The GPO Film Unit

Als Regisseure wie Lotte Reiniger, Len Lye, Alberto Cavalcanti und Norman McLaren noch Werbung für die britische Post machten. Vom 9. bis zum 16. Dezember widmet sich eine Wiener Retrospektive Industriefilmen, die auf die große Leinwand gehören.

We Live in Two Worlds

Nicht lange bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach, veröffentlichte die britische Post einen Film, der Völkerverständigung und technischen Fortschritt zusammendachte. Der nach England ausgewanderte Brasilianer Alberto Cavalcanti präsentierte darin die zwei Welten, denen gemäß dem Filmtitel jeder Mensch angehöre: Die erste sei die einer einzelnen Nation, in der es zwar eine bewahrenswerte Kultur (hier: die traditionellen Rituale eines Schweizer Bergdorfs) gibt, die aber zugleich von Patriotismus und Abschottung gefährdet ist. Die andere Welt sei die der Post und Telekommunikation, die statt Grenzen nur ein globales und friedliches Miteinander kennt. Dass ein ambitionierter Industriefilm wie We Live in Two Worlds (1937) überhaupt entstehen konnte, ist einer Institution geschuldet, der es beispielhaft gelang, finanzielle Interessen mit politischer Aufgeschlossenheit und gestalterischer Freiheit zu verbinden. Cavalcanti steht dabei nur für eine von vielen Strömungen.

Britain Can Take It

Mit dem Kino der L.A. Rebellion begann das Wiener Filmmuseum im September eine zyklische Reihe, die, ausgehend von verschiedenen Kollektiven, eine alternative Filmgeschichte erzählt. Im zweiten Kapitel widmet sie sich nun der GPO Film Unit – einer Abteilung der britischen Post, die 1933 gegründet und in den folgenden Jahren von dem Dokumentarfilmpionier John Grierson geleitet wurde. Obwohl es dabei in erster Linie darum ging, Werbung für die Post zu machen, entstand mit der Zeit ein künstlerisches Sammelbecken, in dem unterschiedliche Formate und ästhetische Herangehensweisen koexistieren konnten. Nachdem man zunächst noch einer klassischen Vorstellung von dokumentarischem Kino verpflichtet war, stand die GPO Film Unit schon nach einigen Jahren für weniger klar umrissene Genrevorstellungen.

Rainbow Dance

Die auffälligste Qualität der überwiegend kurzen Produktionen ist ihre ungemeine Vielfalt. Regisseure wie die Deutsche Lotte Reiniger, der Neuseeländer Len Lye, der Kanadier Norman McLaren oder auch Cavalcanti fanden hier eine Zeit lang eine Heimat, die Raum für Experimente ließ. Besonders die frühen Trickfilmarbeiten von Lye und McLaren zeigen, wie frei und fantasievoll diese Filme sein konnten. In Rainbow Dance (1936) werden etwa fotografische Abbildungen von einem bunten Feuerwerk aus flackernden Strichen und Punkten überzogen, während Love on the Wing (1939) Mensch, Engel und Brief in einer Morphing-Choreografie eins werden lässt.

Spare Time

Humphrey Jennings verfolgt dagegen in dem bezaubernden Spare Time (1939) einen poetischen Dokumentarismus, der wie ein filmischer Vorläufer der Straßenfotografie wirkt. Zu sehen ist darin, wie Arbeiter ihre Freizeit verbringen. Dabei entstehen hübsche Momentaufnahmen von Pubs und Konzertsälen, von Rennbahnen und Basketballplätzen, vom familiärer Intimität und flirtenden Blickwechseln an der Straßenecke. Wie weit der Begriff des Dokumentarfilms bei der GPO Film Unit gedehnt wurde, zeigt wohl am radikalsten Granton Trawler (1934). John Grierson inszeniert den Alltag auf einem Fischkutter aus nächster Nähe und raubt dem Zuschauer damit die Orientierung: Die Horizontlinie wird durch den Seegang zur Diagonale, die Kamera schwenkt immer wieder zum Himmel, um vorbeiflatternde Möwen zu beobachten, und ein gefangener Fisch schnappt in Nahaufnahme noch ein letztes Mal nach Luft. Wer bei dieser Beschreibung an die entfesselte Kamera in Leviathan (2013) denken muss, wird staunen, wie nah Grierson tatsächlich an diesem immerhin fast achtzig Jahre später entstandenen Film dran ist.

Das gesamte Programm gibt es hier

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