Verwischte Erinnerungen – Die Filme von Alfred Guzzetti

Durch die Kameralinse die Familie verstehen lernen. Das Berliner Festival Unknown Pleasures hat dem amerikanischen Dokumentaristen Alfred Guzzetti eine Werkschau gewidmet.

Family Portrait Sittings

Mit den eigenen Eltern verbindet viele von uns ein ebenso inniges wie gestörtes Verhältnis. In späteren Jahren ist diese Beziehung häufig von einer Angst vor Intimität geprägt, was schon deshalb seltsam ist, weil es wohl sonst kaum jemanden gibt, der einen schon so nackt und verletzlich gesehen hat. Doch gerade die Nähe, die man in der Kindheit erlebt hat, möchte man mit den Jahren hinter sich lassen, auch weil man sich eingestehen muss, dass man lange eine sehr beschränkte Vorstellung von den eigenen Eltern hatte. Spätestens wenn es um Sex geht, würden die meisten Kinder lieber sterben, als sich die Bettgeschichten ihrer Erzeuger anzuhören. Gleichzeitig steigt mit der Distanz aber auch das Interesse an den blinden Flecken der Familiengeschichte – ein Dilemma, das sich nicht ohne Weiteres lösen lässt.

Der amerikanische Filmemacher Alfred Guzzetti scheint zu seinen aufgeschlossenen und sympathisch wirkenden Eltern ein sehr offenes Verhältnis zu haben und litt vielleicht deshalb nie unter solchen Berührungsängsten. Doch in seinem Film Family Portrait Sittings (1975) wirkt es durchaus so, als würde ihm erst die Kamera erlauben, seine Familie wirklich zu verstehen. Das Genre des Dokumentarfilms nimmt er zum Anlass, einmal genau nachzufragen, zum Beispiel wie das denn damals war, als er auf die Welt gekommen ist, als der Vietnamkrieg ausbrach, die Guzzettis unsicher waren, ob sie mit einem Kind noch finanziell über die Runden kämen und welches Verhältnis sie überhaupt zur katholischen Kirche haben.

Verwischte Erinnerungen

Scenes from a Childhood

Der Regisseur Thomas Heise beschwerte sich vor Kurzem in einem Interview, dass der Nachwuchs im dokumentarischen Kino heute nur noch Familientherapie betreibt. Tatsächlich ist Guzzettis Film von der Geschichte eingeholt worden. Was damals noch Pionierarbeit war, ist heute ein weit verbreitetes Sujet. Aber Family Portrait Sittings kann auch in der Gegenwart noch bestehen, denn die Herangehensweise reicht weit über ein Familienporträt hinaus. Gerade weil sich der Film auf die Besonderheiten der Familie konzentriert, nimmt er sich automatisch auch größerer Themen an. Denn erzählt wird nicht nur von den Eltern, Onkeln und Großvätern, sondern auch von einer bestimmten Generation (die noch die große Depression mitbekommen hat), einem bestimmten Kulturkreis (dem der Italoamerikaner) und universellen menschlichen Wünschen (etwa der Absicht, dass die Kinder es einmal besser haben sollen). Dabei geht der Film zunächst bis ins Italien des frühen 20. Jahrhunderts zurück, hält sich dann aber nicht – wie viele der reportagehaften Dokumentationen – sklavisch an eine chronologische Reihenfolge, sondern widmet sich einer losen Anordnung unterschiedlicher Themen (Identität, Selbstverwirklichung, ökonomische Zwänge usw.) und persönlicher Rekapitulationen, die Guzzetti selbst einmal als verwischte Erinnerungen bezeichnete. Letztlich ist es nicht die Geschichte einer Familie, die hier auf die Leinwand gebracht wird, sondern eine Ansammlung vieler kleiner Erzählungen, die nicht immer ein harmonisches Gesamtbild ergeben müssen.

Bilder, die Fragen aufwerfen

Time Exposure

Neben Herr und Frau Guzzetti auf ihrer Wohnzimmercouch sind es vor allem die Artefakte der Vergangenheit, für die sich der Film interessiert. Einrichtungsgegenstände zum Beispiel, die schon seit Jahrzehnten herumstehen und mit Panoramaschwenks von der Kamera eingefangen werden, aber mehr noch die zahlreichen Fotos und Filmaufnahmen, denen die Funktion von Rückblenden zukommt. Auch die eigenen Erinnerungen des Filmemachers finden darin ihren Platz. (Wie war das noch, als die italienischstämmige Großfamilie sich damals zum Gruppenfoto versammelt hat und der kleine Alfred seine erste Kamera bekam?) Dabei dient das Archivmaterial nicht nur als Erinnerungsstütze und Illustration, es führt immer auch ein Eigenleben, wirft mindestens so viele Fragen auf, wie es beantworten kann. Sympathisch ist das Konzept des Films auch, weil es für eine bemerkenswerte Erzählung nicht unbedingt spektakuläre Fakten braucht, wie man sie etwa aus dem fiktionalisierten italoamerikanischen Kosmos von Martin Scorsese kennt. Manchmal genügt das ganz normale Leben, betrachtet von einem neugierigen Verwandten.

Die Gedanken darüber, wie ein Bild entstanden ist, was es erzählt und auch was wäre, wenn es dieses Bild nie gegeben hätte, baut Guzzetti fast vier Jahrzehnte später in seinem Kurzfilm Time Exposure (2012) noch weiter aus. Diesmal ist es die Fotografie einer leeren Straße bei Nacht, für die der Vater des Filmemachers einst einen Nachwuchspreis gewann. Auch hier gilt: Die Wahrheit gibt es nicht, nur verschiedene Ansätze, sich ihr zu nähern. In anderen Filmen findet sich dieses Motiv ebenso wieder, etwa in Pictures of a Revolution (1991), den Guzzetti mit Richard P. Rogers und der Fotografin Susan Meiselas in Nicaragua drehte. Im Zentrum stehen einige ikonisch gewordene Fotos, die Meiselas Ende der 1970er Jahre während des Bürgerkriegs schoss. Was ist aus den Menschen auf den Bildern geworden? Was ist ihre Vorgeschichte? Wie haben sie sich weiterentwickelt? Immer wieder grübelt Meiselas aus dem Off darüber, wie fragil unsere Konstruktionen von Geschichte sind und wie leicht sich vermeintlich dokumentarische Bilder falsch lesen lassen.

Vertraute fremde Welt

Scenes from a Childhood 2

Fotografische Reproduktionen als Archivstücke eines Lebens, als Anreiz, sich immer wieder Gedanken über Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und natürlich auch sich selbst zu machen, darum geht es gewissermaßen auch in Scenes from a Childhood (1980). Diesmal ist es Guzzetti selbst, der Bilder für die Nachwelt produziert. In der letzten Einstellung zeichnet er seinen Sohn auf, der nicht so recht verstehen will, warum der Vater ihn filmt. Guzzetti gibt eine Antwort, die hinsichtlich seines Werks nicht überrascht: Er möchte, dass sein Sohn einmal sehen kann, wie er als Kind war. Scenes from a Childhood funktioniert im Grunde genommen wie ein ethnografischer Film im eigenen Freundeskreis: Er begibt sich in ein bestimmtes Milieu, um dort spezifische Formen der Kommunikation zu beobachten. In längeren Szenen widmet er sich verschiedenen Kindern beim Spielen. Die Kamera ignorieren die 3- bis 4-Jährigen schnell, und Erwachsene tauchen ohnehin kaum auf. Umso fokussierter kann man sich auf die fantastische Parallelwelt einlassen, die sich hier eröffnet. Zwischen Nonsens-Dialogen, disharmonischen Gesängen und viel Geschrei eröffnet sich ein Kosmos voller martialischer Kämpfe und zauberhafter Verwandlungen. Die Fremdbestimmtheit der Kinder wird dabei nur am Rande thematisiert – etwa wenn ein Geschwisterpaar traditionelle Geschlechterrollen imitiert. Vielmehr feiert Guzzetti die Freiheit und Anarchie der Kleinen, ohne ihre Ängste oder ihre Sexualität zu verschweigen.

Zwischen Family Portrait Sittings und Scenes from a Childhood scheint der Regisseur eine entscheidende Wandlung vom Sohn zum Vater durchgemacht zu haben. Aber eine auffallende Gemeinsamkeit zwischen den beiden Filmen und auch anderen Werken des Regisseurs gibt es doch: Erst der Blick durch die Kameralinse ermöglicht es, die eigene Familie besser zu verstehen; eine Welt, die zwar vertraut ist, dabei aber immer ein wenig fremd bleiben wird.

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