Sidney-Lumet-Special
Seit mittlerweile einem halben Jahrhundert dreht der 1924 geborene US-Amerikaner Sidney Lumet kontinuierlich Filme. Das aktuelle Projekt des New Yorkers, Find Me Guilty (2005), befindet sich derzeit in der Postproduktion. Für den Film, über den längsten Mafiaprozess der US-Justizgeschichte, geht Lumet eine überraschende Liaison mit dem Actionfilmdarsteller Vin Diesel ein, der auch als Produzent fungiert. Noch bevor der Film in die Kinos kommt, wird der Regisseur dieses Jahr einen Ehrenoscar für sein Lebenswerk erhalten.
In einer Zeit, als das amerikanische Fernsehen boomte lernte Lumet sein Handwerk. Für die wöchentlich ausgestrahlte Sendung Playhouse 90 (1956–1961) inszenierte er in den 50er Jahren Fernsehspiele und traf dort auf Kollegen wie John Frankenheimer, Arthur Penn und Franklin J. Schaffner, die später ebenfalls erfolgreich zum Spielfilm wechselten. Die Arbeit im Fernsehstudio unterschied sich in einem Punkt wesentlich von der Regiearbeit am Set. Da es noch keine Möglichkeit gab, die elektronischen Bildsignale aufzuzeichnen, wurde aus dem Fernsehstudio live gesendet, was präzise Planung und im Vorfeld intensives Proben mit den Schauspielern voraussetzte. Wie kaum einem anderen Regisseur gelang es Lumet, beim Fernsehen erlangte Fähigkeiten für die Arbeit an Spielfilmen anzuwenden. Schon sein Aufsehen erregendes Kinodebüt Die zwölf Geschworenen (Twelve Angry Men, 1957) verband ausgezeichnete Schauspielerarbeit mit pointierten Dialogen und einer atmosphärisch perfekten kammerspielartigen Inszenierung. Das Geschworenenzimmer entfaltet sich zu einem facettenreichen Kosmos filmischen Erzählens.
In den Sechziger Jahren verstand er es, handwerklich routinierte Genrefilme (Anruf für einen Toten, 1966) mit ambitionierten innovativen Autorenfilmen (Der Pfandleiher, The Pawnbroker, 1964; Ein Haufen toller Hunde, The Hill, 1965) zu kombinieren. Dabei war The Hill der erste von insgesamt fünf Filmen, die er mit seinem favorisierten Darsteller Sean Connery drehte.
Neben dem Schotten war es vor allem Al Pacino, der unter seiner Regie (Serpico, 1973 und Hundstage, Dog Day Afternoon, 1975) die Position des alternativen Stars im amerikanischen Film festigen konnte. Besonders dessen beide Rollen stehen beispielhaft für Lumets Abkehr vom klassischen Helden hin zu ambivalenten, oftmals unsympathischen Protagonisten. Wie sonst nur William Friedkin stellt Lumet immer wieder Antihelden in das Zentrum seiner Geschichten, die, gesellschaftliche Außenseiterpositionen einnehmen. Oft beschreitet der Regisseur dabei auch tabuisiertes Neuland. So verkörpert Sean Connery in Sein Leben in meiner Gewalt (The Offence, 1972) einen Polizisten mit pädophiler Veranlagung, der seinen Gewaltausbrüchen hilflos gegenübersteht und in Equus – Blinde Pferde (Equus, 1977) beneidet Richard Burton als Psychiater seinen Patienten um die sexuelle Leidenschaft, die er für ein Pferd empfindet.
Die sich Mitte der Sechziger bis Mitte der Siebziger Jahre in vielen Filmen manifestierende Kritik am Establishment zieht sich durch die gesamte Karriere des Altmeisters. In Twelve Angry Men bot das Ende des Films immerhin noch ein positives Gegengewicht zu den vorher zur Schau gestellten Problemen, doch bereits in The Hill stand der aufrechte störrische Held dem System letztlich machtlos gegenüber. Der Anderson Clan (The Anderson Tapes, 1971), wieder mit Connery, kann als erster und einer der ungewöhnlichsten Filme des Paranoia-Genres gedeutet werden. Network (1976), Lumets kongeniale Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Paddy Chayefsky (Marty, 1955; The Hospital, 1971), gilt noch heute zu recht als eine der treffendsten Mediensatiren überhaupt. Lumets pessimistische Weltsicht schlug sich vor allem auch in den sonst so staatsaffirmierenden Genres des Gerichtsthrillers und Copfilms nieder.
Elemente und Konstellationen des Gerichtsfilms ziehen sich kontinuierlich durch Lumets Schaffen, etwa im Detektivfilm Mord im Orient Express (Murder on the Orientexpress, 1974) oder dem Familiendrama Daniel (1983).
Dem Regisseur gelingt es, wie keinem Anderem, den Gerichtsfilm mit weiteren Genres, vor allem dem Polizeifilm, stimmig zu kombinieren. Das Justizsystem bei Lumet ist in den altehrwürdigen Gemäuern der Gerichtssäle ebenso korrupt wie auf den Straßen. Ob Serpico (Al Pacino) oder der Dany Ciello (Treat Williams) in Prince of the City (1981) – sie alle leben in einer Welt, deren Grenzen zwischen Gesetzeshütern und Gesetzesbrechern verwischen.
An das Niveau, des bis ins kleinste Detail stimmige Meisterwerk Prince of the City, konnte Lumet in der Folge nicht mehr anknüpfen. Während The Verdict (1982) und Tödliche Fragen (Q & A, 1990) noch souverän in den von ihm favorisierten Genres, Gerichts- und Polizeifilm angelegt waren, lieferte er etwa mit Power – Weg zur Macht (Power, 1985) und Der Morgen danach (The Morning After, 1986) lediglich routinierte Spannungsfilme ab, die sich dem Unterhaltungskino annäherten. Jenseits der Unschuld (Guilty as Sin, 1993) offenbarte ein Drehbuch, mit dem sich Lumet früher nie zufrieden gegeben hätte, die Darsteller (Don Johnson und Rebacca De Mornay) können nicht überzeugen und zum Teil schlampige Arbeit bei Schnitt, Montage und Anschlüssen machen deutlich, dass der Regisseur seinen Zenit bereits überschritten hat. Nach einem eigenen Drehbuch realisierte Lumet Nacht über Manhattan (Night Falls on Manhattan, 1997) und überraschte, bisher zum letzten Mal, mit einer abermals gelungenen Kombination aus Polizei- und Gerichtsfilm. Nach Critical Care (1997) und Gloria (1998) verfestigte sich jedoch der Eindruck, der Altmeister hätte sich besser zur Ruhe setzen sollen.
Lumets hervorragende Zusammenarbeit mit Schauspielern brachte diesen immer wieder Nominierungen und Preise ein. Am 21.3. dieses Jahres nun erhält er endlich und völlig verspätet den Oscar, allerdings „nur“ für sein Lebenswerk. Vielleicht gelingt es dem Altmeister mit seinem jüngsten Film Find Me Guilty sein Publikum noch einmal zu überraschen, es würde nicht das erste Mal sein.
Special von David Gaertner, Sascha Keilholz
Veröffentlicht am 13.01.2005
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