Ständiger Wackelkontakt

Und es bewegt sich doch: In der neuen Staffel von Twin Peaks ist die Fantasie längst zerstört, Personenfragmente hängen in falschen Körpern rum und Kafka im FBI. Ein spoilerarmer Erfahrungsbericht nach fünf Folgen.

Twin Peaks 3. Staffel   1

Es ist komisch, über Lynch zu schreiben, nach all den Jahren, ich hab es noch nie gemacht. Gut, eine wahnwitzig naseweise „Analyse“ von Mulholland Drive vor über einem Jahrzehnt, aber das zählt nicht: viel zu allwissendes Schreiben, dem sein Objekt eigentlich egal war. Nun also mitten aus Twin Peaks, Staffel 3, älter und völlig verunsichert, nicht einmal sicher, wie viel Episoden die Welt mir voraus hat.

Vorauseilende Loyalität, was auch sonst?

Twin Peaks 3. Staffel   2

Wie und warum also darüber schreiben? Sowieso klar: Das Beschreiben von etwas Gesehenem ist immer nur Übersetzung, eine niemals lösbare, stets nur auf einen nächsten Text aufschiebbare (Lebens-)Aufgabe. Bei Lynch geht das Problem aber schon bei der Erfahrung selbst los. Was ist das eigentlich, was es da zu übersetzen gälte? Wie ist das, was man da sieht, beschaffen? Da sperrt sich etwas ja nicht erst der Beschreibung, sondern schon dem Sehen und Nachdenken.

Twin Peaks 3. Staffel   4

Twin Peaks also, 25 Jahre später: Es wäre nicht genug zu sagen, dass ich sofort mitgegangen bin, dass ich sofort „hooked“ war, wie man das oft sagt über Serien. Die ersten zwei Folgen als Kinofilm, im Salle du Soixantième in Cannes, das war ja keine Serie, und mein commitment ging nochmal tiefer: ein bauchiges Staunen über eine Welt, die mir längst verlustig gegangen schien. Und das Staunen führte schnell zu einer vorauseilenden Loyalität gegenüber all dem, was da noch kommen mochte. Wenig Lust auf Urteile, also alberne Affirmierung, unterwürfiges Es-wird-schon-alles-seine-Richtigkeit-haben, eben seine Lynchigkeit, eigentlich so unkritisch wie die „Analyse“ damals. Allerdings: Nicht affirmativ über Twin Peaks zu schreiben, nicht in die Vollen zu gehen, naiv und pathetisch und ein bisschen back to fanboy, würde sich falsch anfühlen, weil sich Twin Peaks, Staffel 3, trotz aller als Willkür auslegbaren Sperenzchen auf eine sehr krasse Weise richtig anfühlt.

Zonen der Unentscheidbarkeit

Twin Peaks 3. Staffel   5

Schon bei der ursprünglichen Serie, über die Jahre mehrmals gesehen, war das schwierig mit dem Beschreiben, die Erfahrung auf dem gut-level einerseits so heftig, dass ich das Stadium des Interpretierens, das die „Analyse“ von Mulholland Drive damals so gestört hat, erst mal überspringen konnte. Andererseits war man ja trotzdem konfrontiert mit dem Wald und den Eulen und den Spirits und dem ganzen Drumherum. Und Ausflüge in Richtung Essenz des Bösen waren mir immer suspekt, ich hätte mindestens irritiert sein müssen ob dieser merkwürdigen Aufteilung der Welt in ihre Kehrseiten: Black Lodge, White Lodge, Körperbesetzungen und Doppelgänger, der Killer Bob in uns allen, und auch jetzt, in Staffel 3, schon im Vorspann dieses weiß-schwarze parallele Zickzack – duale Leben.

Twin Peaks 3. Staffel   6

Aber doch geht mir dieser Abgrund des Bösen bei Lynch immer sehr nahe, eben weil er nicht einfach Abgrund ist. Es gibt diese zickzackigen schwarz-weißen Parallelen nicht ohne den roten Vorhang, nicht ohne einen Zwischenraum, in dem das Böse nichts ist als ein Potenzial und ein Werden. Zonen der Unentscheidbarkeit, die bei Lynch zu filmischen Räumen werden, manchmal verständlicher- wie dooferweise als „weird“ beschrieben, weil die Begriffe fehlen. Immer wieder diese wirren, flirrenden, flickernden Lampen, die nicht an und auch nicht aus sind: Keine Fotografie kann eine flirrende Lampe zeigen, kein Roman eine beschreiben, ohne „flirrend“ oder „flickernd“ zu benutzen, was die Sache schon wieder stillstellt. Für das elektrische Leben braucht es schon das Bewegtbild.

Das Verhältnis zum Bösen also ein ständiger Wackelkontakt: Das Böse gibt es nicht, aber es wird, beständig, und es wird begehrt. Es gibt den Wald nicht, wenn niemand hineingeht, aber wir wollen da ja rein, und diese untergründige Bewegung entsteht aus ihrer vordergründigen Ablehnung. That’s Lynch: Man richtet sich ein in Suburbia, und man findet ein Ohr. Man träumt sich was zurecht und findet eine blaue Box. Man lebt das perfekte Kleinstadtleben, und es taucht eine Leiche am Ufer auf. Keine Dialektik hier, kein aber, sondern und: Das abgetrennte Ohr im Gras ist kein Gegenschuss, sondern eine Kamerafahrt. Der Abgrund ist Bewegung, und die Kehrseite kehrt sich unaufhörlich.

Kontrollverlustig

Twin Peaks 3. Staffel   7

Und dann wollen wir’s wissen und sehen, obwohl uns Lynch ständig zu ahnen zwingt, dass da Dinge sind, die nicht zu wissen und nicht zu sehen sind, und die wir vor allem nicht wissen und nicht sehen wollen sollten. That’s Twin Peaks: Da schicken wir lieber das FBI, das Untersuchungsbüro, das soll gefälligst untersuchen, und es wird sich schon lösen wie jedes vernünftige Rätsel. Aber: „It’s not the bunny“, da ist sich Deputy Hawk in Twin Peaks, Staffel 3, sehr sicher, als er 25 Jahre nach dem Mordfall Laura Palmer geheimnisvollen Hinweisen nachgeht und Rezeptionistin Lucy immer wieder eine Lösung vorschlägt. Ach, es wäre doch so schön und einfach.

Twin Peaks 3. Staffel   8

Die frühe Aufklärung des Mordes an Laura Palmer in Staffel 2 damals ist ja wohl auf Druck des Senders geschehen (wahrscheinlich hat ein Zwerg irgendwo aus dem Mittelreich der Erde auf einem sehr altmodischen Telefon angerufen), und dann war’s gelöst, aber die Serie musste weitergehen, und diese merkwürdigen späteren Folgen dieser zweiten Staffel, von Autoren geschrieben und Regisseuren inszeniert, die teils wie ausgedacht klangen (wer sind all diese Leute, wie sehen sie aus, habe ich mich damals gefragt), verliefen sich in wunderlichen, teils regelrecht nervigen Subplots. Aber eigentlich waren sie der Kern des Ganzen: Da hat eine Serie sich verselbständigt, die Kontrolle über sich selbst verloren, so richtig schizo werdend.

Kontrollverlust. Noch so ein Begriff, der sich für das, was ich da sehe, sehr anbietet und doch noch viel zu wenig ist. Denn wer verliert, der hatte schon mal. Aber: „Someone manufactured you“, sagt jemand in Twin Peaks, Staffel 3. Da ist und war nie jemand in charge, schon gar nicht wir, und nicht mal mächtige Organisationen wie das FBI, in dessen Räumen fein jackettierte Agenten zwar ernste Mienen aufsetzen, im Hintergrund aber ein Kafka-Porträt hängt. Und unser aller Held Agent Cooper, oder das, was von ihm übrig ist, irrt gleich in mehreren falschen Körpern durch die Welt. Ach, genau: Was ist jetzt mit Twin Peaks?

Twin Peaks 3. Staffel   9

Twin Peaks, Staffel 3, spielt nicht mehr in Twin Peaks. Die Fantasie ist längst nicht nur gestört, sondern geradezu unwiederbringlich zerstört, lässt sich nicht einfach von vorn beginnen. Lucy versteht die neuen Mobiltelefone nicht, sie fällt stets in Ohnmacht, wenn sie mit jemandem telefoniert, der kurz darauf live vor ihr steht. Twin Peaks ist längst vernetzt, nur noch ein Ort von vielen, und Twin Peaks ist es auch, der unheimlich-beruhigende Vorspann flieht stets direkt vom roten Vorhang in Establishing Shots von Las Vegas oder New York oder von sonst wo. Die dritte Staffel ist eine der Deterritorialisierung.

Was uns bevölkert

Twin Peaks 3. Staffel   10

Damit scheint Twin Peaks, Staffel 3, näher an den seither vergangenen Lynch-Filmen als an der Originalserie, arbeitet weiter unbehaglich an Lynchs geheimer Ontologie der „strange forces of existence“, von denen FBI-Forensiker Albert hier einmal spricht. Diese Kräfte erscheinen mitunter weniger Deleuze’ produktiven Wunschmaschinen als Freuds Mangelbegehren zu entspringen, und dann wieder sind all diese Dinge ja viel zu konkret, viel zu materiell: Kein großes Duell zwischen Über-Ich und Es, zwischen Realem und Imaginärem, überall nur weirde Partikel, die sich Mikrogefechte liefern und dabei Körper entstehen lassen, mit Handlungsmacht ausgestatteten Subjekten täuschend ähnlich.

Twin Peaks besteht aus dem, was uns bevölkert. Es erfindet diese Partikel nicht wie ein Fantasyfilm, sondern findet sie vor und setzt sie neu zusammen. Verinnerlicht und veräußert sie wieder. Kein smarter Mindfuck, sondern standesgemäße Lobotomie. Ganz tief drinnen, aber zugleich in einer so flachen, oberflächigen Welt, dass das tiefste Drinnen zugleich das äußerste Außen ist. Der Abgrund ist auch nur das Innen einer Falte, der man sich auch von der anderen Seite aus nähern kann. Cooper klettert in Folge 3 aus einem engen Behältnis und steht auf einer Raumschiffkapsel, mitten im Weltall. Das ist kein Albtraum, nur vielleicht ein Portal zwischen zwei Welten, aber vor allem Einsicht in die Gleichbeschaffenheit von Innen und Außen: This world is wild at heart and weird on top.

Debriefing zwecklos

Twin Peaks 3. Staffel   3

Whatever, ich bin von diesen Partikeln, die sich zu albernen Doppelgängern, zu Parallelwelten, zu Mystery-Klischees, zu Superkräften zusammensetzen, immer wieder tief berührt, tief als Orts-, nicht als Ausmaßbeschreibung. Als würde ich wo angefasst, wo man eigentlich nicht hinfassen kann, selbst wenn man mich obduzieren würde. Ist da auch eine Ethik in dieser Angst? Vielleicht bleibt auch wirklich nur die Hoffnung in die guten Hexen von Oz (a.k.a. Laura Palmer?).

Raus können wir jedenfalls nicht, das ist das Ding mit der Falte. In Folge 4 verlangt Cooper, der Böse, ausgerechnet von dem von Lynch selbst gespielten FBI-Veteranen Gordon Cole ein „Debriefing“ nach seinem angeblichen Undercover-Einsatz. Doch kann’s das nicht geben, nicht mal vom Regisseur, in dieser verselbständigten Serie, Welt, wie auch immer.

In dieser „Analyse“ von Mulholland Drive damals habe ich alles gewusst. Jetzt weiß ich nichts, und Ich braucht eigentlich die dritte Person, nicht die erste, im Sinne von: Ich ahnt etwas Schlimmes. Einzig die Sänger und Sängerinnen, die in Twin Peaks, Staffel 3, die Episoden beschließen, scheinen etwas zu wissen. Aber selbst durch diese auf der Bühne stehenden Körper singt etwas anderes hindurch. Das sind meist tolle Momente, aber auch sehr fürchterliche: Da ist’s um dieses Ich in der Regel schon geschehen, und es ist ganz froh, dass da kein Countdown runterzählt zum Beginn der nächsten Folge, dass es da erst mal wieder entlassen wird in die Welt und in ein bisschen Kontrolle.

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