Sehnsucht nach dem Regen

Vom 30. Oktober bis zum 29. November widmet sich das Berliner Zeughauskino dem chinesischen Kino der letzten Jahre. Erstaunlich dabei ist vor allem die politische und ästhetische Vielfalt, die von subversiven Mainstreamkomödien bis zu entschieden anklagenden Dokumentarfilmen reicht.

Women Who Flirt 1

Die burschikose Angie (Zhou Xun) hat es nicht leicht: Weil sie den Männern auf Augenhöhe begegnet, sie nicht mit Rehaugen anblickt und auch nicht mit hoher Püppchen-Stimme spricht, wird sie erst gar nicht als potenzielle Freundin erkannt. Für Marco (Huang Xiaoming), in den sie schon seit der Schulzeit verliebt ist, ist sie einfach nur ein Kumpel – ein Kerl, wie er mehrmals zu ihr sagt. Man kann sich denken, wie sich die Handlung in der Romantic Comedy Women Who Flirt (Sa jiao nu ren zui hao ming, 2014) entwickeln wird: Die Heldin versucht, endlich zur Frau zu werden, und bekommt ihren Märchenprinzen. Doch zum einen stimmt das nur bedingt, und zum anderen muss man sich bei einem Film von Pang Ho-cheung – einem der aktuell spannendsten Regisseure aus Honkong, der die Fähigkeit besitzt, massenkompatible Genrefilme zu drehen, die zudem noch ziemlich clever sind – nicht von vermeintlichen Schwächen wie Vorhersehbarkeit den Spaß verderben lassen.

Detective Dee and the Phantom Flame

Wenn Angie von einer Entourage an überzeichneten Tussis lernen muss, dass man „Ich hasse dich“ so zu seinem Freund sagt, als wollte man mit ihm knuddeln, ist das nicht nur ziemlich komisch, sondern entlarvt auch ein bestimmtes weibliches Verhalten als Konstrukt, mit dem das vielleicht nicht ganz so starke Geschlecht geschont werden soll. Die eigentliche Besonderheit an dem Film ist aber etwas anderes: Denn obwohl Women Who Flirt überwiegend auf Kantonesisch gedreht wurde und auch mit seinen schlüpfrigen Witzen und popkulturellen Referenzen aus dem Westen wie eine klassische Hongkong-Komödie wirkt, handelt es sich dabei tatsächlich um eine Produktion aus der Volksrepublik.

Once Upon a Time in Shanghai

Die 25 Filme umfassende Retrospektive „Sehnsucht nach dem Regen“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, das chinesische Kino der letzten sechs Jahre Revue passieren zu lassen. Es ist bezeichnend, dass man dabei neben Pang auch auf Namen wie Tsui Hark, Johnnie To, Ann Hui oder Andrew Lau trifft, allesamt Regisseure aus Hongkong. Während die Filmindustrie der Kronkolonie in den letzten zehn Jahren ziemlich eingebrochen ist, boomt das Kino auf dem Festland derart, dass selbst einige Hollywood-Blockbuster mit chinesischer Beteiligung entstehen. Das Kuratorenteam The Canine Condition erforscht nun mit seiner Reihe ein nationales Kino, das zwar bestimmte Tendenzen aufweist, letztlich aber zu heterogen ist, um nur auf ein paar Schlagwörter reduziert zu werden.

Million Dollar Crocodile 1

Während Women Who Flirt beispielsweise für die rasche Modernisierung der ansonsten etwas konservativeren chinesischen Gesellschaft steht, hinterlässt auch die Geschichte der Volksrepublik ihre Spuren. Wenn etwa in Tsui Harks virtuosem Historienkrimi Detective Dee and the Mystery of the Phantom Flame (Di Renjie: Tong tian di guo, 2010) der Protagonist eine überraschende Unterwürfigkeit gegenüber einer eigentlich ziemlich korrupten und kaltblütigen Obrigkeit an den Tag legt, ist das wahrscheinlich kein Zufall, sondern politischer Subtext. Auf der anderen Seite gibt es eine scheinbar harmlose B-Horrorklamotte wie Million Dollar Crocodile (Bai Wan Ju E, 2012), die sich als böse Abrechnung mit dem Turbokapitalismus entpuppt. Ein riesiges Krokodil, das eine großzügig gefüllte Handtasche verschluckt hat, weckt darin nicht nur das Interesse der geldgierigen Besitzerin, sondern auch das des wie immer wild grimassierenden Lam Suet, der mit seinem Charakterkopf schon seit über zwanzig Jahren zum festen Inventar des Hongkong-Kinos gehört.

The Last Moose of Aoluguya

Das meist mit geringem Budget entstandene und ganz offen sozialkritische dokumentarische Kino der Retrospektive stellt einen scharfen Kontrast zu solchen Mainstreamproduktionen dar. Vor allem konzentriert es sich auf Randfiguren der Gesellschaft, die einem größeren Publikum nicht vermittelbar sind. Wang Bings meisterhafter Til Madness Do Us Part (Feng Ai, 2013) beispielsweise zeigt quälende, aber auch sehr zärtliche vier Stunden lang eine verdreckte und vollgepisste psychiatrische Klinik, in der jeder, der nicht der Norm entspricht, seiner Verwahrlosung überlassen wird. Gu Taos The Last Moose of Aoluguya (Han Da Han, 2013) wiederum erzählt von einem alkoholkranken Angehörigen des Volksstamms Evenken, der sich in einer feindseligen und gewalttätigen Umgebung durchschlagen muss. Trost findet er bei den letzten Elchen Nordchinas. Irgendwann wird er dann mit einer hübschen Frau verkuppelt und soll zivilisiert werden. Dass er sich jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in eine Gesellschaft eingliedern kann, die ihm bisher nur Verachtung entgegengebrachte, hat man bis dahin schon als bittere Tatsache akzeptiert.

Während das kommerzielle chinesische Kino als Bestandteil populärer Massenkultur nicht nur mit inszenatorischer Grandezza glänzt, sondern auch Raum für Subversionen lässt, ist es die Stärke der Dokumentarfilme, dass sie den Blick auf ein Unrecht freilegen, dass es, ginge es nach der Regierung, in der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht geben dürfte. Dass sich solche starken Gegensätze im Zeughauskino nicht widersprechen, sondern ergänzen, ist das Resultat einer Programmierung, die sich über angestaubte Einteilungen wie E und U glücklicherweise keine Gedanken mehr macht.

Kommentare zu „Sehnsucht nach dem Regen“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.