The Invisible Man – Publikumsmagnet der Depressionsjahre

„Du musst glauben, was du nicht siehst!“ Die Invisible-Man-Filme repräsentieren die klassische Phase der Universal-Studios und markieren Meilensteine in der Entwicklung der Visual Effects. Das Label Turbine veröffentlicht die gesamte Serie in einer gewichtigen Box.

The Invisible Man - Poster

In die Fußstapfen der klassischen „Monster Legacy Collections“ der Universal steigt das Label Turbine mit diesem hochwertigen Kompendium, das die gesamte, zwischen 1933 und 1951 entstandene Serie der Invisible Man-Filme des Studios in einer gewichtigen Box vereint und damit eine Lücke schließt, die von den legendären Universal-Editionen bisher weit offen gelassen wurde. Einzig James Whales initialer The Invisible Man (Der Unsichtbare) von 1933 war seinerzeit neben Dracula, Frankenstein, The Mummy, The Wolf Man und The Creature from the Black Lagoon fürs Heimkino vorgelegt worden, seine Fortsetzungen blieben größtenteils im Archiv, nur zwei der Filme erschienen Jahre später bei anderen Labels. Für den deutschen Zuschauer umso unverständlicher, da ihm die gesamte Invisible-Man-Reihe in eben dieser Zusammenstellung um 1986/87 in den hiesigen Dritten Programmen vorgestellt worden war und die einzelnen Filme damals durchweg ausgezeichnete Synchronisationen erhalten hatten. (Das Paket dürfte als VHS-Aufnahmen auf so manchem Sammlerregal überlebt haben.)

Die Universal Studios als Trendsetter

The Invisible Man 2

Die Serie markiert bis heute nicht nur Meilensteine in der Entwicklung der visuellen Effekte, sondern steht auch ebenso repräsentativ wie die Frankenstein-Filme für ein Stück Kino-Geschichte, namentlich die klassische Phase der Universal-Studios. Mit The Invisible Man hatte man gezielt einen Stoff auf die Leinwand gebracht, der an den Erfolg von Tod Brownings Dracula (1931) und James Whales Frankenstein (1931) in den Vorjahren anknüpfen sollte. Fantastisches Kino erwies sich als der große Publikumsmagnet der Depressionsjahre, und bald imitierten sämtliche Studios den von Universal vorgegebenen Trend; ein Boom brach an, der nahezu 20 Jahre anhalten sollte. The Invisible Man brachte Universal zurück in die schwarzen Zahlen, und das mitten in der Weltwirtschaftskrise. Vorlage war der gleichnamige Roman von H.G. Wells von 1897, der für alle Folgefilme der Reihe als Inspiration gelten sollte und entsprechende Erwähnung in den Vorspännen findet. Der große Romancier und Pionier der Science-Fiction-Literatur nahm das Drehbuch persönlich ab, das sich noch leidlich getreu an die Buchvorlage hält: Im Gasthof von Iping steigt ein seltsamer Fremder ab, dessen Gesicht hinter Bandagen und einer dunklen Brille verborgen ist. Eigentlich sucht der Mann Ruhe und Abgeschiedenheit, um sich seinen Experimenten widmen zu können, aber die neugierige Zudringlichkeit der Dörfler lässt bald seinen Geduldsfaden reißen, und sein Zorn entlädt sich in einer schockierenden Enthüllung. Als der Fremde Gesichtsbandagen und Kleidung ablegt, löst er sich vor den Augen der Dörfler in Luft auf – der Unsichtbare setzt alsbald zu einem mörderischen Amoklauf an, der das ganze Land in Schrecken versetzt. Denn die Droge, die der unglückliche Chemiker Jack Griffin im Selbstversuch verwendete, treibt ihn in den Wahnsinn … – Claude Rains in der Titelrolle, seinem ersten Leinwandauftritt, wurde so legendär, dass er sogar in den Eröffnungssong der Rocky Horror Picture Show (1977) einging. Erst in den letzten Bildern des Films ist der Schauspieler erstmalig (als Toter) zu sehen. Der britische Star-Regisseur James Whale, der nahezu freie Hand genoss und mit Verve nahe an der Grenze zur Groteske inszenierte, und der geniale Trickkünstler John P. Fulton, der die heute berühmten Unsichtbarkeits-Effekte ersann und realisierte, schufen einen zeitlosen Klassiker.

„Heil, unsichtbarer Führer!“

The Invisible Man Returns - Poster

Nach einem zwischenzeitlichen Einbruch fand der Horrorfilm ab 1939 mit Son of Frankenstein (Frankensteins Sohn) zu einem zweiten Boom, der auch nach sechs Jahren eine Fortsetzung des Invisible Man nach sich zog: Der junge Vincent Price trat an die Stelle von Claude Rains’ in The Invisible Man Returns (Der Unsichtbare kehrt zurück, 1940), ebenfalls in England angesiedelt und mit direkten Bezügen zum Vorgänger. Hier ist es Griffins Bruder Frank, der das Unsichtbarkeits-Serum dem unschuldig des Brudermordes bezichtigten Geoffrey Radcliffe (Price) injiziert, um ihm die Flucht aus der Todeszelle zu ermöglichen. Während sich Geoffrey auf die Suche nach dem wahren Täter macht, sucht Frank fieberhaft nach einem Gegenmittel, denn beide wissen, dass das Serum Geoffrey in Bälde in einen unsichtbaren Wahnsinnigen verwandeln kann … – Wie ein großer Teil der Universal-Gruselfilme dieser Epoche war auch dieser Film vom künstlerischen Einfluss deutscher Emigranten geprägt. Expressionistische Tradition und fatalistische Romantik hatten den Stil der Universal-Filme von Beginn an mitbestimmt, doch mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Grundton noch düsterer. Die vertriebenen Berliner Kurt Siodmak und Joe May lieferten die Handlungsidee zu diesem Film, der auch unter Joe Mays Regie entstand und einen interessanten Paradigmenwechsel vollzog. Statt der unsichtbaren Gefahr eines irren Mörders stand nun vielmehr ein unschuldiger Getriebener im Mittelpunkt, dessen Andersartigkeit ihn zum Aussätzigen und Verfolgten macht. Ein Moment kafkaesker Albtraumhaftigkeit trat unter Mays Regie an die Stelle von James Whales flamboyanter Skurrilität. Und Kurt Siodmak verstand es, das Leiden des Gepeinigten mit einer epochalen Mehrdeutigkeit zu versehen: Über dem Unsichtbaren schwebt die Gefahr, den Verstand zu verlieren und zum irren Mörder zu werden, wie ein alles belastender Fluch; er wird damit zum unmittelbaren Vorläufer der Wolf Man-Figur, die Siodmak ein Jahr später für Universal entwickeln würde. Schon hier bittet der Unsichtbare seinen Freund, ihn notfalls in Ketten zu legen, und dieser Notfall wird kurz darauf eintreten. Unter dem Einfluss der Droge verfällt Geoffrey in einen Machtrausch, sieht sich schon als Herrscher der Menschheit. „Heil, unsichtbarer Führer!“, ruft Frank ihm zu und zieht damit eine klare Analogie zwischen paranoidem Wahn und faschistischer Ideologie.

Strümpfe über unsichtbare Beine ziehen

The Invisible Woman - Poster

Ebenfalls von Siodmak und May erdacht und zweifellos als leichtes Gegenstück angelegt war die Komödie The Invisible Woman (Die unsichtbare Frau, 1940), die im selben Jahr mit gänzlich anderem Grundton – und ohne inhaltlichen Zusammenhang zu den beiden Vorgängern – erschien. Hier sucht der etwas absonderliche Professor Gibbs (kein Geringerer als John Barrymore) per Inserat nach einer Testperson für seine Unsichtbarkeits-Maschine und ist höchst überrascht, als sich die junge, hübsche Kitty meldet, die gern die Chance nutzen will, ihrem tyrannischen Chef einmal ungestraft eins auszuwischen. Verkompliziert wird die Situation durch Gibbs’ mondänen Gönner, der sich zunächst ungläubig zeigt, dann jedoch in Kittys unsichtbare Kurven verguckt, und die Handlanger eines im Exil (!) lebenden Gangsters, der sich nach Hause sehnt und gern unsichtbar in die Staaten zurückkehren möchte… – Gerade dieser lange unterschätzte (wenn auch gleichwohl stellenweise nur noch schwer erträgliche) Film erweist sich retrospektiv als bemerkenswertes Zeitdokument. Ausgestattet mit allen denkbaren Albernheiten und Hysterien der klassischen Screwball Comedy, thematisiert er nicht nur die Probleme von Emigranten, sondern schildert auch den Ausbruch der Frau aus alten Rollenmustern. Ein propagandistisches Element, das die Frau 1940 bereits auf ihre Rolle während des Krieges vorzubereiten scheint, als der größte Teil der männlichen Bevölkerung in Übersee an der Front lag und die amerikanischen Frauen selbst die Verantwortung in Gesellschaft und Berufsleben übernehmen mussten. Faszinierend ist The Invisible Woman aber auch wegen seiner gewagten erotischen Nuancen, die in krassem Gegensatz zum Production Code standen; selten wurde so klar, dass Unsichtbare stets nackt herumlaufen wie etwa in den Szenen, in denen Kitty als Schemen hinter dem Wandschirm zu sehen ist oder sich die Strümpfe über die unsichtbaren Beine zieht.

Vampire im „Mad Scientist“-Film

The Invisible Woman 2

1942 kommt mit Invisible Agent (Der unsichtbare Agent), auch aus der Feder Siodmaks, der wohl verrückteste Film der Reihe und neben Tex Averys Blitz Wolf und Wilhelm Thieles Tarzan Triumphs (Tarzan und die Nazis) einer der Höhepunkte der Rubrik „Pulp und Propaganda“. Der Anti-Nazi-Film schildert die Bemühungen deutscher und japanischer Agenten, sich in den Besitz des Unsichtbarkeits-Serums zu bringen (als japanischer Adliger: Peter Lorre in böser Abwandlung seines „Mr. Moto“). Frank Griffin (Jon Hall), Enkel des originalen Invisible Man, lebt unter anderem Namen in den USA, kann den Nachstellungen der Achsenmächte entkommen, stellt sich und das Serum jedoch der US-Regierung zur Verfügung, als die Japaner Pearl Harbour überfallen. Unsichtbar gemacht, springt er über Deutschland ab, um mit Hilfe eines in Berlin operierenden Agentenrings die Pläne Hitlers für eine Invasion Amerikas auszuspionieren. Die schreckliche Nebenwirkung des Mittels, Wahnsinn zu erzeugen, spielt hier keine Rolle mehr; das Motiv wird erst in abgewandelter Form im nächsten Film wiederkehren. Hauptdarsteller Jon Hall ist die einzige Verbindung zum 1944 folgenden The Invisible Man’s Revenge (Der Unsichtbare nimmt Rache), der nun wieder in England spielt, aber keinen inhaltlichen Zusammenhang zu den Vorläufern aufweist. Der Robert Griffin, der hier aus Südafrika zurückkommt, um seinen Anteil am Vermögen eines adligen Freundes zu kassieren, ist bereits ein geisteskranker Mörder, als er sich ins Haus des genialen Forschers Dr. Drury (John Carradine) verirrt, der gerade ein menschliches Testobjekt für seine Unsichtbarkeitsformel sucht. Griffin nutzt die Gelegenheit zur Rache an seinen vermeintlichen Gegnern, benötigt aber, um wieder sichtbar zu werden, das Blut eines unschuldigen Opfers, womit – beliebt zu jener Zeit – das Vampirmotiv auf Umwegen Einzug in den „Mad Scientist“-Film findet. Insbesondere Invisible Agent zeigt nach den Pioniertagen neue Glanzleistungen in der Gestaltung der atemberaubenden visuellen Effekte.

„Wir sagen Nein – Mord muss nicht sein!“

Abbott and Costello Meet the Invisible Man 1

Zu Tode geritten wurde die Horrorwelle ab Ende der 40er Jahre mit den Klamaukfilmen um Bud Abbott und Lou Costello. Das Komikerduo war 1948 in Abbott and Costello Meet Frankenstein mit großem Erfolg bereits den meisten der klassischen Universal-Monster begegnet und durfte dies in mehreren Nachfolgern bis in die späten 1950er ausreizen, obwohl inzwischen längst der Science-Fiction-Boom des Kalten Krieges angebrochen war. Abbott and Costello Meet the Invisible Man (1951) zeigt Bud und Lou als zwei tapsige Detektive, die von dem zu Unrecht des Mordes an seinem Manager bezichtigten Boxer Tommy Nelson (Arthur Franz) um Hilfe gebeten werden. Im Haus des Wissenschaftlers Dr. Gray injiziert sich Tommy das Serum, das Gray von Griffin senior erhalten hat, um der Polizei zu entgehen, die das Haus bereits umstellt hat. Mit Buds und Lous Hilfe macht er sich auf die Suche nach dem wahren Täter. Dieser letzte Film des Zyklus greift zwar vage den Plot von The Invisible Man Returns wieder auf, erzählt aber eigentlich eine waschechte Film-noir-Geschichte um Boxer, Gangster, Molls und getürkte Kämpfe und wirkt dabei fast wie eine persiflierte Version von Robert Wise’ The Set-Up (1949). David Horsley schuf nach Vorbild der Arbeit John P. Fultons in den 1930er und 40er Jahren die vielleicht ausgefeiltesten Tricks der Unsichtbaren-Filme; faszinierend bis heute sind etwa das frei in der Luft schwebende lachende Gebiss oder das Pokerspiel mit dem Unsichtbaren. Dieser einzige Film, der in Deutschland im Kino lief, liegt mit einer wunderbaren, zeitgenössischen Synchronisation von 1952 mit den Stimmen Georg Thomallas, Friedrich Joloffs und Siegfried Schürenbergs vor. (Zeitlos genial die Ode der Detektivschule: „Wir sagen Nein – Mord muss nicht sein!“)

The Invisible Man s Revenge 1

Die Box präsentiert sämtliche Filme in hochwertiger Qualität, vier davon als Blu-ray, die übrigen, von denen es wohl keine HD-Master gibt, als DVDs. The Invisible Man kommt als Replika der Universal-Veröffentlichung mit Dokumentation sowie dem großartigen filmhistorischen Audiokommentar von Rudy Behlmer (außerdem als einziger Film mit deutschen UT). Ein Begleit-Büchlein von Tobias Hohmann, der anhand der Serie und ihrer Produktionshintergründe die Geschichte des Studios kenntnisreich und erhellend rekapituliert, rundet das wuchtige Konvolut ab. Da hat man ein ganzes Stück Trickfilm- und Genre-Geschichte im Paket. Weitere Kompendien derselben Art sollen folgen, wie man hört, was dem ernsthaften Sammler ein hierzulande nahezu bespielloses Rüstzeug an die Hand geben würde, eine ganze Genre-Epoche neu zu entdecken.

Dieser Text erschien erstmals in der Online-Ausgabe der Splatting Image; Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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