Venedig 2013: Ein Zaun um die Kunst

Kritische Nachbemerkungen zu den 70. Filmfestspielen und Notizen zu den beiden großen Siegern Sacro GRA und Miss Violence.

Angesichts der vielen pompösen Festivals weltweit ist die nüchterne Ruhe am Lido eine Wohltat. Dazu passt auch, dass ein Jubiläum wie die 70. Ausgabe eher nebenbei und selbstkritisch begangen wird. Die „Mostra del Cinema“ – wörtlich: Kino-Ausstellung – hat eine bewegte 81-jährige Geschichte hinter sich, die sich schon allein darin spiegelt, dass das Festival einige Male ausfallen musste – etwa während des Zweiten Weltkriegs und mehrmals wegen klammer Kassen. In den düstersten Jahren stand die Filmauswahl ganz unter faschistischer Ägide, Leni Riefenstahl und Veit Harlan erhielten die großen Auszeichnungen. In den 70er Jahren wurde dagegen im Geiste von Achtundsechzig auf den Wettbewerb verzichtet: In der Kunst wird nicht konkurriert.

Stray Dogs 01

In einem gleichermaßen sympathischen wie offenbarenden Projekt der Vergangenheitsbearbeitung präsentierte das Festival nun kurze Filmberichte aus seiner Geschichte, die auch vor peinlichen Anekdoten nicht haltmachten. Vor allem kontrastieren diese Clips die heutige Fernsehberichterstattung: Von der damaligen Begeisterungsfähigkeit und Ehrlichkeit, die dann auch einmal einen ernüchterten Reporter von zweiwöchiger Langeweile sprechen lässt, bleibt heute nichts mehr. Wenn die TV-Kollegen nicht gerade im Werbemodus bedenkenlos abfeiern, dann müssen sie staatstragend noch die banalsten Filme mit einer gesellschaftlichen Bedeutung aufhübschen, als wäre ihnen qua Medium die Kritik als Mittel der Differenzierung abhanden gekommen. Und wer während der Festspiele einmal einen Blick in die Frankfurter Allgemeine Zeitung geworfen hat, dem dürfte es kalt über den Rücken gelaufen sein angesichts der Verachtung, mit der dort über Film als Kunst geschrieben wurde. Unter dem vielleicht groteskesten dieser Artikel prangt, als wäre nichts gewesen: „in memoriam Michael Althen“.

Feng Ai 01

Machen wir keinen Hehl daraus, dass diese 70. Mostra hinter den Erwartungen zurückbleiben musste. Alberto Barbera, seit 2012 künstlerischer Leiter des Festivals, steht für eine Politik der Ausgrenzung des Radikalen – besonders beim filmischen Nachwuchs. Die künstlerischen und intellektuellen Herausforderungen bieten nun fast ausschließlich etablierte Filmemacher „außer Konkurrenz“, wie Wang Bing, Miguel Gomes, Frederick Wiseman, Kim Ki-duk und Paul Schrader. Daneben hat Barbera wie bereits in seiner ersten Amtszeit zu Anfang des Jahrtausends eine Nachwuchsreihe ins Leben gerufen: Biennale College Cinema. Eine mutige Programmauswahl baut aber gerade keinen Zaun um das Neue und erst recht nicht um das Sperrige.

Als formal abenteuerliche Werke schafften es lediglich Stray Dogs von Tsai Ming-Liang, Under the Skin von Jonathan Glazer und Die Frau des Polizisten von Philip Gröning in den Wettbewerb. Doch selbst diese Filme blieben hinter ihrem Potenzial – mal mehr, mal weniger – zurück. Die positiven Überraschungen waren dagegen zwei Filme, die eine in sich ruhende Perfektion in einem klassischen, minimalistischen Gewand suchten: Philippe Garrels La jalousie und Xavier Dolans Tom at the Farm. Leise entfalten beide ihre je eigene Intensität, die sich wie ein innerer Hall noch lange nach der Darbietung fortsetzt.

Zu fast allen diesen Filmen finden sich bei uns bereits Kritiken. Wie es die recht eigene Logik von Festivaljurys so will, haben wir allerdings die zwei großen Preisträger, den griechischen Beitrag Miss Violence und den italienischen Dokumentarfilm Sacro GRA, ausgelassen. Daher folgen anschließend ein paar Gedanken zu diesen beiden Werken, die bei uns nicht ganz absichtslos untergegangen sind.

Miss Violence 1

Miss Violence von Alexandros Avranas

Die Finanz-Troika ist schuld, dass Miss Violence so ein quälender Film ist. Denn hier wird einmal – heruntergebrochen auf das handliche Format einer Kleinfamilie – durchexerziert, wie man sich den strukturreformierten und dem Spardiktat unterworfenen Griechen vorzustellen hat: penibel, absolut humorlos und empathieunfähig. Ein diktatorischer Patriarch (Themis Panou hat für seine grabesruhige Performance auch den Silbernen Schauspielerlöwen abgegriffen) hält hier alle Zügel in der Hand. Vor und nach jeder Mahlzeit wiegt er die Cornflakes-Packung, damit auch niemand aus dem Familienclan sich heimlich daran bedient, er kontrolliert alle Tagesabläufe, ist Boss und Bankier in einem. Denn alles muss rationiert werden: Geld, Naturalien, und – natürlich – Gefühl und Sexualität.

Gleich am Anfang springt die Enkelin an ihrem Geburtstag vom Balkon. Und auch wenn der Zuschauer schon ziemlich früh das Schlimmste vermutet, lässt sich Regisseur Alexandros Avranas in mausgrauen und exakt austarierten Plansequenzen viel zu viel Zeit, um ein großes Geheimnis daraus zu machen, warum hier alles nach (Groß-)Papas Pfeife tanzt. Wie sein Landsmann Giorgos Lanthimos (Dogtooth, 2009) arbeitet Avranas offen allegorisch, behandelt anhand eines ritualisierten Familienlebens die emotionale und soziale Erosion seines krisengebeutelten Heimatlandes. Miss Violence ist ein hermetischer, durchgerechneter, ungemein selbstbezogener Film, aber als Symptom des griechischen Volkleidens ist er in seiner Hoffnungslosigkeit zumindest mitteilsam.

Sacro GRA 2

Sacro GRA von Gianfranco Rosi

Die Ringautobahn GRA, so fasst es ein einleitender Textbildschirm zusammen, legt sich um Rom wie die Ringe um den Saturn. Im Episodenformat befasst sich Gianfranco Rosis Venedig-Gewinner mit den Menschen, die sich da in geografischer wie sozialer Hinsicht an der Peripherie der Hauptstadtgesellschaft angesiedelt haben. Rosi geht es also mehr um den Planet namens Italien als um die Ringe selbst. Die Autobahn ist nur Motiv für einige kontemplative, musikuntermalte Transitsequenzen.

So richtig schlüssig vermag das zwischen Dokumentation und fiktionaler Formung schillernde Konzept die einzelnen Figuren nicht zu verbinden, weshalb Sacro GRA als Gesamtheit ziemlich nichtssagend bleibt. Dafür entschädigen einige in ihrer Schrägheit durchaus geniale Einzelmomente: Ein Palmenliebhaber zieht mit Kontaktmikrofon und selbstgebrautem Gift auf einen Rachefeldzug gegen eine Schädlingsplage. Ein alternder Statistenprofi berät am Rande eines Fotoroman-Shootings seine junge Kollegin in Sachen Jobsuche und Prostitution. Ganz offensichtlich wollte Rosi ein Gesellschaftsmosaik aus randständigen Elementen bauen. Stilistisch wie diagnostisch bleibt er dabei aber weit hinter Arbeiten wie Matteo Garrones Terra di mezzo (1996) zurück.

Die 71. Filmfestspiele von Venedig finden voraussichtlich vom 27. August bis 7. September 2014 statt.

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