Viennale 2008

Eine andere Art von Filmfestival: Über Retrospektiven, Kontextualisierungen und filmische Begegnungen auf der 46. Viennale.

Diese Nacht - Nuit de Chien

Filmfestivals bieten die Möglichkeit, das Kino in seiner Breite und Tiefe jenseits der Grenzen des jeweils aktuellen Tagesprogramms zu entdecken. Oft genug aber leidet diese Entdeckungsreise selbst unter starken Beschränkungen. Viele Festivals teilen mit dem restlichen Kinoprogramm dessen Hauptübel: die unbedingte Beschränkung aufs Hier und Jetzt, auf die Tagesaktualität, auf die jeweils neueste und letzte Modeerscheinung. Ein, zwei Retrospektiven programmiert zwar fast jedes Festival, nicht selten wird in diesen jedoch lediglich pflichtschuldig den ewig gleichen großen alten Männern der Filmgeschichte gehuldigt.

Die Viennale zeigt seit Jahren, dass es auch anders geht. Schon der einminütige Festivaltrailer, produziert von Jean-Luc Godard und betitelt Une catastrophe (online zu sehen hier) macht klar, dass in Wien eine andere Art von Filmfestival stattfindet. Bilder aus Panzerkreuzer Potemkin und Menschen am Sonntag werden mit poetischen Texteinblendungen und mehrsprachigen Dialogen kunstvoll verwoben. Man mag darüber streiten, ob es sich dabei um einen großen Wurf handelt oder lediglich um das Recycling eines Videoschnippsels, der es nicht in die Histoire(s) du cinema geschafft hat, in jedem Fall ist der filmhistorische Mini-Essay Une catastrophe in Wien genau richtig am Platz.

Lornas Schweigen

Das tagesaktuelle Kino wird hier eingebettet in die Filmgeschichte, kontextualisiert und konfrontiert mit seiner eigenen, vielspurigen Vergangenheit. Neben einer großen Retrospektive, die dieses Jahr der Stadt Los Angeles gewidmet war, finden sich im Programm gleich eine ganze Reihe kleinerer und größerer Programme, die Vergangenes und Vergessenes wiederbeleben, zu neuem Recht kommen lassen. 2008 widmete sich das Festival unter anderem dem deutschen Regisseur Werner Schroeter, dessen neuestes Werk Diese Nacht (Nuit de Chien) gleich von 14 älteren Filmen aus fünf Jahrzehnten begleitet wurde, dem ambitionierten österreichischen Filmverleih Stadtkino, dem amerikanischen Independent-Filmer John Gianvito, der (bislang) obskuren Stummfilmdiva Nora Gregor und dem Sänger Bob Dylan.

Eine solche Programmpolitik ermöglicht einen historisierten Blick aufs Kino, wie er außerhalb der Viennale nur in Ausnahmefällen möglich ist. Kontinuitäten werden sichtbar, etwa im Werk der Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne, deren letztes Werk Lornas Schweigen (Le Silence de Lorna) gemeinsam mit ihrem Erstling La Promesse aus dem Jahr 1996 zu sehen war. So kann nachvollzogen werden, wie der rauhe Sozialrealismus des Debüts über die Jahre und Filme einer klassischeren, ruhigeren Filmsprache gewichen ist, ohne, dass die Belgier ihrem ästhetisch-politischen Projekt untreu geworden wären.

Chop Shop

Oder Christian Petzold. Dessen internationaler Durchbruchsfilm Jerichow, in Venedig und Toronto teilweise frenetisch gefeiert, wurde begleitet vom nationalen Durchbruchsfilm Die innere Sicherheit (2000). Auch diese beiden Filme zeugen von einer konstanten Autorenhandschrift, von einer durchgängigen Sensibilität für die sozialen Transformationen des wiedervereinigten Deutschlands. Freilich ist bei Petzold noch deutlicher eine Entwicklungslinie zu erkennen, der neueste Film fasst sein Thema präziser als alle Vorgänger, Jerichow ist ein geradliniges, konsequentes Melodram, das mit Wucht auf sein bitteres Ende zusteuert. Es geht um die heimliche Liebe des ehemaligen Soldaten Thomas (Benno Führmann) zu Laura (Nina Hoss), der Frau seines Chefs. Der Chef wird verkörpert von Himli Sözer und gerade seine Figur verleiht dem Film eine Spannung, die Petzolds vorherigen Filmen bei aller intellektuellen Brillanz manchmal noch fehlte.

Oft führen die Spuren weiter und auf weniger geraden Pfaden in die Vergangenheit. Ramin Bahranis Chop Shop etwa, schon auf der diesjährigen Berlinale ein absoluter Höhepunkt, der dort unverständlicherweise im Kinderprogramm versteckt wurde, nimmt das Erbe eines US-amerikanischen Neorealismus auf. Bahranis Werk spielt in einem mexikanisch geprägten, sonnendurchfluteten Armenviertel New Yorks und erzählt die Geschichte zweier elternloser Geschwister, die sich den Traum von einem eigenen kleinen Unternehmen verwirklichen möchten. Chop Shop überzeugt dank des genauen, unsentimentalen und dennoch humanen Blicks auf seine Figuren und deren Verhältnis zu der größtenteils feindseligen Umgebung, in der sie sich bewegen.

Von Städten und Menschen

Los Angeles Plays Itself

Die Retrospektive ermöglicht die Entdeckung eines heute fast völlig vergessenen Kinos, das in den 70er und 80er Jahren aus anderer Perspektive und am anderen Ende der USA etwas ähnliches versucht hat. Gleich drei Filme schwarzer Regisseure aus L.A. programmiert der diesjährige Retrospektivenverantwortliche Thom Andersen, Regisseur des längst kanonischen Essayfilms Los Angeles Plays Itself, der ebenfalls in Wien zu sehen war: Haile Gerimas Bush Mama (1975), Charles Burnetts My Brother’s Wedding (1983) und Billy Woodberrys Bless Their Little Hearts (1984).

Diese drei Filme spannen ein ganzes Feld an Möglichkeiten für ein sozial engagiertes Kino auf: radikal und kämpferisch wie Bush Mama, die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, deren politisches Bewußtsein langsam aber sicher erwacht, analytisch und reflektiert wie My Brother’s Wedding, eine kritische Auseinandersetzung mit schwarzem Selbstverständnis in der Post-Civil-Rights-Phase, melancholisch-kontemplativ wie Bless Their Little Hearts, eine herzzerreißende Studie über den langsamen Zerfall einer Familie in Zeiten der Arbeitslosigkeit. Alle drei Filme sind Elemente einer verdrängten Gegengeschichte des amerikanischen Kinos jenseits von New Hollywood, eines Kinos, das sich stärker am radikalen politischen Kino Süd- und Lateinamerikas orientiert als am klassischen Genresystem oder europäischem Kunstkino.

Hickey & Boggs - Magnum Heat

Die Geschichte der schwarzen Gegenkultur wurde in anderen Programmen der Viennale ausgebaut. Cle Sloans für den amerikanischen Fernsehsender HBO produzierte Dokumentation Bastards of the Party über Jugendgangs in L.A. verlängert sie in die Gegenwart, John Akomfrahs beeindruckender Debütfilm Handsworth Songs aus dem Jahr 1986 transportiert sie von den USA nach Großbritannien. Akomfrah findet eine beeindruckend freie Form für seine Auseinandersetzung mit den historischen Handsworth-Aufständen in Birmingham. Nachinszenierungen, Interviews, dokumentarisches Material und historische Exkurse fügen sich zu einem ebenso analytischen wie wütenden Essay.

Doch auch näher an den dominanten Strömungen der Filmgeschichte macht Thom Andersen vergessene Perlen ausfindig. Den Neo-Noir Hickey & Boggs (1971, dt: Magnum Heat) etwa, ein delirierender und dynamischer Streifen, in dem Bill Cosby (!) und Robert Culp (auch Regie) als abgehalfterte Privatdetektive unterwegs sind. Die beiden, aber auch alle andere Beteiligten, verlieren in einem labyrinthischen Plot in Windeseile den Überblick, die resultierende Verunsicherung entlädt sich immer wieder in harten, packenden Actionsequenzen von epischem Format. Hickey & Boggs wurde seinerzeit von der Kritik in der Luft zerrissen und verschwand schnell in der Obskurität, heute kann er auf seine ruppige und etwas trashige Art mühelos neben Klassikern wie Chinatown (1974) und Der Tod kennt keine Wiederkehr (The Long Goodbye, 1973) bestehen.

My Brother´s Wedding

Curtis Harringtons Night Tide aus dem Jahr 1961 ist nicht ganz so obskur aber eine ähnlich große Entdeckung. Harrington, einer der großen Außenseiter der amerikanischen Filmgeschichte, orientiert sich an den Horrorfilmen Val Lewtons aus den 1940er Jahren und entwirft eine mysteriöse Geschichte rund um Meerjungfrauen, Wassermonster und -leichen, die fast ausschließlich über Stimmungen funktioniert. Noch weiter zurück in der Filmgeschichte stößt die Retrospektive auf Josef von Sternbergs Debütfilm The Salvation Hunters (1925). Auch der ist weniger an einem Plot interessiert – es geht um einen Mann, eine Frau und ein Kind, die sich in ihrer Not zusammentun, eine Art Ersatzfamilie gründen und schließlich in die Hände brutaler Halbweltgestalten geraten – als an atmosphärischen Momentaufnahmen. Aufgrund des geringen Budgets konnte von Sternberg seiner Vorliebe für Ausstattungsexzesse noch nicht Genüge tun, deutlich zu erkennen ist jedoch schon das außergewöhnliche Gespür des Regisseurs für Bildgestaltung und Lichtsetzung.

Freilich lassen sich auch in der jüngeren Vergangenheit erstaunliche Entdeckungen machen. Die vielleicht erstaunlichste des gesamten Festivals war der US-amerikanische Independentfilmer John Gianvito. Dessen Werk, das die Viennale fast vollständig präsentierte, umfasst nur eine Handvoll Filme, die von den frühen 80er Jahren anentstanden sind. Insbesondere die zwei neuesten Langfilme des Regisseurs können ohne weiteres zum Faszinierendsten gezählt werden, was das amerikanische Kino in diesem Jahrzehnt hervorgebracht hat.

The Mad Songs of Fernanda Hussein

Der knapp dreistündige Spielfilm The Mad Songs of Fernanda Hussein aus dem Jahr 2001, dessen Produktion sechs Jahre in Anspruch genommen hatte, zeichnet mittels mehrerer paralleler Handlungsstränge ein eindringliches und präzises Bild der USA während und kurz nach dem zweiten Golfkrieg. Der Film widmet sich Außenseitern und Ausgestoßenen, die an den patriotischen Pflichtübungen ihrer Landsleute nicht teilnehmen wollen oder können. Ergreifende, beispielhafte Einzelschicksale fügen sich zu einem Monument der Wut und Verzweiflung, zum Porträt einer Gesellschaft, die von den Menschen, aus denen sie besteht, abstrahiert und diese nur noch als manipulierbare Verfügungsmasse begreift.

Ganz ähnliche Themen verhandelt Gianvito in völlig anderer Form in dem Essayfilm Profit Motive and the Whispering Wind aus dem Jahr 2007. Noch konkreter als in The Mad Songs of Fernanda Hussein geht es hier um die unterdrückten, zum Schweigen gebrachten Kräfte der amerikanischen Gesellschaft. Gianvito filmt Gräber von Bürgerrechtlern, Gewerkschaftsaktivisten, Frauenrechtlerinnen, aufständischen Sklaven und indianischen Opfern der europäischen Eroberung Amerikas. Dabei verzichtet er vollständig auf Kommentare und zu weiten Teilen auf sonstige Manipulationen. Der Film beginnt tief in der Vergangenheit und nähert sich der Gegenwart. Dort angekommen, wagt er einen fulminanten Sprung ins Hier und Jetzt. Profit Motive and the Whispering Wind vereint auf überraschende und kraftvolle Art und Weise Techniken des kontemplativen Experimentalfilms, wie man sie etwa von James Bennings Werken kennt, mit radikaler politischer Agitation.

Manila in the fangs of darkness

Neue Visionen und alte Meister

Birdsong

Neben solchen Entdeckungsreisen in die Filmgeschichte hat auf der Viennale traditionell auch die Avantgarde des Gegenwartskinos ihren Platz. Dieses Jahr war diese vertreten durch unter anderen Khavn de la Cruz, Albert Serra und Lisandro Alonso. Khavn ist das Enfant Terrible des neuen philippinischen Films, ein Multitalent, das manchmal fünf bis sechs Spielfilme pro Jahr dreht und diese bisweilen mit seiner eigenen Band „The Brockas“ live begleitet. Manila in the Fangs of Darkness (Maynila sa mga pangil ng dilim) greift einen klassischen Film des philippinischen Kinos auf, Lino Brockas Manila in the Claws of Light (Maynila: Sa mga kuko ng liwanag) aus dem Jahr 1975 und schickt dessen Hauptdarsteller auf eine Odyssee durch Manila. Während der heruntergekommene Bembol Roco durch die in grobkörnigen digitalen Bildern präsentierte Stadt eilt und dabei eventuell – die Frage, was real ist und was nicht, kann man in diesem Film noch nicht einmal stellen – wahllos Passanten niedermetzelt, dringen Bilder aus Rocos früheren Rollen in den Film ein und bringen die Handlung endgültig zum Entgleisen. Was sich hier denkbar konfus anhört, ist, eine gewisse Frustrationstoleranz vorausgesetzt, eine hoch interessante Kollision von Film- und Realgeschichte.

Noch mehr Frustrationstoleranz benötigt man für Serras Birdsong (El cant dels ocells). Die Heiligen Drei Könige (besser gesagt: Serras eigenwillige Interpretation der Heiligen Drei Könige) stolpern durch Schneewehen und Sanddünen, führen absurde Gespräche und landen irgendwann doch am Ziel ihrer Reise. In starren, schier endlosen Einstellungen verlieren sich die Figuren im Hintergrund, drehen Pirouetten und sind auch mal minutenlang damit beschäftigt, ihre Mäntel zu wechseln. Gibt man ihm die nötige Zeit, verwandelt sich Birdsong in eine ergreifend menschliche Annäherung an Mythologie, wie sie auch schon der Vorgängerfilm Honor de cavalleria (2006) unternommen hatte.

Le premier venu

Verglichen mit Khavn oder Serra macht Alonso inzwischen schon fast klassisches Kino. In Liverpool beobachtet er in wunderschönen Einstellungen die Reise eines Matrosen in die Heimat seiner Eltern. Der neue Film ist zwar nicht unbedingt narrativer, aber weniger archaisch als die früheren Werke seines Regisseurs (La libertad, 2001; Los muertos, 2004). Tiere werden mit Fallen getötet, nicht mehr mit den bloßen Händen und vor dem Essen werden sie gekocht. Liverpool ist die konsequente Fortsetzung des minimalistischen Kinos Alonsos und doch hat man das Gefühl, dass diesem mit dem Abschied aus dem Dschungel etwas Entscheidendes abhanden gekommen ist.

Auch Lucrecia Martel, die international bekannteste Vertreterin des jungen argentinischen Kinos, war mit ihrem neuen Film in Wien vertreten. The Headless Woman (La mujer sin cabeza) gehörte zu den besten neuen Filmen der Viennale. Die Geschichte einer Frau, die nach einem Autounfall das Gedächtnis verliert und bald den Verdacht schöpft, dass sie am Tod eines Menschen Schuld sein könnte, fügt sich dank sorgsamer Bildgestaltung und einem gleichmäßigen Erzählfluss zu dem eindringlichen Porträt einer Frau, die aus dem Takt gerät, den ihr die Gesellschaft vorgibt. Gleichzeitig öffnet sich der Film den sozialen Strukturen Argentiniens und vor allem deren strikten Hierarchien, die umso brutaler sind, je unsichtbarer sie bleiben.

La frontière de l'aube

Obwohl der Schwerpunkt in Bezug auf aktuelle Filme in Wien auf Werken junger Filmemacher liegt, haben es dennoch ein paar Altmeister ins Programm geschafft. Eric Rohmers bislang letzter Film Les amours d’Astrée et de Celadon aus dem Jahr 2007, die Verfilmung eines Hirtenromans aus dem 17. Jahrhundert, kommt zwar leicht, locker und verspielt daher, in der beeindruckenden Filmografie Rohmers wird er aber höchstwahrscheinlich eine amüsante Fußnote bleiben.

Ganz anders Jacques Doillon und Philippe Garrel, zwei weitere Großen des französischen Kinos. Sowohl Doillons Le premier venu als auch Garrels La frontière de l’aube sind im besten Sinne durchgeknallte Filme, Werke, die sich klassischen dramaturgischen Formen widersetzen und ihr Heil im Idiosynkratischen, Bizarren und Wahnwitzigen suchen. Vor allem letzterer begeistert in seiner radikalen Bekenntnis zur bedingungslosen Kinoromantik. Es geht um eine doppelte Amour fou, deren Dreh- und Angelpunkt Garrels Sohn Louis verkörpert und die selbst nach dem Tod nicht beendet ist. In dynamischen Vignetten, die oft nicht mehr sind als ein, zwei Fetischbilder, ein paar kurze Bewegungen, die sich erst in ihrer Gesamtheit zu einer Erzählung fügen, nähert sich Garrel einer Ästhetik, die eigentlich eine des Stummfilms ist: Extreme Großaufnahmen, assoziative Montage, Tricklenden. Ein Film, wie aus der Zeit gefallen. Und deshalb genau richtig in einem Festival wie der Viennale.

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