Unwiederbringlich verlorene Unschuld – Die Filme von Terrence Malick

Zur Werkschau im Berliner Kino Arsenal widmet critic.de dem umstrittenen US-Regisseur in den kommenden Tagen eine filmkritische Retrospektive mit Texten zu allen sechs Langfilmen.

To The Wonder 05

Ein erstaunlicher Wandel: War Terrence Malick einst, vor allem in den 1980er Jahren, in denen er keinen einzigen Film drehen konnte, so etwas wie das poetische Gespenst des amerikanischen Filmschaffens, ein ewig abwesendes Versprechen auf ein anderes Kino, scheint er in den letzten Jahren überall gleichzeitig zu sein – auch wenn er in seinem Umgang mit der Öffentlichkeit weiterhin eine fast schon Thomas-Pynchon-hafte Zurückhaltung kultiviert. Nachdem er vorher in vier Jahrzehnten gerade einmal ebenso viele Filme fertiggestellt hat, brachte er zuletzt im Jahresabstand gleich zwei weitere in die Kinos, noch einmal drei (!) weitere befinden sich in der Postproduktion. Damit nicht genug: Anlässlich des baldigen deutschen Kinostarts des aktuellen Werks To the Wonder (2012) zeigt das Kino Arsenal in Berlin eine komplette Werkschau - in deren Rahmen außerdem ein Buch vorgestellt wird, das Dominik Kamalzadeh und Michael Pekler über den Regisseur verfasst haben.

Badlands 04

Aus dieser gefühlten Allgegenwart darf man allerdings nicht ableiten, dass sich ein Konsens über Malicks Werk gebildet hätte. Im Gegenteil: Die Frühwerke Badlands – Zerschossene Träume (Badlands, 1973) und In der Glut des Südens (Days of Heaven, 1978) gelten zwar längst als Schlüsselwerke des amerikanischen Filmschaffens der 1970er Jahre, und auch der Kriegsfilm Der schmale Grat (The Thin Red Line, 1998) wurde fast von allen Seiten gefeiert – wenn auch vielleicht in erster Linie als Comebackwerk eines verloren geglaubten Sohns; jene Filme aber, die Malick mit zunehmend höherer Schlagzahl seit den 1990er Jahren dreht, gehören zu den umstrittensten des gegenwärtigen Weltkinos.

The New World

Vor allem Malick-Kritiker verwenden bei der Besprechung seiner Filme mit Vorliebe religiöse Metaphern. In der Tat könnte man meinen, dass seit The New World (2005) mit jedem Film mehr und mehr ihrer vormaligen Anhänger der Malick-Religion abschwören – und dass sich die Übriggebliebenen mit jedem Film stärker radikalisieren. Aber das ist natürlich bereits die Sicht der Kritiker; Malicks Verteidiger verweisen ganz im Gegenteil auf die introvertierte Sanftheit und emotionale, ganz und gar nicht aggressive Tiefendimension, die besonders seine neueren Werke auszeichnet. Vermutlich ist tatsächlich The New World, mehr noch als der in Cannes mit der Goldenen Palme prämierte The Tree of Life (2011), der zentrale Baustein des Projekts, das Malick verfolgt. Nicht nur, weil der Regisseur zum ersten Mal jenen mit Sicherheit von den Möglichkeiten digitaler Postproduktionstechnologie beflügelten „fließenden Montagestil“ voll zur Geltung bringen ließ, der seine Filme seither prägt (hier ein aufschlussreicher Text über Malicks Arbeitsweise). Sondern auch, weil jene Erzählung von der unwiederbringlich verlorenen Unschuld, die jeder seiner Filme variiert, in Pocahontas’ Leidensweg eine historische, nationalbiografische Dimension erhält, die geeignet ist, auch die intimer konstruierten neueren Filme umzudeuten.

tree of life 05

So oder so gibt es viel zu diskutieren: Würden die philosophisch ambitionierten unter Malicks Kritikern ihm auch dann ein falsches Verständnis von menschlicher Wahrnehmung und phänomenologischer Theorie vorwerfen, wenn sie nicht von seiner Vergangenheit als Heidegger-Übersetzer wüssten? Können diese Filme Gefühle diktieren, Wahrnehmung stehlen? (Und wenn ja: Wären sie dann nicht die größten Wunderwerke, die je einem menschlichen Geist entsprungen wären?) Bezieht sich die Ablehnung derjenigen, die über christlich-pantheistische Motive vor allem in The Tree of Life und To the Wonder klagen, wirklich auf die Filme – und vielleicht nicht doch eher auf die eigene Biografie und eine unvollständige Säkularisierung? Was hat es mit dem Lattenzaun auf sich, der in eben jenen Filmen ein so zentrales Motiv ist? Warum tanzt Kurylenko? Warum ist es ein Problem, wenn Olga Kurylenko tanzt? Fragen über Fragen, für deren Beantwortung nichts hilfreicher ist als ein Blick auf die Filme selbst. Die kleine filmkritische Retrospektive, die critic.de Malick widmet, umfasst Texte zu allen sechs Langfilmen des Regisseurs.

Zu den Texten:

Badlands

In der Glut des Südens

Der schmale Grat

The New World

The Tree of Life

To the Wonder

Zum Programm der Retrospektive im Berliner Arsenal geht es hier

Kommentare zu „Unwiederbringlich verlorene Unschuld – Die Filme von Terrence Malick“


Stefan Jung

Ein sehr schöner, kompakter Text über den Regisseur.
Du erwähnst die zwei zentralen Punkte vor allem der viel diskutierten, aktuellen Spätphase Malicks. Der Link zu seiner Arbeitsweise ist ebenso gelungen wie Deine Anmerkung über die 'Gefühlsdiktion' der Filmbilder. Tatsächlich meine ich genau hier den Knackpunkt zu sehen, denn Gefühle, wie du in Form der Frage stilsicher thematisierst, werden eben nur bedingt 'diktiert'. Jedenfalls ist das die starke, bewusst subjektive Komponente der Bildsprache in Malicks Filmen ab 'The Thin Red Line', die es zweifellos schafft, Gefühle zu vermitteln und Handlungssequenzen in einem hohen Maße zu personalisieren. Lediglich das Multiperspektivische in 'The Tree of Life', bei dem ich mich persönlich einfach zu wenig in die Rolle Sean Penns hineinversetzen konnte, würde ich dem Regisseur in diesem Zusammenhang ankreiden, da ich hier empfand, es ginge vorrangig um diese Figur, doch tauchte sie immer nur als punktueller, lautzeitlich arg kurzer Gegenwartsbezug auf.
Zwei der Kritiken zu den Einzelfilmen gefallen mir seit jeher nicht, weil sie sich über das Subjektive, das, man könnte vielleicht sagen, gefühlsmäßig Variable hinwegsetzen und zuletzt gar mit dem Wort 'missraten' vernichtend und, so scheint mir, gar unangemessen urteilen. Einen gesinnungsmäßigen Generalanspruch über egal welchen Film dieses Künstlers darf es m.E. jedenfalls nicht geben.


Thorsten

Äh, und wo sind die Texte jetzt? Links vergessen? Oder kommen die noch? Bisschen verwirrend.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.