Stefan Krohmer - Engführungen und Öffnungen

Zwischen Autorenfilm und Fernsehen: Das Grazer Filmfestival Diagonale widmete dem Regisseur Stefan Krohmer eine Filmschau.

Mitte 30

Seit seinem Debütlangfilm Barracuda Dancing (1999) arbeitet Regisseur Stefan Krohmer fast exklusiv mit dem Drehbuchautor Daniel Nocke zusammen. Mit neun gemeinsam verwirklichten Spielfilmen in den letzten zehn Jahren, die meisten davon reine Fernsehproduktionen, hat sich das Duo in der deutschen Filmszene nachhaltig etabliert. Das Grazer Filmfestival Diagonale widmete Krohmer dieses Jahr eine kleine Filmschau. Neben seinen beiden Kinoarbeiten Sommer '04 (2006) und Sie haben Knut (2002) waren außerdem die Fernseharbeiten Ende der Saison (2001) und Mitte 30 (2007) sowie als work in progress das ebenfalls fürs Fernsehen produzierte Biopic Dutschke zu sehen. Letzterer Film kann aufgrund seines teilweise dokumentarischen Charakters als Zäsur innerhalb des Werkes Krohmers angesehen werden. Die übrigen vier Filme fügen sich zu einer interessanten Autorenposition.

Mitte 30

Der vielleicht schönste Film der Reihe ist Mitte 30. Zwei Architekten, Gerrit (Mark Waschke) und Markus (Robert Dölle), besuchen auf Mallorca ihren vermeintlichen Auftraggeber in dessen Villa. Aus dem Job wird nichts. Noch auf der Insel beschließt Gerrit, den Beruf, der seit Jahren nichts mehr abwirft, an den Nagel zu hängen. Markus möchte weitermachen, wenn es sein muss, in China. Im weiteren Verlauf des Films werden die beiden vor die Hunde gehen. Der eine, Markus, ganz schnell und grundlegend und in Thailand, der andere, Gerrit, langsam und mäandernd und in Berlin.
Mitte 30 ist, obwohl er auch nach dem Mallorcaanfang über weite Strecken in sonnendurchfluteten Straßen und Zimmern spielt, Krohmers düsterster und härtester Film. Gerrits freier Fall in die eigene Midlife-Crisis entwickelt eine Dynamik, die den Dreiklang aus Generationenporträt, Milieustudie und psychologischem Realismus, in dem sich Krohmers Filme sonst manchmal zu wohl zu fühlen drohen, transzendiert.

Sie haben Knut

In Reinform ist dieser Dreiklang in Krohmers Durchbruchsfilm und erster Kinoarbeit zu studieren: Sie haben Knut aus dem Jahr 2002. Der Film spielt über weite Strecken in einer Berghütte. Eine Gruppe junger bis mittelalter Menschen, die meisten Mitglieder der linksalternativen Szene, macht Anfang der 80er Jahre gemeinsam Skiurlaub. Im Mittelpunkt steht Ingo (Hans-Jochen Wagner), der die Hütte eigentlich mit seiner Freundin Nadja (Valerie Koch) für sich allein haben wollte.
Im Gegensatz zu den anderen Hüttenbewohnern ist Ingo, ein Misanthrop vor dem Herrn, dezidiert bürgerlich. Zwar ist er alles andere als ein klassischer Sympathieträger, aber wahrscheinlich unter all den Selbstgerechten und Selbstvergessenen beiderlei Geschlechts um ihn herum derjenige, der auf die sympathischste Art unsympathisch ist. Vom Erbe der 68er Generation hat er nur das mitgenommen, was ihm in den Kram gepasst hat, nämlich die freie Liebe. Und genau die wird jetzt zum Problem.

Sie haben Knut

Sie haben Knut auf der einen und Mitte 30 auf der anderen Seite stecken das krohmersche Projekt, soweit man es bislang zu überblicken vermag, recht gut ab. Einerseits, mit Blick auf die dargestellten Milieus, von historisch linksalternativ und manchmal auch -radikal bis zum Neo-Yuppietum der Gegenwart, zum anderen erzählerisch, vom vielstimmigen, narrativ offenen Ensemblefilm bis zu konzentrierteren, genrenahen narrativen Formen. Wobei es genau genommen in beiden Filmen um Konzentrationen und Engführungen geht. In Sie haben Knut sind diese direkt räumlicher Natur und manifestieren sich in den engen, düsteren Gängen der Berghütte. Alle vier Filme – Dutschke soll aufgrund mangelnder Vergleichbarkeit hier außen vor bleiben – manövrieren ihre zentralen Protagonisten zielgerichtet in Sackgassen. Am Ende nehmen weniger diese Protagonisten als die Filme selbst dann doch stets noch einmal eine neue, überraschende Wendung.

Ende der Saison

Zum Beispiel Ende der Saison. Der mit agiler Handkamera im Stil, aber ganz und gar nicht im Geist der dänischen Dogma-Produktionen gedrehte Film ist zunächst, obwohl ein Jahr vorher entstanden, eine Art Fortsetzung zu Sie haben Knut und dessen unsentimentalem Abgesang auf die sozialen und politischen Utopien der 68er-Generation. Die Veteranen der 68er Revolte sind unter Helmut Kohls Kanzlerschaft alt und zynisch geworden, und sie blicken voller Verachtung auf ihre Erben. Klarissa (Anneke Kim Sarnau) und Marius (Devid Striesow) sind diese Erben. Sie gehören einem locker organisierten Künstlerkollektiv an, das ein Kulturzentrum vor dem Abriss retten möchte. Klarissas Mutter Waltraut (Hannelore Elsner) und ihr Freund Enno (Christian Brückner) betrachten das Treiben des Nachwuchses dezidiert von oben herab. Der vom Revoluzzer zum Kapitalisten auf- beziehungsweise abgestiegene Enno bietet sich selbst als Retter des Kulturzentrums an, hat bei dieser großherzigen Geste aber Hintergedanken. Während Waltraut sich über den biederen Marius lustig macht, nähern sich Enno und Klarissa einander an. Am Ende ist es ein loderndes Feuer, das die immer verfahrenere Situation auf eine nicht unbedingt bessere, aber doch etwas weniger erstickende Perspektive hin öffnet.

Ende der Saison

Wenn Krohmers Filme trotz zahlreicher Unterschiede stilistischer wie inhaltlicher Natur ein kohärentes Ganzes ergeben, dann liegt das einerseits an solchen strukturellen Ähnlichkeiten, andererseits an wiederkehrenden Motiven, die oft aussehen wie Kleinigkeiten. Beispielsweise ist immer wieder das exakte Alter der Protagonisten von entscheidender Bedeutung. Dieses Alter wird oft sehr früh in Dialogen thematisiert und über die pure Nennung hinaus qualifiziert: Livia (Svea Lohde) in Sommer '04 ist „gerade einmal zwölf“, aber wirkt schon reifer als ihr 15-jähriger Freund. In Ende der Saison ist Klarissa „noch keine 27“, Mitte 30 trägt Gerrits Alter bereits im Titel, spezifiziert wird es dann als „immerhin schon 36“. Das Alter ist kein neutrales Attribut dieser Figuren, es ist mit einem Vektor versehen, der mal nach vorne, mal nach hinten zeigt. Die Differenz zwischen dem realen Alter und dem Alter, auf das der Vektor zeigt, treibt die Handlung voran, und sie steht metonymisch für ein allgemeineres Unbehagen am und im Hier und Jetzt, beziehungsweise am und im eigenen Körper.

Sommer '04

Ebenso fällt auf, dass in drei der vier Filme Sport eine wesentliche Rolle spielt. In Sommer '04 ist es, von Kameramann Patrick Orth eindrücklich eingefangen, das Segeln, in Sie haben Knut das Skifahren und in Ende der Saison Klarissas Handballspiel. Die körperliche Betätigung befreit nicht, aber sie entlastet, sie dient als wiederholbare und verlässliche Selbstversicherung, die im zwischenmenschlichen Bereich nicht möglich ist. Und sie rhythmisiert die Filme. Rhythmus schafft auch der sparsame Musikeinsatz, der, ebenso wie die zurückhaltende Schauspielführung, Krohmer manchmal in die Nähe des französischen Kinos rückt.

Krohmers Filme sind keine der großen Gesten, weder vor noch hinter der Kamera. Vor allem Sommer '04 ist anlässlich seines Kinostarts mit den Filmen der sogenannten Berliner Schule in Verbindung gebracht worden. Bei genauerer Betrachtung führt dieser Bezug, der sich allenfalls in Bezug auf Krohmers und Nockes Verzicht auf „erklärendes“, vereinfachendes Psychologisieren rechtfertigen lässt, nicht allzu weit. Krohmers kompaktes und ökonomisches, stilistisch unaufdringliches Erzählen ist eng mit dem Produktionsort Fernsehen verbunden und hat mit den Zeitbildern einer Angela Schnelec oder den aufwändigen Plansequenzen eines Ulrich Köhler (mit Letzterem teilt Krohmer den Kameramann Orth) wenig zu tun.

Sommer '04

Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die ausschließlich fürs Kino arbeiten und sich emphatisch als Autorenfilmer verstehen, muss sich Krohmer nicht mit jedem Film neu erfinden, sondern baut mit jedem Film auf den vorhergehenden auf. Gerade in ihrer Gesamtheit lassen die Filme des Regisseurs die Vorteile eines solchen Prozesses deutlich werden. Man darf gespannt sein, in welche Richtung sich Krohmers Filmschaffen, das in Mitte 30 zu einer beeindruckenden Souveränität gefunden hat, in Zukunft entwickelt.

Weiterführender Link:

Website der Diagonale zur Stefan-Krohmer-Filmschau

Kommentare zu „Stefan Krohmer - Engführungen und Öffnungen“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.