Sex ohne Erlösung – Der Schauspieler Kôichi Imaizumi

Ein Leidender inmitten von Versuchungen. Das Pornfilmfestival Berlin zollt einem außergewöhnlichen Darsteller des japanischen Erotikfilms Tribut.

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Rushhour in der Tokioter U-Bahn. Salarymen und Office Ladys fahren zur Arbeit und fallen im Taumel der morgendlichen Lust übereinander her. Ein schmächtiger junger Mann mit kurzgeschorenen Haaren und leerem Blick bleibt bei diesem Treiben außen vor. Er versteckt sich hinter seiner Videokamera, filmt Hände im Schritt und orgiastisch verzerrte Gesichter, um die Welt überhaupt angemessen wahrnehmen zu können. Es ist einer von vielen doppelbödigen Einfällen in Satô Hisayasus Birthday (Chikan densha: Iyarashii koui, 1993), dass der Protagonist nicht nur an Depersonalisation leidet, sondern auch an einer seltsamen Krankheit, die ihn seine Umgebung nur zweidimensional sehen lässt. Als er später mit einer Selbstmörderin Sex hat, meint er nur ausdruckslos, es sei, als umarme er ein Poster. Allein der Blick durch die Kameralinse, die als maschinelle Verlängerung seines Körpers dient, erlaubt es ihm, in der dritten Dimension zu sehen und zu lieben.

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Der Schauspieler Kôichi Imaizumi verkörpert häufig Figuren, die daran scheitern, mit ihrer Außenwelt in Kontakt zu treten. Dabei findet die Kamera als Trennlinie zwischen ihm und seiner Umgebung gleich in mehreren Filmen Einsatz. In Hidden Camera Report: Sleazy Pictures (Tôsatsu repooto: Insha!, 1991) verdient Imaizumi sein Geld damit, Menschen heimlich beim Sex zu filmen. Ausgerechnet dieser Voyeur trifft schließlich auf ein unscheinbares Schulmädchen, das die Männerwelt mit einer Messerklinge für ihre Schaulust bestraft. Imaizumi spielt häufig Männer, die von einer niederschmetternden Passivität beherrscht werden, die vergessen haben, was es heißt, das Leben zu genießen. Nur für kurze Zeit gelingt es ihnen, sich mit verzweifelten Befreiungsschlägen ihrer eigenen Existenz zu vergewissern. Etwa wenn der Protagonist in Birthday das vergängliche Glück einer liebevollen Umarmung genießen darf. Dann zeichnet sich auch langsam ein Ausdruck der Freude auf seinem Gesicht ab. Man muss sich erst mal an diesen Anblick gewöhnen. Ganz wollen der resignierte Blick und das zaghafte Lächeln nicht zusammenpassen. Vielleicht wegen der Gewissheit, dass dieser Moment schon bald wieder vorbei ist.

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Sieht man sich den knabenhaften, melancholisch dreinblickenden Imaizumi an, ist es schwer zu glauben, dass man es mit einem der bekanntesten Gesichter und Körper der japanischen Erotikbranche zu tun hat. Bevor er sich mit Angel in the Toilet (1999) vorwiegend auf seine Arbeit als Regisseur selbstbewusster queerer Filme konzentriert hat, war er in über hundert, meist heterosexuellen Pinkfilmen zu sehen. So außergewöhnlich wie Imaizumi als Erotikdarsteller ist auch der Pinkfilm selbst. Denn dieses spezifisch japanische Genre war und ist neben seiner Funktion, ständig Nachschub für Sexkinos zu liefern, auch eine Plattform für filmische Experimente. Vorgegeben sind in der Regel nur die etwa einstündige Laufzeit, das niedrige Budget und eine gewisse Anzahl an Sexszenen. Der Rest bleibt dem Regisseur überlassen. Diese inszenatorische Freiheit machte den Pinkfilm zum geeigneten Übungsfeld angehender Regisseure wie Takeshi Ishii und Kiyoshi Kurosawa. Andere Filmemacher wie Zeze Takahisa und eben Satô Hisayasu, mit dem Imaizumi die meisten seiner Filme drehte, blieben dem Genre dagegen treu und dehnten es mit ihren düsteren, auf Zelluloid gebannten Visionen nach allen Seiten aus.

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Imaizumis Figuren sind besonders interessant, weil sie sich archaischen Rollenbildern konsequent entziehen. Er ist kein Übermann, der mit stolzgeschwellter Brust und emporgerecktem Glied die Damenwelt erobert, sondern ein innerlich zerrissener Schwächling, der den Frauen unterliegt. Unvergesslich etwa eine Szene aus Satôs schriller Familienkomödie Rafureshia (Sukebe-zuma: otto no rusu ni, 1995), in der er mit seiner Gemahlin Sex hat, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Nackt bis auf die weißen Socken liegt er komatös auf seinem Bett, hängt den eigenen Gedanken nach und zeigt keine Regung angesichts der wild quietschenden Frau, die sich da auf seinen Lenden abmüht. In Birthday ist es dagegen er, der sich mit zuckenden Stoßbewegungen bis zur Erschöpfung verausgabt. Doch egal in welcher Konstellation sich die nackten Körper näherkommen, für die gequälten Männer, die Imaizumi verkörpert, bietet der zwanghafte Sex keinerlei Erlösung.

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Anders als im westlichen Pornokino sind in heterosexuellen Pinkfilmen homoerotische Untertöne keine Seltenheit. In Japan geht das sogar so weit, dass sich heterosexuelle Männer schwule Pinkfilme ansehen, ohne dass das jemand komisch fände. Einen Rückschluss auf die Aufgeschlossenheit der Japaner gegenüber anderen Lebensweisen sollte man daraus aber noch nicht ziehen. Bevor Imaizumi selbst hinter die Kamera trat und das oft verzerrte Bild, das außenstehende Pinkregisseure von schwulem Leben haben, geraderückte, infiltrierte er die Welten von Filmen wie Rafureshia mit sexueller Ambivalenz. Ein hysterischer Vater, der eine inzestuöse Beziehung mit seiner Tochter führt, sucht, nachdem sich seine Angebetete zur selbstbewussten Frau gewandelt hat, nach Ersatz. Als gehörnter Ehemann, der nach einem Schlag auf den Kopf nicht mehr weiß, wer er ist, schlüpft Imaizumi in Perücke und Kleid, um diese Lücke zu füllen, und findet sein Glück schließlich in einer Zweckgemeinschaft. Es ist nicht das einzige Mal, das Imaizumi als Crossdresser die heterosexuelle Ordnung eines Pinkfilms auf den Kopf stellt.

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Natürlich müssen solche Momente überhaupt erst ermöglicht werden. Zwischen zahlreichen langweiligen und formelhaften Pinkfilmen sticht ein außergewöhnlicher Regisseur wie Satô Hisayasu mit seiner gewagten Themenwahl und prägnanten Ästhetik natürlich deutlich heraus. Mit seinen visuell überbordenden Fantasien bot Satô seinem Schauspieler Freiräume, die ihm anderswo wohl verwehrt geblieben wären. Auf dem Pornfilmfestival Berlin kann man sich nun von Imaizumis verstörend sinnlicher Leinwandpräsenz überzeugen. Gezeigt werden neben seiner neuesten eigenen Regiearbeit The Secret to My Milky Skin auch die durchweg empfehlenswerten Satô-Filme Birthday, Rafureshia und Hidden Camera Report: Sleazy Pictures. Hier bekommt man einen seltenen Einblick in eine faszinierende, wenn auch hierzulande leider immer noch sträflich ignorierte filmische Subkultur.

Eine ausführliche, reich bebilderte Geschichte des Pinkfilms kann man in Jasper Sharps „Behind the Pink Curtain: The Complete History of Japanese Sex Cinema“ nachlesen.

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