ueber Macht

Festival ueber Macht

Erst „ueber arbeiten“, dann „ueber morgen“, jetzt „ueber Macht“. Anfang Januar startet die dritte Ausgabe eines Filmfestivals der neuen Art.

Ueber Macht

Was es mit der Organisation „Die Gesellschafter“ auf sich hat, das erschließt sich nicht immer leicht. Als Projekt der zivilgesellschaftlichen Institution „Aktion Mensch“ im Jahr 2006 gegründet, machen „Die Gesellschafter“ seither vor allem durch Plakataktionen in deutschen Großstädten auf sich aufmerksam. „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“ liest man dann an Bushaltestellen, oder „In jedem von uns steckt ein Träumer“, ohne dass sich die kommunikative Absicht hinter diesen Fragen und Behauptungen unmittelbar erschließen würde.

Etwas weniger kryptisch gestaltet sich ein anderes Betätigungsfeld der Gesellschafter. Seit 2007 veranstaltet die Organisation jährlich ein Filmfestival, das sich sozialpolitischen Fragestellungen im weitesten Sinne widmet. „Die Gesellschafter“ sorgt dabei zunächst nur für die Finanzierung und die Filmauswahl, die konkrete Planung des Festivals wird mit lokalen Partnern, größtenteils kleinen Programmkinos, vor Ort durchgeführt.

In 120 deutschen Städten soll „ueber Macht“, die dritte Ausgabe des Festivals, dieses Jahr zu sehen sein. Terminiert sind freilich erst die wenigsten Stationen. Sollten die Veranstalter ihre ambitionierten Pläne in die Tat umsetzen, hätten sie kurzerhand das wahrscheinlich größte Filmfestival Deutschlands aus dem Boden gestampft. Es handelt sich dabei, könnte man sagen, um ein Filmfestival der neuen Art. Die Filme sind in einer Veranstaltung wie „ueber Macht“ zunächst nicht an sich von Interesse. Primär dienen sie als Andockpunkt für sozialpolitische Diskurse und vor allem Institutionen.

Die dünnen Mädchen

Jeder einzelne Film wird von unterschiedlichen, teilweise von Ort zu Ort wechselnden Partnern unterstützt, die eine große diskursive Spannbreite abdecken, von Attac und Greenpeace über die Friedrich-Naumann-Stiftung bis zur therapeutischen Wohngruppe Mondlicht aus Berlin, die den Dokumentarfilm über Bulimie Die dünnen Mädchen präsentiert. Dass die Filme bei einer Veranstaltung wie „ueber Macht“ eher wie ein querfinanzierter Wurmfortsatz einer zivilgesellschaftlichen Superstruktur erscheinen denn als genuiner Zweck der gesamten Unternehmung, sagt nichts über den Wert des Festivals aus. Aber viel über den vor allem finanziellen Zustand der deutschen Programmkinos, die heilfroh sind, mithilfe der vorfinanzierten Gesellschafter-Filme wenigstens eine gesicherte Einnahmequelle im Jahresprogramm platzieren zu können.

Die erste Station des Festivals ist das Berliner Zeughauskino. Bereits ab dem zweiten Januar läuft dort ein Programm, das sich aus dem dreizehnteiligen Hauptprogramm des Festivals und einem eigens für Berlin programmierten Vorlauf zusammensetzt. Beide Programmteile interpretieren die inhaltliche Vorgabe des Veranstaltungstitels leger. Das Festival möchte sich nicht auf einen einzigen Machtbegriff festlegen.

Citizen Havel

So steht Frederic Wisemans meisterliche, im besten Sinne politische Dokumentation der direktdemokratischen Gesetzgebungsprozesse im US-amerikanischen Idaho State Legislature – schon alleine aufgrund der Tatsache, dass „ueber Macht“ diesen Film in 120 deutschen Städten aufführen wird, gebührt den Veranstaltern Dank – neben Filmen wie Die dünnen Mädchen oder Theo van Goghs Kammerspiel Interview (letzterer ist nur in Berlin zu sehen), die Machtstrukturen als internalisierten im einzelnen Individuum oder im konkret Zwischenmenschlichen auf der Spur sind.

Andere Beiträge, wie beispielsweise Miroslav Janeks und Pavel Kouteckýs Langzeitdokumentation Citizen Havel (Obcan Havel), scheinen Machtfragen sogar explizit auszuklammern. Das Porträt Václav Havels präsentiert den tschechischen Staatsmann in intimen, emotionalen Situationen, spart jedoch die tagespolitischen Begebenheiten über weite Strecken ebenso aus wie die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen Tschechiens nach der Neuorientierung in Richtung Westen. Ein durchaus interessanter Film ist Citizen Havel, doch seine Programmierung in „ueber Macht“ erscheint ein wenig willkürlich und unmotiviert, fast wie die Plakataktionen der Gesellschafter.

Weiterführende Links:

Homepage des Festivals bei dieGesellschafter.de

Kommentare zu „ueber Macht“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.