Twin Peaks 2017: Wer glaubt schon an Zeitreisen?

An dieser Klippe bleiben wir hängen: Twin Peaks – Die Rückkehr ist nicht nur ein ganz großer Streich, sondern auch ein ganz großer Strich durch die Rechnung unserer behaglichen TV-Serienkultur.

Twin Peaks Staffel 3 32

„What year is this?“ Agent Cooper hat sich vergaloppiert. War da wirklich jemand so naiv, an Zeitreisen zu glauben? Wenn Nostalgie eine Stimmung ist, ein Begehren des Vergangenen oder dessen, was man für das Vergangene hält, dann ist die Zeitreise der Versuch ihrer Tatumsetzung. Und im Kosmos des David Lynch ist Tatendrang immer gefährlich. Weil wir nicht lassen können, töricht dem Wunsch nachzugeben, geraten wir schnell an seine Grenzen, und das heißt: an seine Realität als Wunsch. Zurückgehen, Laura Palmer retten, das gefallene Mädchen zurück nach Hause bringen, auf dass es erwacht wie aus einem düsteren Traum …

Zurück ins Unheim

Twin Peaks Staffel 3 26

Hollywood ist nicht umsonst als Traumfabrik verschrien, und der Zauberer von Oz, von Lynch immer wieder zitiert, ist ihr vielleicht bestes, zugleich aber gefährlichstes, verlogenstes Fabrikat. „There is no place like home“, sagt Dorothy erleichtert, als sie von ihrer Reise ins Zauberland zurückkehrt. Das Ende von Twin Peaks betont den Satz ein bisschen anders: „There is no place like home.“ Denn was wir dort finden, wo wir jenen Ort vermuten, an den wir zurückkehren wollen, ist ein Unheim. Ein Anwesen, mit Vorgarten und Eingangstreppchen, aber eines, das längst von Fremden bewohnt wird, eines, das ungut unter Strom steht und in dem man unseren Namen nicht zum Abendessen ruft, sondern bedrohlich umherflüstert. Der Glaube an das Gute ist Twin Peaks ein sehr ernstes Anliegen, aber wenn das Gute glaubt, allein durch sein Gutsein ein ganzes Leben, eine ganze Welt retten zu können, dann geht das fehl. Das Spiel mit dem Feuer kennt kein Happy End, denn es ist kein Spiel, sondern ein Gang. Fire walk with me. Die „strange forces of existence“ sind nicht festzuhalten, verbleiben auf dem Lost Highway in Bewegung, und das einzige Fazit nach dem finalen Superhelden-Showdown lautet: „One for the grandkids!“ Aber dann geht’s nochmal weiter, denn der Showdown findet nicht in der letzten, sondern in der vorletzten Episode statt.

Kritik der Fiktion als Therapie

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Lynch und sein Co-Autor Mark Frost haben ein Ende angetäuscht, um es mit Karacho an die Wand zu fahren. Ein letzter Traum, wer auch immer ihn träumt, Agent Cooper im Wald, in der Nacht, in der Laura Palmer gestorben ist/stirbt/sterben wird. Angelo Badalamentis „Laura Palmer’s Theme“ erklingt, von mir nach dem ersten frühen Auftritt so wiederersehnt wie von anderen Coopers Erwachen aus dem Dougie-Limbo, und irgendwann, what year is this, geht der gutmütige Pete fischen und findet keine Leiche mehr, kein Twin Peaks mehr. Aber David Lynch denkt die Welt ja gerade nicht vom Traum aus (und was ist die Zeitreise, wenn nicht ein Traum, der größte der Menschheit und so weiter), sondern vom Trauma – und der Traum, die Fantasie, die Erzählung, die TV-Serie, das sind alles nur Namen für die Arbeit, die wir verrichten, um mit dem Trauma zu Rande zu kommen. Deshalb kann die Sache hier nicht stehenbleiben.

Twin Peaks Staffel 3 16

Wenn Lynch also nun sagt, Twin Peaks sei keine Serie, sondern ein 18-teiliger Film, dann sollte man ihn durchaus beim Wort nehmen. Schließlich ist auch die klassische Serienform, wie sie uns seit einigen Jahren heimsucht, nur ein Traum, der Traum des Wiedererkennbaren, der behaglichen Linearität, letztlich auch der reaktionäre Traum, dass das Neue stets nur im Gewand des Gleichen daherkommt. Wo jeder Erzählstrang eingeholt wird, keine Linie sich verlieren darf, die Fäden höchstens scheinbar auseinanderdriften, um irgendwann doch wieder aufeinander zulaufen zu können. Wenn Twin Peaks: The Return in alle Richtungen flieht, wenn da Erzählstränge eingeleitet werden, die noch im Keim wieder stranguliert werden, Spuren gelegt werden, die im Sande verlaufen, Figuren vorgestellt werden, die bald keine Rolle mehr spielen, Fragen gestellt werden, die niemals beantwortet werden, dann ist das kein arrogantes „Fuck you“ an naive Seriengucker. Es geht nicht um eine künstlerische Performance von Sinnlosigkeit, sondern um die nur mit den Mitteln der Kunst zu erreichende Erkenntnis, dass der Akt der Sinngebung ein prekärer ist, ein Akt, der, um zu funktionieren, immer auch etwas verdrängen muss. Twin Peaks ist Serienkritik nicht als Kritik konkreter Serien, sondern als Kritik an der TV-Serie als Kohärenzstifterin, vielleicht allgemeiner als Kritik am Glauben an die realistische Fiktion als Therapie – und die TV-Serie ist nunmal die gegenwärtig meistbesuchte Therapieform, behauptend, das Leben gehe schon immer irgendwie weiter, und wenn es doch einmal zu einem Ende kommen wird, dann wirst du trotzdem befriedigt sein.

Zeit ist nicht zu fassen

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Twin Peaks dagegen beharrt nicht auf Realismus, sondern auf dem Realen als immer gegenwärtigem Trauma, und deshalb kann es auch Vergangenheit und Zukunft nicht denken, wie andere TV-Serien das gemeinhin tun. Die Vergangenheit lässt sich nicht einfach wieder herauskramen und weiterdenken. Lynch selbst, in seiner Rolle als FBI-Agent Gordon Cole, kann es gar nicht fassen, dass im Sheriff Department von Twin Peaks noch immer Lucy am Hörer sitzt. „Have you been sitting there all these 25 years?“, fragt da ein Regisseur seine Figur ungläubig, und Richard Linklater gerät vielleicht ins Grübeln. Dieses Unbehagen mit dem einfachen Weitererzählen, das sich auch in der von einigen Fans harsch kritisierten, weil scheinbar völlig vom Rest der Serienwelt abgekoppelten Storyline um Audrey Horne manifestiert, ist durchaus konsequent. Lynch/Cole ist derart fassungslos, weil er Serialität nicht als gleichförmig lineares Fortschreiten von Zeit denken kann, sondern nur als verfehltes Kohärenzbegehren, als zum Scheitern verurteilter Versuch, Struktur in etwas zu bringen, das jegliche Strukturierung abstößt. Das Unterlaufen jeglicher Erwartungen an die ersten zwei Staffeln der Serie ist weniger eigenwillige Ausnutzung der von Showtime gewährten künstlerischen Freiheit als der Kern des Lynch’schen Widerspiels von Wunsch und Wirklichkeit. Twin Peaks: The Return war weniger eine Rückkehr im eigentlichen Sinne als das Vorführen ihres notwendigen Scheiterns, eine Abstoßreaktion gegen die Idee der Zeitreise selbst in ihrer harmlosesten, romantischsten Form: Play it again, Dave. Aber: What year is this? Die Zeit ist kein Zuckerschlecken.

Das Leben als Hängepartie

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Wenn die Vergangenheit also nicht ohne Weiteres, nicht ohne fatale Nebenwirkungen, begehbar ist, wenn die Gegenwart Trauma ist, dann ist die Zukunft gar nicht erst denkbar. Twin Peaks richtet sich gegen die Macht des Vorwissens ebenso wie gegen das Versprechen der Antizipation, an dem sich die TV-Recapper so gerne abarbeiten: Wie wird es wohl weitergehen? Ob, wie, wann, warum Twin Peaks nochmal weitergeht, wer weiß das schon, die letzten Szenen von Part 18 können uns dazu nichts sagen. Wenn der Cliffhanger als dramaturgisches Mittel sonst funktioniert, weil er auf das Kommende verweist, weil die Spannung schon von ihrer Auflösung kündet, dann ist das Ende von Twin Peaks der letzte und vielleicht ultimative Strich durch die Rechnung, den wir verdient haben – nicht weil wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht hätten, sondern weil wir überhaupt angefangen haben zu rechnen. Der Cliffhanger wird zum Trauma: zur ewigen Hängepartie. Kein offenes Ende, sondern eine offene Frage, what year is this?, und eine offene Wunde.

Hier geht es zum ersten Teil unseres Serien-Rückblicks: www.critic.de/special/twin-peaks-2017-wir-reden-jetzt-nicht-ueber-judy-4148/

Kommentare zu „Twin Peaks 2017: Wer glaubt schon an Zeitreisen?“

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