Über Schauspieler
Notizen vom Filmfest München 2010 - Teil 3
Augen und Taten: Carlos von Olivier Assayas.
Ein zweites und vermutlich letztes Mal nach der Uraufführung in Cannes war die Langfassung des Fernseh-Dreiteilers Carlos auf der Leinwand zu sehen. Am 04. November läuft in den deutschen Kinos eine radikal gekürzte Fassung an.
Wie hoch man die Leistung des Regisseurs Olivier Assayas einstuft, steht und fällt vermutlich mit der Einschätzung des Schauspiels. Um den Fernsehzuschauer über die gesamte Spieldauer und immerhin über zwei Jahrzehnte Handlungszeit zu bannen, konzentriert sich Assayas auf eine sehr ökonomische, gebündelte Erzählweise, die in schlichten Bildern ein dramatisches Ereignis nach dem anderen schildert, im Mittelpunkt immer die Figuren.
Schnell waren etliche Stimmen zu vernehmen, Hauptdarsteller Édgar Ramírez trage den Film. Doch bei einem Biopic und politischen Period picture, das zu Beginn mit Fug und Recht auf seine journalistische Vorarbeit hinweist und zum Teil erstaunlich akkurat und pointiert globale politische Zusammenhänge der Cold-War-Ära rekonstruiert, da stellt sich mehr denn je die Frage: wie kann man einen Massen- und Serienmörder darstellen? Nicht als Genrefiktion, sondern basierend auf einer wahrhaftigen Person?
Gerade die großen Eichinger-Produktionen der vergangenen Jahre standen vor einem solchen Problem. Der Untergang (2004) scheiterte (unter vielem anderem) daran: am Versuch, Hitler menschlich begreifbar zu machen, nach allen Regeln der Schauspielkunst nachgeahmt und humanisiert von Bruno Ganz. Doch stellt man eine Ton-, oder Bildaufnahme des Originals gegen Ganz, muss die Mimesis zur Karikatur verkommen. Ähnlich und noch drastischer war die Wirkung bei Moritz Bleibtreus Versuch, sich Baader im entsprechenden Komplex anzunähern. Alles Gefährliche, Charismatische und Gewalttätige der realen Figur blieben verborgen.
Wenig später passierte ihm dasselbe nochmal – in Jud Süß – Film ohne Gewissen gab er einen geifernden und brabbelnden Joseph Goebbels mit stechenden Augen, der wie eine alkoholisierte rheinische Frohnatur daherkam.
Édgar Ramírez begeht nicht den Fehler, seinen Carlos zu überfrachten, ihn mit Details auszustatten, die eine Karikatur zur Folge hätten. Er hat seinen Körper größeren Veränderungen unterzogen, um Entwicklungen im Leben des Terroristen nachzuzeichnen. Und dennoch bleibt ein Problem: die Augen.
Die Faszination an einer Figur wie Carlos liegt, simplifiziert, in einer Grenzüberschreitung, die der Großteil der Zuschauer nie begehen würde, genauso wenig wie die Vielzahl der Schauspieler. In den Augen und der Stimme lassen sich Abgründe erahnen. Nun gab und gibt es Darsteller wie Klaus Kinski und Helmut Berger, die sich selbst ständig in Grenzbereichen bewegen, und denen es auch möglich ist, eine solche Figur zu verkörpern. Gerade am Werk Werner Herzogs kann man die Wichtigkeit einer solchen Besetzung rekapitulieren. Mit Kinski erprobt er den Wahnsinn – so real, wie er die Naturgewalten einzufangen versucht. Christian Bale hat sich zumindest darauf eingelassen, körperlich wirklich das zu durchleben, was seiner Figur widerfährt. In der Zusammenarbeit mit Nicolas Cage gestaltet sich das anders. Da gibt es wieder nur den gespielten Wahnsinn, die Karikatur.
In den Augen von Édgar Ramírez liegt eine Unschuld, so wie in den Auftritten von Bleibtreu eine Unbedarftheit und Harmlosigkeit liegt. Und diese Unschuld steht im krassen Widerspruch zu allem, was der Film uns immerhin fünfeinhalb Stunden über den ehemaligen Topterroristen lehrt. Hat man diesen Widerspruch einmal überwunden, wird Carlos zu einem Erlebnis. Und das hat – ausgerechnet – mit dem Schauspiel seiner Kolleginnen und Kollegen zu tun. Für die deutsche Schauspiel-Nachwuchs-Elite ein Casting der besonderen Art. Während Alexander Scheer als Johannes Weinrich mit ähnlichen Problemen wie sein Kollege Ramírez zu kämpfen hat, beeindruckt Christoph Bach als Hans-Joachim Klein. Gerade weil er einen Menschen spielen darf, dem der Wahnsinn seiner Taten irgendwann bewusst geworden ist, einen zutiefst zerrissenen Mann, der noch heute, trotz abgesessener Haft, nach drei Jahrzehnten im Untergrund, mit seinem Gewissen kämpft. Ein Kampf, den Bach auf die Leinwand transportiert.
Christian Petzold hat in seiner Zusammenarbeit mit Julia Hummer austariert, wie Verletzlichkeit in Aggression umschlägt. Assayas holt sie genau an diesem Punkt ab und Hummer darf die Aggression voll ausspielen, bis die Stimme kippt. Sie drängt ihre Nada dabei nicht in den Vordergrund, bleibt immer ganz Rolle, bis es zu dem Moment der Verzweiflung kommt, wo die Aggression wieder der Verletzlichkeit weicht. Ein Besetzungscoup der seinesgleichen sucht.
Dennoch kann Nora von Waldstätten, die sich vor kurzem noch durch den furchtbaren Parkour mit seinen schwachsinnigen Dialogen kämpfen musste, dem standhalten. Ihre Magdalena Koepp ist fast eine Frau ohne Eigenschaften, sie verfällt Carlos, aber weder Film noch Schauspielerin erliegen der Versuchung, hier eindeutige Zuschreibungen zu treffen.
Und dann ist da noch Jule Böwe, ohnehin ein Leinwand-Phänomen, das sich hier dem Phantom Christa Margot Fröhlich annimmt. Böwe hat in sich eine Kälte und Skrupellosigkeit gefunden, nach der Nadja Uhl erfolglos in ihrem Porträt der Brigitte Mohnhaupt suchte. Ohne Kreischen und Zetern ist sie ganz bedenkenlos inhuman, reines Handeln, ganze Konsequenz, ohne Rücksicht. Sie taucht auf und verschwindet wieder, als Verkörperung des Ungreifbaren, wovon der Film durchgängig erzählt. So kann man Carlos, der vieles zu bieten hat und eine so wirkungsvolle wie erschreckende Einsicht in politische Zusammenhänge des linken Terrorismus liefert, auch auf der Ebene des Schauspiels genießen. Nicht als Schauspielerfilm, sondern als Film, dem es durch sein Casting gelingt, den radikalen Rand einer Ära fühlbar zu machen – mit Ausnahme der Titelfigur.
Veröffentlicht am 04.07.2010
Fotos: Filmfest München
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