The Shield - Alptraum Los Angeles

Politisch fragwürdig, stilistisch wie erzählerisch innovativ: Die Polizeiserie The Shield gehört zum Interessantesten, was das amerikanische Fernsehen derzeit zu bieten hat.

The Shield

Vic Mackey (Michael Chiklis) ist breit gebaut, glatzköpfig, laut und stur. Sowohl Optik als auch Verhalten lassen eher an einen Türsteher denken, denn an einen Polizisten. Dass so einer zum Star einer Fernsehserie taugen würde, hätte noch vor wenigen Jahren kaum einer geglaubt. Doch genau das ist Vic: Star und Hauptattraktion einer der besten und ambivalentesten Polizeiserien Amerikas.

The Shield läuft in den USA seit dem Jahr 2002 auf dem Kabelsender FX und ging Anfang des Monats in die siebte und – dem Vernehmen nach, endgültig entschieden ist noch nichts – letzte Staffel. Trotz oft mäßiger Einschaltquote hielt der Sender der von Shawn Ryan erdachten und produzierten Serie Jahr für Jahr die Treue, aufgrund ihres soliden Stammpublikums und vermutlich auch nicht zuletzt aufgrund des Kritikerlobes und zahlreichen Preisen, die das Image des Senders aufpolieren.

The Shield

Auch das ist neu: Dass ein amerikanischer Fernsehsender mit einer Serie wie The Shield, die nicht nur aufgrund eines extrem hohen Aufkommens an Flüchen Tugendwächtern der klassischen Art sauer aufstoßen muss, sein Image aufpolieren kann. Die Qualitätskriterien haben sich im US-Fernsehen der letzten Jahre grundlegend gewandelt, vor allem im Kabel- und Pay-TV-Bereich wird die klassische, risikoarme und wertkonservative Familienunterhaltung zurückgedrängt durch ambitionierte Formate, die Tabubrüche nicht nur in Kauf nehmen, sondern sich über dieselben definieren. Der deutsche Markt scheint noch nicht so weit zu sein: Hierzulande scheiterten sowohl ProSieben als auch Kabel 1 bei dem Versuch, der Serie ein Publikum zu verschaffen. Derzeit ist The Shield, wie ein großer Teil der besten US-Serien, in Deutschland nur im Pay-TV zu sehen, auf dem Sender AXN.

A different kind of cop“

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Gleich die allererste Folge enthält einen der radikalsten Tabubrüche der jüngeren Fernsehgeschichte. Um was es sich genau handelt, sei an dieser Stelle nicht verraten, hier nur soviel: Bereits nach den ersten vierzig Minuten ist klar, was damit gemeint ist, wenn es in Werbeslogans für The Shield heißt, Vic Mackey sei „a different kind of cop.“

Vic Mackey ist Angestellter eines Police Departments in Los Angeles und führt dort das sogenannte Strike Team an. Dieses Strike Team, dessen Konzeption an die historischen, in zahlreiche Skandale verwickelten C.R.A.S.H. (Community Resources Against Street Hoodlums)-Einheiten anschließt, ist eine kleine Elitetruppe, zuständig für risikoreiche Einsätze und ausgestattet mit Sonderrechten. Nur nominell unterstellt sind Vic Mackey und seine – natürlich ausschließlich – Männer dem Chef des Departments, in Wahrheit hat das Strike Team weitgehend freie Hand. Die Auseinandersetzungen zwischen der Führungsebene und Vic sind ein ständig wiederkehrendes Motiv der Serie. Ein Boss nach dem anderen scheitert an dem Versuch, Kontrolle über den unkonventionellen und bisweilen nicht nur an der Grenze zur Illegalität, sondern eindeutig jenseits derselben operierenden Polizisten zu gewinnen, schließlich muss – in der fünften Staffel, der vielleicht bislang spannendsten – Internal Affairs, die polizeiinterne Ermittlungsinstanz, eingreifen.

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Wie es der Serie gelingt, diesen Vic Mackey, dessen Handlungen oft nicht nur illegal, sondern außerdem durch und durch illegitim und amoralisch sind, als letztlich positiven Helden aufzubauen, das ist ein wahres Kunststück des Erzählfernsehens. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Privatleben. Vic ist zu Beginn der Serie glücklich verheiratet, dominiert seine Familie in klassischer Machomanier. Doch bald wird bei seinem Sohn Autismus diagnostiziert, außerdem treten Probleme in seiner Ehe auf. Beides zusammen scheint auf sonderbare Art und Weise sein fragwürdiges Verhalten im Dienst – das weit hinausgeht über die in der Geschichte des Polizeifilms schon lange zum Klischee geronnenen „unkonventionellen Ermittlungsmethoden“ des kleinen Streifenpolizisten, der den Wut seiner paragrafengläubigen Vorgesetzten auf sich zieht – zu relativieren. Ganz konsequent ist die Serie in dieser Hinsicht: Wenn Vics Verhalten in späteren Staffeln immer asozialer wird und in Richtung offenem Sadismus ausschlägt, spendiert ihm das Drehbuch kurzerhand ein zweites autistisches Kind. Man mag eine solche narrative Logik zynisch nennen, funktional ist sie allemal.

Freilich ist diese familiäre nicht die einzige Strategie der Serie, Vic Mackey und sein Strike Team – ein anderes Mitglied, Vics Partner und zunächst bester Freund Shane Vendrell (Walton Goggins, das heimliche Glanzlicht eines großartigen Casts) ist noch weiter entfernt von klassischen Rollenmustern der Polizeiserie – in ein besseres Licht zu setzen. Gerechtfertigt werden die Aktivitäten der Spezialeinsatztruppe im Allgemeinen und Vic Mackey im Besonderen immer wieder durch die Behauptung, dass durch sie die Verbrechensrate sinke, eine Ausage, die umso effektiver ist, je allgemeiner und undifferenzierter sie formuliert wird. Erst hier beginnt sich die problematische politische Schlagrichtung der Serie zu offenbaren.

LAPD und Reagonomics

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The Shield beschäftigt sich mit der LAPD, der möglicherweise berühmtesten und mit großer Wahrscheinlichkeit berüchtigsten Polizeitruppe der (demokratischen) Welt. Unter dem legendären Chief William Parker wurde diese in den 60er Jahren zu einer quasimilitärischen Kaderorganisation umgebaut, die weitgehend unabhängig von jeglicher Kontrolle durch Politik oder Rechtssystem agieren konnte. Die Geschichte der Institution ist seither geprägt von einer langen Reihe größerer und kleinerer Skandale und insbesondere von Spannungen mit den ehemaligen ethnischen Minderheiten der Stadt, die längst zu Mehrheiten geworden sind. Bereits 1965, zu Zeiten der civil-rights-Bewegung, entluden sich diese Spannungen in der blutig niedergeschlagenen Watts-Revolte. Zu Beginn der 90er Jahre fand diese einen Widerhall in tagelangen Straßenschlachten zwischen Polizei und Jugendlichen, nachdem Polizisten den schwarzen Autofahrer Rodney King aufs Brutalste zusammengeschlagen hatten und die Täter anschießend von einer Jury freigesprochen wurden.

Der Journalist und Autor Mike Davis beschrieb in seiner heute klassischen stadtsoziologischen Studie City of Quartz, die wenige Jahre vor diesen Auseinandersetzungen erstmals erschien und im Rückblick fast prophetisch wirkt, wie die LAPD seit den späten 70er Jahren unter dem ebenfalls äußerst umstrittenen Chief Daryl F. Gates eine immer härtere Gangart gegen die innerstädtischen afroamerikanischen Jugendbanden durchsetzte. Dies resultierte nicht nur in überfüllten Gefängnissen, sondern auch in einer zunehmenden Militarisierung des öffentlichen Raums, die einher ging mit einem konsequenten Abbau aller ziviler staatlicher und städtischer Lenkungsmaßnahmen, insbesondere im sozialen Bereich. Die Aufrüstung der Polizei wie in deren Konsequenz der Umschlag in bürgerkriegsähnliche Zustände zu Beginn der 90er Jahre erscheint in Davis' Darstellung als die dreckige Rückseite der sogenannten Reaganomics, der neoliberalen Umwälzung der amerikanischen Volkswirtschaft in den 80er Jahren. Los Angeles wurde zum Versuchsareal für den neuen, globalisierten Turbokapitalismus jenseits der Einflusssphäre von Nationalstaaten, den Preis dafür zahlten in erster Linie Angehörige der ethnischen Minderheiten.

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Davis zeichnet ein apokalyptisch anmutendes Bild von desintegrierten, perspektivlosen Communities in den Innenstadtbezirken, eingekeilt zwischen Bandenkriegen und Polizeigewalt. The Shield greift diese Analyse auf und übersteigert sie in seiner Ästhetik ins tendenziell Absurde. Die Serie spielt in Farmington, einem Bezirk, der im realen Los Angeles gar nicht existiert. Farmington erscheint als eine wild zusammengewürfelte Ansammlung heruntergekommener Straßenzüge, deren Bewohner allesamt zumindest potentielle Gangmitglieder sind. The Shield unternimmt dabei nicht einmal den Versuch, seinen herbeifantasierten Schauplatz für das Publikum übersichtlich und nachvollziehbar zu gestalten. Die einzigen räumlichen Fixpunkte der Serie neben dem Polizeirevier selbst sind die Wohnungen Vics und einiger seiner Kollegen. Ansonsten sieht ein Straßenzug aus wie der andere, auch, weil die Serie sich nie die Zeit nimmt, ihn sich genauer anzusehen. Die Grenzen zwischen öffentlichem und privaten Raum existieren weder für das Strike Team, noch für ihre Gegenspieler und schon gar nicht für die Kamera: Die extrem hektische Kameraarbeit sowie die absichtlich desorientierende Montage zerstören noch den letzten Rest an Kontinuität.

Hölle auf Erden

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Die Straßen Farmingtons, hauptsächlich von Schwarzen und Hispanics bewohnt, befinden sich im permanenten Ausnahmezustand, als dessen gespiegelte Institutionalisierung innerhalb des Polizeireviers Vic Mackeys Strike Team erscheint. Selten ergibt die Metapher vom Großstadtdschungel soviel Sinn wie hier. Wie der Dschungel in der populären Imagination ist auch The Shields LA für die Gesetzeshüter eine zunächst durch und durch feindselige Umgebung, die es nicht produktiv zu verändern, zu verbessern, sondern zu bekämpfen gilt, ob mit der Machete oder mit der Dienstwaffe. Und genau so eine Umgebung ist es, in der einer wie Vic Mackey zum positiv besetzten Helden avancieren kann.

Wenn Farmington eher Ort eines imaginären Quasibürgerkrieges ist, denn ein reales, sozial geerdetes Ghetto, so verwundert es nicht, dass Vic Mackey kaum an einen Staatsdiener erinnert und dafür umso mehr an einen Söldner, der sich zuerst um sein eigenes Wohl kümmert. Dass die Polizeiarbeit ihres ursprünglichen Verständnisses nach Dienst an der und für die Gemeinschaft darstellen soll, ist in The Shield selbst als Behauptung nur noch selten präsent, statt dessen dominieren zynische Kosten-Nutzen-Rechnungen.

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Eine derart utilitaristische Konzeption von Polizeiarbeit erscheint als die konsequente Fortsetzung und Zuspitzung der Reaganomics-Ideologie wie Davis sie darstellt einerseits und fügt sich andererseits perfekt ein in die allgemeine Sicht der Serie auf soziales Engagement und staatliche Sozialprogramme jeglicher Art. Denn immer, wenn in The Shield ein Sozialhilfeempfänger auftaucht, oder wenn es um sozialen Wohnungsbau geht, um öffentlich geförderte Pflegeeltern oder vergleichbares, schrillen in der Polizeidienststelle Farmingtons die Alarmglocken und noch fast jedes Mal enden die Nutznießer der jeweiligen Programme in Handschellen. Jeder staatliche oder städtische Dollar, der in soziale Programme fließt, erscheint in der Welt von The Shield als einer zu viel. Am Ende der sechsten Staffel übersteigert die Serie dieses Motiv ins krankhaft Paranoide. Vic Mackey kommt einem Ring mexikanischer Gangster auf die Spur, die sich städtische Fördergelder erschlichen haben und planen, öffentliche Krankenhäuser und Schulen großflächig und nun auch ganz offen als die Umschlagplätze für Drogen und Frauen zu verwenden, die sie in der Logik der Serie im Geheimen ohnehin schon sind. Neben allem anderen stellt diese absurde Konstruktion auch die Besitzverhältnisse Los Angeles' auf den Kopf, einer Stadt, die nach wie vor, soweit sie nicht an japanische Großinvestoren verkauft ist, so solide in angloamerikanischer Hand ist, wie kaum eine zweite Großstadt der USA.

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Freilich bleibt die Ideologie der Serie nicht ohne interne Widersprüche. Das Strike Team ist zwar brutal, eigennützig und amoralisch, gleichzeitig aber auch street smart. Vic und seine Kollegen sprechen die Sprache der Straße, bewegen sich in ihr trotz aller ihnen entgegen schlagenden Feindseligkeit wie Fische im Wasser. Die Ermittlungsmethoden des Strike Teams erscheinen bisweilen als Pervertierung des vor allem in den 70er Jahren in vielen Städten der USA und nicht zuletzt in Los Angeles erprobten „community-policing“, welches der vorherrschenden militaristischen Polizeiarbeit mit heruntergeklapptem Visier eine auf Dialog und sozialem Engagement basierende Strategie entgegen zu setzen versuchte. Dieser Low-Tech-Ansatz steht in krassem Gegensatz zur technologisch hochgerüsteten Hochglanzkonkurrenz des CSI-Franchises, welches die absolute Kontrolle des Sozialen durch Naturwissenschaft und zugehörige Maschinerie propagiert.

Von Nerds und schwarzen Falken

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Vic Mackey selbst wirkt manchmal fast wie ein Wiedergänger John Waynes als Ethan Edwards in John Fords Der schwarze Falke (The Searchers, 1956), ein Wiedergänger des alternden, rassistischen Cowboys, der die Indianer aufs Brutalste bekämpft und doch den vermeintlich Wilden längst näher steht als der vermeintlich zivilisierten Gesellschaft, welcher er ursprünglich entstammt. Und wie Vics Verhältnis zur Welt der Verbrecher und damit zu potentiell jedem Bewohner Farmingtons zutiefst ambivalent bleibt, so kann sich auch die Serie als Ganzes der Faszination der selbst herbei fantasierten urbanen Hölle nicht entziehen. Immer schillernder werden die Drogenbosse und Zuhälter, mit denen sich das Strike Team auseinandersetzen muss, immer raffinierter und gleichzeitig surrealer deren Vorgehen. Auf der anderen Seite wirken diejenigen Polizisten in Farmington, die sich herkömmlichen moralischen Mustern und damit gleichzeitig den klassischen Genrekonventionen unterordnen, wie Relikte einer alten Zeit und ziehen, insbesondere der zwar intelligente aber vor allem nerdige Detective „Dutch“ Wagenbach Hohn und Spott des Strike Teams auf sich.

Die hektischen Bilder der in The Shield ausschließlich digitalen Kameras zielen eigentlich durch ihre Nähe zur Ästhetik von home videos auf den Eindruck von Authentizität und Unmittelbarkeit, doch ein solcher stellt sich im Verlauf der Serie immer seltener ein. Vielmehr verwandeln dich die flackernden, absichtlich nicht kontinuierlichen Einstellungen in Illustrationen des paranoiden Fiebertraums, der die Serie in ihrem politischen Diskurs als Ganzes ist. Eine Serie, die in all ihren Widersprüchen und ihrer zutiefst reaktionären Schlagrichtung zum Trotz weitaus tiefere Einblicke in die US-amerikanische Gegenwart ermöglicht als die in ihrer Mehrzahl ebenso politisch korrekte wie wertkonservative Genrekonkurrenz.

Die ersten Folgen von The Shield waren 2004 auf ProSieben und 2007 auf Kabel 1 zu sehen. Derzeit läuft die Serie im Pay-TV auf dem Sender AXN. Auf DVD sind in Deutschland bisher die vier ersten Staffeln im Vertrieb von Sony Home Entertainment erhältlich. Die fünfte Staffel erscheint am 18.11.2008. In den USA läuft aktuell die siebte Staffel.

 

Angaben zur Serie:

The Shield
USA
seit 2002
7 Staffeln, 89 Folgen, 10-15 Folgen pro Staffel, je ca. 41 Minuten
Creator: Shawn Ryan

 

Weiterführender Link:

Komplette Angaben bei IMDB

Kommentare zu „The Shield - Alptraum Los Angeles“


epikur

Sehr gute Rezension einer überzeugenden und durchaus spannenden US-Serie.

Ob die Serie, wie der Autor schreibt, als politisch reaktionär zu verstehen ist, bezweifle ich allerdings. Jeder der auch nur die erste Folge von "the shield" gesehen hat, befürwortet das Vorgehen von Vic und seinem Team nicht wirklich oder wäre ein Reagan-Cowboy-Anhänger. Eine eindeutige Ideologie in der Serie zu sehen, halte ich für sehr gewagt.

Ich bin eher der Meinung, dass die Spannung der Serie mitunter auch dadurch entsteht, dass der Zuschauer selbst in einem moralischen Dilemma gehalten wird: auf der einen Seite, dass der Zweck die Mittel (und damit Vic´s Brutalität) heilige und auf der anderen Seite die Ablehnung des Zuschauers von offensichtlich amoralischen Verhaltens von Vic und seinem Team.


Frank

dem kommentar von epikur kann ich nur voll und ganz widersprechen. :) vic's methoden richten sich ja nicht gegen unschuldige bürger, sondern gegen kriminelle jeglicher art. und von daher halte ich sein vorgehen nicht nur für legitim, sondern auch für nötig. nur wer richtig hart durchgreift, kann etwas erreichen. mit streicheleinheiten für dealer und mörder kassiert man nur deren gelächter. zu recht.






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