Abgründe der Stadt, aber auch ihre ethnische und religiöse Vielfalt in Großaufnahmen manifestieren. Irgendwo zwischen dokumentarischem Gestus und humoristischer Überzeichnung, zwischen loser, episodischer Anordnung und dramatischer Zuspitzung erzählt Silver von einer jungen Frau mit Drogenproblemen, die, ohne es zu merken, all jene, die ihr helfen wollen, ins Verderben stürzt.

 

Kurzfilme (Regie: Nicolás Guillén Landrián; Kuba 1963-68)

Landrian

Versteckt in einer Nebenschiene gab es die bemerkenswerten Regiearbeiten des Kubaners Nicolás Guillén Landrián zu entdecken. Seine Filme sind Dokumentationen und Agitationen, vor allem glänzen sie aber durch ihre formale Experimentierfreudigkeit. Ihr ungewöhnlicher Rhythmus rüttelt den Zuschauer immer wieder wach. Stakkatoartige Schnitte wechseln sich mit kontemplativen Passagen und verspielten Texteinblendungen ab. Und hinter all dem lauert ein kämpferischer Humanismus. Während sein erster Film En un barrio viejo (1963) noch im Bereich des Dokumentarfilms anzusiedeln ist, bedient Landrián sich in den folgenden Jahren zunehmend Eisensteins intellektueller Montage. Und obwohl die Filme von Rückschrittlichkeit und Ausbeutung erzählen, sieht man immer wieder Leute, wie sie zu treibenden Trommelrhythmen ausgelassen tanzen und in ihrer vergänglichen Ekstase das Leid des Alltags abschütteln.

 

Tomogui (Regie: Shinji Aoyama; Japan 2013)

Tomogui 1

Shinji Aoyama ist ein Regisseur, den ich in den letzten Jahren völlig aus den Augen verloren habe. Bis auf den monumentalen Eureka (2000) liefen seine Filme in Deutschland meist nur auf Festivals und waren auch von sehr unterschiedlicher Qualität. Tomogui ist nun eine Literaturverfilmung, die auch danach aussieht. Eine onkelhafte Erzählerstimme berichtet von früheren Zeiten und führt uns in die ereignislose Kleinstadtwelt eines Jugendlichen. Was dann folgt, ist eine finstere Coming-of-Age-Geschichte über eine andere Art der Erbsünde, die den behäbigen Auftakt schnell vergessen lässt. Der 17-jährige Toma wird von einem unstillbaren Trieb gequält. Die schlechte Angewohnheit des Papas, seine Partnerinnen beim Liebesspiel zu verprügeln, überkommt den Jungen nun auch bei seinen ersten sexuellen Erfahrungen. So vergiftet wie der Fluss, der durch das scheinbar menschenleere Dorf fließt, ist auch die zerrüttete Familie, die im Zentrum steht.

 

Kinochronisten (Österreich 1903-28)

Kinochronisten

Ein Einblick in die frühen Jahre des österreichischen Dokumentarfilms. In neun thematisch gegliederten Programmen werden Reportagen präsentiert, die eher historischen als ästhetischen Wert haben. Die erste Folge Kinochronisten zeigt Prozessionen, Wanderkinos und frühe Filmpaläste ab 1909. Man merkt den statischen, oft etwas unbeholfen kadrierten Einstellungen an, dass das Kino hier noch in den Kinderschuhen steckt. Zwischen Totalen, die daran scheitern, einen Überblick über eine Fronleichnamsprozession zu schaffen, gibt es auch zärtliche Momente, in denen etwa ein Mädchen wie für ein Foto posieren will, dabei aber immer wieder aus der Rolle fällt. Untermalt werden die Filme von bekannten Namen aus der elektronischen Musikszene. Wo eine Melodie totalitär wirken und den mehrdeutigen Bildern Eindeutigkeit aufzwingen würde, lassen die Soundflächen ihnen mehr Platz zum Atmen. Zum Auftakt spielt der englische Musiker Philip Jeck und liefert mit seinen manipulierten Platten den perfekten Soundtrack für einen Abend, der ganz den sterbenden Medien huldigt. Zu den Klängen von ächzendem, verkratztem Vinyl flackern selten gezeigte Kopien aus den Schatzkammern des Filmarchivs Austria über die Leinwand.

 

Werkstätten des Krieges (Österreich 1916-22)

Werkstaetten des Krieges

Noch einmal Beispiele eines nonfiktionalen österreichischen Kinos. Die Zeiten haben sich geändert, und auch die filmische Sprache hat sich weiterentwickelt. Unter dem Titel Werkstätten des Krieges gibt es Industriefilme aus dem Ersten Weltkrieg zu sehen. Mit den sachlich und präzise inszenierten Filmen wie Werdegang einer Soldatenmontur verhält es sich ähnlich wie mit Industriearchitektur: Ihre Schönheit speist sich nicht aus ihrem Kunstwillen, sondern aus ihrer Funktionalität. Sie sollen einen Blick hinter die Kulissen der Fabriken gewähren, gleichzeitig aber auch die Stärke der heimischen Streitkräfte demonstrieren. Für die Live-Musik ist an diesem Abend Rabih Beaini zuständig, der mit seinem Pseudonym Morphosis momentan zu den interessantesten Vertretern elektronischer Tanzmusik im weiteren Sinne zählt. Es scheint, als würde seine Musik mitdenken, dass es sich hier auch um eine Form von Propaganda handelt und dass jedes Flugzeug, jeder Feldstecher und jede Uniform in einem Krieg eingesetzt wurden, der unzähligen Menschen das Leben gekostet hat. Somit gehen Beainis Improvisationen eben nicht mit dem Rhythmus der Maschinen mit, sondern sprengen mit klirrenden Sounds und unregelmäßig pochenden Bässen das Metrum.

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