Top 10 Filme 2011

Jahresrückblick und Bestenliste 2011.

Essential Killing  (u.a. Venedig, Toronto, Tokio, Rotterdam, Hongkong)

Crazy.Stupid.Love

Tyrannosaur   (u.a. Sundance, Toronto, Tokio)

Blue Valentine  (u.a. Sundance, Cannes, Toronto)

Nader und Simin (u.a. Berlinale, Hongkong, Toronto)

Über uns das All  (u.a. Berlinale)

Jess + Moss  (u.a. Sundance, Berlinale)

Bad o Meh – Wind und Nebel (Berlinale)

Poliezei (Polisse)  (u.a. Cannes)

Another Year  (u.a. Cannes, Toronto)

Perfect Sense (u.a. Sundance)

Herzensbrecher  (u.a. Cannes, Toronto)

The Yellow Sea  (u.a. Cannes, Tokio)

Le Havre  (u.a. Cannes, Toronto)

The Ides of March  (u.a. Venedig, Toronto)

Atmen  (u.a. Cannes, Toronto)

 

Festivals, Gosling, Green

Essential Killing 01

Platter kann man nicht einsteigen: Der essenzielle Film des Jahres ist ... Essential Killing!

Versuchen wir es also anders. Jerzy Skolimowskis Alterswerk ist eine Lehrstunde in Konzentration und Minimalismus. Sein Protagonist kommt ohne eine einzige Dialogzeile aus. Der Film ist visuell überragend, extrem ökonomisch erzählt und montiert. Er packt den Zuschauer und lädt zur Reflexion. Erwähnenswert auch, dass er mit einem geringeren Budget gedreht wurde als Event-Filme deutscher Privatfernsehsender.

Tyrannosaur 01

Essential Killing könnte auch einer anderen Logik folgend an Spitze dieser Liste stehen: Er hat es nicht ins reguläre Kinoprogramm geschafft. Und das nach dem Spezialpreis der Jury, den er anlässlich seiner Weltpremiere in Venedig gewann. Im Anschluss lief der Film noch auf den wichtigen Festivals von Toronto, Tokio, Rotterdam und Hongkong.

Hieran lässt sich eine Entwicklung konstatieren, die in zweierlei Hinsicht bedenklich ist. Die wirklich großartigen Filme laufen durchweg auf den weltweit renommierten Festivals – auf dieser Liste findet sich nur ein einziger Film, der nicht derart promotet wurde. Doch nur die wenigsten von ihnen können daraus Kapital schlagen für die Auswertung im regulären Programm. Tyrannosaur, in Sundance und auf dem Filmfest München als bestes Debüt ausgezeichnet, ließ sich aufgrund seiner Problematik und zum Teil expliziten Gewaltdarstellung einem deutschen Kinopublikum beinahe gar nicht vermitteln. Britische Filme haben es im Programmkino ohnehin schwer, wenn sie nicht gerade als Komödie daherkommen (man denke nur an das Einspieldesaster von Hunger).

Nader And Simin  A Seperation 01

Es klafft also eine unüberwindbare Lücke zwischen der Präsenz dieser Filme auf großen Festivals und der im regulären Kinobetrieb. Und diese Kluft wächst schon seit geraumer Zeit stetig. Seit Jahren grassiert der Witz vom Berlinale-Gewinner, den keiner kennt (U-Carmen anybody?), die letzten Meisterwerke wurden dort zwischen 1999 und 2001 ausgezeichnet. Immerhin liefen drei der hier aufgeführten Filme auf der diesjährigen Berlinale, zwei als Premieren. Beide aus dem Iran, beide erhielten Preise: Nader und Simin den Goldenen Bären, Bad o Meh – Wind und Nebel einen Förderpreis – sonst wäre auch er später wohl nicht noch einmal im Kino aufgetaucht.

Wer in Deutschland gute, nicht-iranische Filme namhafter Regisseure sehen möchte, der muss das Filmfest München besuchen, welches nicht unter dem leidigen Premieren-Druck steht. Dort waren 2011 unter anderem Tyrannosaur, Blue Valentine, The Yellow Sea, Atmen und Le Havre zu sehen.

Letzterer schlug sich erwartungsgemäß gut an den Kassen. Feelgoodmovies sind im Arthousebereich gerne gesehen. Das sollte man dem Film allerdings nicht vorwerfen, denn er ist so ungefähr das Gegenteil eines sich anbiedernden Werkes wie Amélie. Kaurismäki stellt konsequent die Regeln einer eigenen Welt auf, die sich immer als Utopie versteht und nie verlogen wird.

Als Konsequenz aus dieser Liste ließe sich also ableiten: Wer Cannes und Toronto besucht, kann für den Großteil des restlichen Jahres getrost Kinourlaub nehmen. Doch was machen diejenigen, die keinen Zugang zu den sogenannten A-Festivals haben? Nun, in den meisten Fällen warten. Mal kürzer, meistens länger. Mit Pech sehen sie den Film nur synchronisiert, oder gar nicht, weil er sich nur ein bis zwei Wochen im Kinoprogramm der Durchschnittsstadt gehalten hat. Letzte Ausfahrt DVD (auch auf dem BD-Markt tun sich die Festivalkracher schwer).

Drive  1

Die vermutliche Unvollständigkeit meiner Jahresliste ließe sich also naheliegend mit meiner weitreichenden Festival-Abwesenheit 2011 erklären. Aus dem vergangenen Cannes-Programm gilt es beispielsweise noch Drive, Melancholia und Take Shelter nachzuholen.

Im Umkehrschluss der Festival-Konzentration lässt sich aber auch ein zweites Problem ablesen: Es mangelte zuletzt nicht nur an „kleinen Perlen“ und großen Überraschungen. Darüber hinaus darf getrost von einer Krise des Genre- und Unterhaltungskinos gesprochen worden, vor allem beim Weltmarktführer Hollywood. Dort, aber auch andernorts (Detective Dee) hat der massive CGI-Einsatz zu einem enormen visuellen Qualitätsverlust geführt. Von den Drehbüchern ganz zu schweigen – die besten amerikanischen Autoren arbeiten bekanntlich häufig für Fernsehserien. Der letzte wirklich sehenswerte Blockbuster war Christopher Nolans The Dark Knight (2008). In diesem Jahr kamen die wenigen positiven Überraschungen vor allem aus dem Action-Bereich: George Tillmans Faster hatte seine Momente, Die Fortsetzungen Fast & Furious Five sowie Mission Impossible – Phantom Protokoll setzten sich mit Geradlinigkeit und Körperlichkeit an die Spitze ihrer Franchises (wo sich, auf anderen Wegen, auch die gelungenen Planet der Affen: Prevolution und X-Men: Erste Entscheidung positioniert haben). Über einen wirklich furchtbaren Kino-Sommer richtig hinwegzutrösten wusste aber nur Paul Feigs Brautalarm.

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen visuellem Talent und der Fähigkeit, eine kohärente Geschichte zu erzählen. So überzeugen Filme wie Wer ist Hanna? und Tron Legacy nur in einzelnen Sequenzen, häufig im Zusammenspiel von großartigem Location Scouting/Art Design mit Montage und Musikeinsatz. Augenscheinlich wird dies auch an dem hanebüchenen Sucker Punch, der einer gar nicht so verkehrten musikvideoclipartigen Exposition so manch grenzdebilen Moment folgen lässt.

Crazy  Stupid  Love 07

Eine Profession ist von der amerikanischen Film-Krise allerdings ausgeschlossen: das Schauspiel. Es ist in diesem Jahr viel und zu recht über Ryan Gosling geschrieben worden (ein Beispiel). Seit The Believer (2001) ist er das größte Versprechen seiner Zunft, das spätestens mit Half Nelson (2006) eingelöst wurde. Nach dem originellen Lars und die Frauen (2007) hat er eine überlegte Wahl der Waffen getroffen und ist 2011 fulminant auf die Leinwand zurückgekehrt. Mit Crazy, Stupid, Love ist ihm die Überraschung des Jahres gelungen. An der Seite von Steve Carell, Julianne Moore, Emma Stone, Kevin Bacon und Marisa Tomei schafft er nach einem hervorragenden Script von Dan Fogelman, unter der Regie des Duos Ficarra/Requa (I love you, Phillip Morris, 2009) die Balance zwischen Pose und Profundem. Crazy, Stupid Love ist eine Tragikomödie – und eine der wenigen beinahe restlos gelungenen, ein Meisterwerk mit nur wenigen Makeln.

The Ides of March - Tage des Verrats  1

Goslings Bandbreite ist genauso überragend wie seine Rollenwahl. In Blue Valentine, der Rekonstruktion eines Beziehungsscheiterns, rückt Goslings Persona völlig hinter einen Mann fast ohne Eigenschaften in einem Film, der sich gegen konventionelle Figurenpsychologie wie gegen klassische emotionale Strukturen sträubt. Blue Valentine rekonstruiert im Nebensächlichen, scheinbar Zufälligen im Wechsel zwischen Status quo und Status quo ante. Goslings Spiel trägt dieses Konzept. Wieder gänzlich andere Facetten ruft er in The Ides of March ab. George Clooneys bislang gelungenste Regiearbeit vereint mit Tomei, Paul Giamatti (Barney's Version, Win Win) und Philip Seymour Hoffman (Jack in Love) einige der brillantesten Darsteller unserer Zeit. Das ist so offensichtlich wie die wunderbaren Reminiszenzen an Alan J. Pakula sowie die anderen Protagonisten des Paranoia-Kinos und vielerorts gewürdigt worden (auch in diesem Beitrag). Thomas Groh ist es darüber hinaus gelungen, die Topologie des Films zu benennen, welche sich zunehmend als Handschrift Clooneys lesen lässt. The Ides of March ist nur auf den ersten Blick eine Bestandsaufnahme der Obama-Lähmung. Es ist eine zeitlose Studie über Macht (die mancherorts als Moralfabel missverstanden wurde), der es mittels ihrer grandiosen Darsteller gelingt, Mechanismen aufzuzeigen, die unsere Politik stärker bestimmen als Inhalte.

Was als Gosling-Ausblick bleibt, ist das Versprechen Drive. Alles deutet hin auf einen „Run“, wie ihn kein Schauspieler seit Robert De Niro in den 1970er Jahren mehr hingelegt hat.

Nicht unerwähnt bleiben sollte an dieser Stelle Michael Fassbender, der nach Hunger und Fish Tank eine deutlich unglücklichere Rollenwahl getroffen hat und in 300-Erinnerung sogar bei Centurion landete. Doch selbst in einem durchschnittlichen Cronenberg-Film wie Eine dunkle Begierde (A Dangerous Method) ist es faszinierend, seiner Schauspielkunst zu folgen. Ganz zu schweigen von seinem Magneto, der die Phalanx der in Nicholson-Tradition stehenden hyperüberzeichneten Comic-Villains eindrucksvoll durchbricht.

Über uns das All 01

Fassbenders österreichischer Kollege Georg Friedrich, früher vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Ulrich Seidl bekannt, war 2011 in zwei der überragenden Regiedebüts neben Paddy Considines Tyrannosaur zu sehen: Atmen von Karl Markovics und Über uns das All von Jan Schomburg. Besonders in Letzterem darf Friedrich mit seinem Image brechen und weniger bekannte Facetten seines Könnens anbieten.

Perfect Sense 06

Die französische Schauspielerin Eva Green schließlich ist mit Perfect Sense nur mit einem Film in dieser Liste vertreten, ihre Projektwahl steht der eines Ryan Gosling allerdings kaum in etwas nach. So wusste sie in diesem Jahr auch mit Womb zu beeindrucken, einem Inzest/Klon/Liebesdrama, das leider nicht auf allen Ebenen überzeugt, aber durchaus sehenswert ist. 2011 hat sich das Bond-Girl einen Traum erfüllt und mit Tim Burton gedreht. Auf das Ergebnis freuen wir uns. 2012. 

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