Twin Peaks 2017: Wir reden jetzt nicht über Judy

Das Universum ist kein anheimelnder Ort, aber irgendwann merkt man, dass man in ihm zu Hause ist. Mit Twin Peaks – Die Rückkehr verhält es sich genauso. Und egal, wo man ist, man befindet sich immer genau in der Mitte.

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Es gibt im Laufe der dritten Staffel von Twin Peaks sicherlich eindringlichere und vielgestaltigere Szenen, doch vielleicht keine, in der sich die Grundstruktur der neuen Serie so unmittelbar spiegelt wie in folgender: Der gealterte Benjamin Horne und seine Sekretärin stehen reglos und stumm in einem der holzgetäfelten Zimmer des Great Northern Hotels, eingebettet und umfasst von dem unerklärlichen Summen eines hellen und gleichmäßigen Tons. Mit vorsichtigen Schritten und forschenden Blicken bewegen sich die beiden von einer Ecke des Zimmers zur anderen, doch bleibt der Klang dabei stets unverändert, er hat scheinbar keine Quelle, keinen Ursprung, er durchdringt das Holz der umliegenden Wände, ohne an Kraft und Klarheit zu verlieren, er kommt von allen Seiten, ohne sich zu stauen oder sich im Raum zu verlieren. Eine zweite Ordnung legt sich über die festen Koordinaten der sichtbaren Welt, und das Vertraute und Beherrschbare gibt den Blick frei auf eine innere Unermesslichkeit; Raum und Zeit lösen sich nicht so sehr auf, als dass sie unter dem Blickwinkel der Ewigkeit betrachtet werden – unter dem Blickwinkel einer Größenordnung, die jedes menschliche Vorstellungsvermögen übersteigt. Es sind somit die Dynamiken und Strukturen des Alls, die in dieser Szene den herkömmlichen Bezugsrahmen des menschlichen Lebens, Handelns und Denkens aufbrechen. Und wie im physischen Universum befindet man sich auch in der neuen Staffel von Twin Peaks immer, egal, wo man im Moment stehen mag, genau in der Mitte – das Zentrum bewegt sich immer mit, es verfolgt einen und lässt einen stets hinausblicken in eine Weite, die in alle Richtungen gleich endlos erscheint.

Von galaktischen Haufen und kosmischen Zufällen

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Orientierung oder gar einen Überblick kann es in diesem Bezugssystem nicht geben, und die einzelnen Szenen und Folgen der Serie können folglich auch niemals bloß die klar benennbaren Abschnitte einer gleichförmigen narrativen oder thematischen Entwicklung sein. Ihre Ordnung ist vielmehr die der Sterne und Galaxien, die nur durch äußere, unpersönliche Kräfte zu losen Gruppen und Haufen zusammengefasst werden und die trotz ihrer Nähe nichts voneinander wissen müssen. So fehlt auch den Protagonisten der Serie jede Verbundenheit, es gibt kaum komplizierte und dauerhafte Interaktionen, und in der Regel bedarf es einer enormen Krafteinwirkung – eines Unglücksfalles oder eines Gewaltausbruchs –, um die verschiedenen Figuren überhaupt in denselben Raum zu bewegen. Wenn es doch einmal geschieht, dass zum Beispiel zwei Liebende nach langen Jahren zueinander finden wie Ed Hurley und Norma Jennings, dann wird die entsprechende Szene in überhöhter Intensität mit einem alten, schmelzenden Popsong unterlegt – ein feierlicher Überschwang, der nur umso deutlicher macht, dass ein derartiges Ereignis im Lauf dieser Serie nicht vorhergesehen und eigentlich vollkommen unbegründet ist, dass es weder einen dramaturgischen Höhepunkt noch die Erfüllung eines unausweichlichen Schicksals darstellt, sondern schlicht einen kosmischen Zufall.

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Aber der Zufall kann auch eine Quelle des Wertes sein und die Einsamkeit eine Quelle der Eigenständigkeit. Das Universum ist in seiner Abfolge von absichtslosen Verdichtungen und unermesslichen Leerräumen vielleicht kein anheimelnder Ort, aber trotzdem merkt man irgendwann, dass man in ihm zu Hause ist. Entsprechend dauert es eine Weile, bis man sich in der Struktur der neuen Twin Peaks-Staffel zurechtgefunden hat, und vielleicht muss die Serie auch einfach eine Zeit lang immer wieder ins Leere gelaufen sein, bis man dieses Ins-Leere-Laufen auch als eine Befreiung erlebt. Losgelöst von der Erwartung einer klaren, übergreifenden Entwicklungslinie, können die einzelnen Szenen ihre Dauer, ihren Rhythmus und ihre bildlichen Motive jeweils für sich und immer wieder von Neuem entwickeln. Eine zombieartige Jugendliche auf dem Beifahrersitz neben ihrer kreischenden Oma, eine nächtliche Verfolgungsjagd, die nur über zwei ruhige Scheinwerferlichter im Bildhintergrund dargestellt wird, die Verabschiedung eines FBI-Agenten von seiner eleganten, doch namenlosen Abendbegleitung – diese Szenen werden beharrlich in die Länge gedehnt, bis irgendwann ihre innere Struktur und ihr innerer Intensitätsverlauf deutlich erkennbar wird und ihre Bedeutsamkeit gar keines Bezug mehr auf irgendetwas Äußeres bedarf, auf andere Szenen oder andere Handlungselemente. So erlebt man die aktuelle Staffel von Twin Peaks weniger als ein Ereignis, das in seiner Struktur der geregelten Abfolge unserer Gedanken entspricht, in dem die Bedeutsamkeit der Sinneseindrücke schrittweise erschlossen wird, sondern als einen Zustand, in dem man von dieser Bedeutsamkeit getroffen wird, in vielfältiger Form und auf unerwartete Weise.

Der steady state und das System der permanenten Umkreisungen

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Bevor sich die Urknalltheorie wissenschaftlich durchgesetzt hatte, gab es eine weitverbreitete Vorstellung über die Grundstruktur des Universums, die unter dem Begriff des steady state, des beständigen Gleichgewichts, zusammengefasst wurde. Die Expansionsbewegung des Universums wurde dieser Theorie zufolge von einer kontinuierlichen und gleichmäßigen Neubildung von Materie wettgemacht, das Weltall war folglich zwar von einer permanenten Dynamik durchdrungen, blieb aber dennoch in seiner Gesamtstruktur stets unverändert. Der steady state ist also nicht einfach ein Zustand der stabilen Starrheit, sondern der einer immerwährenden Veränderung, in der jedes Ungleichgewicht – sogleich oder mit einiger Verzögerung – in ein gegenläufiges Ungleichgewicht umschlägt und das permanente Hin-und-Hergeworfensein die einzige verlässliche Größe ist. Auf ähnliche Art und Weise denkt man am Anfang der Staffel, die Verwandlung von Special Agent Dale Cooper zurück in sein altes und eigentliches Selbst sei einer der wenigen klaren Fluchtpunkte der Serie, doch kaum ist diese innere Rückkehr vollzogen – zu einem Zeitpunkt, da man fast nicht mehr mit ihr gerechnet hat –, verschwindet Cooper abermals in einer neuen Wesensform und wacht als irgendein Richard allein in einem Motelbett auf.

Auch in die Zeit ist man in Twin Peaks nie fest eingebettet, eine Reise in die Handlungszeit (und in die tatsächlichen ersten Einstellungen) der Ursprungsserie, die auf eine vollkommene Umformung der Twin Peaks-Mythologie zuzusteuern scheint, endet abrupt und ohne Ergebnis mit einem Sprung in ein unbestimmtes, fremdes Jetzt. So nähert sich Lynch trotz seiner allen Erdenrhythmen enthobenen Perspektive doch wieder ein Stück dem Menschlichen an: Denn auch wenn die Urknallhypothese vielleicht ein genaueres Bild des tatsächlichen Universums bietet als die steady state-Theorie – von einem singulären Ursprung des Universums, von seinem Altern und seiner Ausrichtung auf irgendein endgültiges Schicksal bekommen wir in unserem Leben nicht viel mit. Der Kosmos, wie er mit seinen unermesslichen Kräften in unsere Wirklichkeit einbricht, erscheint vielmehr als ein System der Umkreisungen und Wiederholungen, eine permanente, wirbelartige Veränderung, die doch niemals zu einem Schluss- oder Ruhepunkt führt. Und so lauert auch in Twin Peaks hinter jedem bösen Geist namens BOB eine noch viel bedrohlichere Macht namens Judy – aber über Judy wollen wir nicht reden, tatsächlich wollen wir Judy nicht einmal erwähnen, wir wollen sie aus der ganzen Sache raushalten.

Hier geht es zum zweiten Teil unseres Serien-Rückblicks: www.critic.de/special/twin-peaks-2017-wer-glaubt-schon-an-zeitreisen-4149/

Kommentare zu „Twin Peaks 2017: Wir reden jetzt nicht über Judy“

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