Viennale 2013: Sehtagebuch (1)

Ein paar Tage und Filme von Howard Hawks, Peter Hutton, Frank Tashlin und Eliza Hittman.

The Big Sky (Regie: Howard Hawks; USA 1952)

The Big Sky

Auf der Berlinale gibt man sich autoritär und verbietet in den Cineplexen während des Festivals einfach das Popcorn. In Wien dagegen ist man außerhalb des Österreichischen Filmmuseums Snacks deutlich weniger abgeneigt. So liegen in den meisten Kinos Gratisproben eines bekannten österreichischen Süßwarenherstellers aus, mit denen man sich vor oder häufig auch noch während der Vorstellung stärken kann. Als im Vorspann von Howard Hawks’ gemächlich den Mississippi entlangschiffendem Western die Kamera in den Wolken nach Träumen von einer besseren Zukunft sucht, ertönt eine regelrechte Raschelouvertüre. Nachdem alle aufgegessen haben, schließen sich Kirk Douglas und Dewey Martin einer Bootsexpedition an, die den gefürchteten Blackfoot-Indianern das Feuerwasser der Kolonialisten schmackhaft machen will. Dabei müssen die Freunde unter anderem die Grausamkeit des freien Marktes erfahren und sich gegen schießwütige Pelzhändler mit gleichen Interessen behaupten. Interessant an diesem schönen, gemächlich inszenierten Western ist, dass die amerikanischen Ureinwohner zwar stereotyp gezeichnet sind, Hawks aber ganz auf Völkerverständigung setzt. Am Schluss entscheidet sich Martin gegen die innige Bromance mit Douglas und für die Liebe und ein Leben mit den Indianern.

 

Three Landscapes (Regie: Peter Hutton; USA, Äthiopien 2013)

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Zu den Stärken der Viennale zählt zweifellos, dass hier jedes Jahr verschiedenen Spielarten des experimentellen Kinos eine Plattform geboten wird. In einem der zahlreichen Programme war auch der neue mittellange Film von Peter Hutton zu sehen. Wie der Titel verspricht, stehen hier drei Landschaften im Zentrum: Detroit, das Hudson River Valley und die Dallol-Senke in Äthiopien. Dabei zeigt Hutton keine reinen Landschaftsbilder, sondern Menschen, die sich mit körperlicher Arbeit in ihre Umgebung einschreiben. Der fehlende Ton erhebt die statischen, meist längeren Einstellungen in eine Sphäre des Irrealen. Immer wieder verlagert sich der Blick von dokumentarischen Beobachtungen auf eine abstrakte Ebene, in der Formen und Bewegungen die Komposition bestimmen. Mitunter entstehen dabei ungemein fesselnde Bilder, wenn etwa Silhouetten von Bauarbeitern eine scheinbar direkt in den Himmel reichende Brücke entlangschreiten. Und wie beruhigend es sein kann, nach einem kurzen Powernap noch immer dasselbe Bild vor sich zu haben.

 

Rock-a-Bye Baby (Regie: Frank Tashlin; USA 1958)

Rock a Bye Baby

Von Jerry-Lewis-Filmen bin ich seit meiner Kindheit traumatisiert. Anlässlich der großen Retrospektive im Filmmuseum ist nun aber Konfrontationstherapie angesagt, mit einem Triple-Feature. Dem außer Kontrolle geratenen Körper von Lewis und seinen naiv gutmütigen Figuren kann ich heute deutlich mehr abgewinnen. Das liegt bei einem Film wie Rock-a-Bye Baby sicher auch an Regisseur Frank Tashlin, der das Slapstick-Ballet seines Hauptdarstellers fantasiereich in Szene zu setzen weiß. Besonders schön ist eine Choreographie mit einem wild gewordenen Feuerwehrschlauch geworden. Überraschend ist auch, wie der Film zwischen Blödeleinlagen und Musicalnummern in künstlichen Studiosettings eine sehr zeitgemäße Geschichte erzählt. Um sich ihrer Karriere widmen zu können, beauftragt eine unfreiwillig geschwängerte Hollywood-Diva den seit Kindestagen in sie verliebten Lewis mit der Pflege ihrer Drillinge. Dass Lewis trotz großer Souveränität in der weiblichen Rolle schließlich doch keine alleinerziehende Mutter sein darf, ist dann weniger der Natur geschuldet als neidigen Nachbarn und einem alles regelnden Staat.

 

It Felt Like Love (Regie: Eliza Hittman; USA 2013)

It Felt Like Love

Gleitende Schärfeverlagerungen und andere ästhetische Manierismen lassen diesen Debütfilm zunächst wie typisches Festivalfutter mit künstlerischem Anspruch wirken. Eliza Hittman hat aber mehr zu bieten: eine manchmal fast schmerzhafte Studie über selbstzerstörerisches adoleszentes Begehren. Wenn sie immer wieder den Blick darauf lenkt, wie sich die Körper ihrer jungen Darsteller berühren und aneinander reiben, dann vor allem, um zu zeigen, dass die 14-jährige Lila bei diesen Balzritualen außen vor bleibt. Bald ist Fremdschämen angesagt. Denn Lila will sich keineswegs damit abfinden, für ihr Umfeld unsichtbar zu bleiben und versucht hartnäckig, sich mit Lügengeschichten, die ohnehin niemand glaubt, in den Mittelpunkt zu spielen. Und dann kommt Sammy, der zwar verdammt sexy ist, aber eben auch ein ziemliches Arschloch. Nachdem sich nicht mal der Schürzenjäger an ihr interessiert zeigt, erfindet Lila einfach eine Beziehung mit ihm, drängt sich regelrecht auf und verliert dabei zunehmend ihre Würde. Ein ungemütlicher Blick in eine gepeinigte Seele.

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