Sehenswertes in Ludwigshafen

Der WM und dem Wetter trotzend, feiert das Festival des deutschen Films noch bis zum 27. Juni auf der Parkinsel in Ludwigshafen die hiesige Kinematografie. Und die gibt wirklich zum Feiern Anlass! Hier in der Metropolregion Rhein-Nackar hat sich ein Jahrgang versammelt, der seinesgleichen sucht.

Festival des deutschen Films

Gefunden haben die Veranstalter um Festivaldirektor Michael Kötz ihre Filme vor allem auf der Berlinale. Barriere von Andreas Kleinert lief dort im Panorama und Shahada von Burhan Qurbani im Wettbewerb. Dietrich Brüggemanns Zweitling Renn, wenn du kannst gehörte zu den Lichtblicken der Perspektive Deutsches Kino. Für Furore sorgten die neuesten Beiträge der Berliner-Schule-Ikonen Angela Schanelec und Thomas Arslan. Selbst wer frühere Werke der Hauptstadt-Regisseurin als dröge erinnert, wird in Orly einige Momente finden, etwa das unverhofft intime Gespräch zwischen einem Jungen und seiner Mutter. Herausragend und für Schanelec absolut untypisch ist eine vom neu vertonten Otis-Redding-Song „Remember me“ getriebene Sequenz, die von einer Liebe erzählt, welche nicht gelebt werden wird.

Im Schatten

Arslan verzichtet in Im Schatten wie gewohnt fast vollständig auf Musik, ehe der Sound am Ende des Films sich in das Gehirn der Zuschauer brennt. Seine Hinwendung zum Genre ist an puristischer Genauigkeit nicht zu übertreffen. Im Schatten ist nichts Geringeres als ein minimalistisches Meisterwerk und damit automatisch ein Höhepunkt in Ludwigshafen. Während Arslans Gangsterballade auf der Berlinale ins Forum abgeschoben wurde, durfte Benjamin Heisenbergs Literaturadaption Der Räuber im Wettbewerb überzeugen, wo sie unverständlicherweise ohne Auszeichnung blieb. Mit einem ebenfalls unkonventionellen Musikeinsatz, einem Auge und Gespür für körperliche Bewegung und Aktion sowie dem überragenden Andreas Lust erzählt Heisenberg unter völligem Verzicht auf Psychologisierung den Höllenritt eines Adrenalin-Junkies.

Waffenstillstand

Außerdem sind Lancelot von Nasos Waffenstillstand, der seit seinem Erfolg in Montreal von Festival zu Festival reist, sowie Wolfgang Fischers formal überzeugender Was du nicht siehst, der mit betörender Kameraarbeit fasziniert, zu sehen. Kurz vor dem offiziellen deutschen Kinostart präsentieren Christian Becker und Oliver Schwabe mit Zarte Parasiten ihre zweite Zusammenarbeit am Rhein. Der Film über ein obdachloses Paar setzt sich wohltuend von jüngeren deutschen TV-Sozial- und Unterschichtendramen ab, die auch zum Teil auf den Festivals zirkulierten. Im Vier-Personen-Stück treffen Jakob und Manu (Robert Stadlober und Maja Schöne) auf Martin und Claudia (Sylvester Groth und Corinna Kirchhoff), die ihren Sohn verloren haben. Während Manu eine ältere Frau pflegt, versucht Jakob, bei dem trauernden Paar die vakante Rolle des Sohnes auszufüllen. Je mehr er sich integriert, um so fragiler wird das Bündnis mit seiner Partnerin. Die beiden Regisseure kommen ohne standardisierte Klischeebilder aus, ihre Geschichte funktioniert mit Andeutungen und Auslassungen.

Die zwei Leben des Daniel Shore

Bereits im Kino gelaufen, aber fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ist Michael Drehers Die zwei Leben des Daniel Shore mit Nicolai Kinski und Katharina Schüttler. Kinowelt hat den Film zu Jahresbeginn in Multiplexen verhungern lassen, ein größeres Publikum wird er demnächst hoffentlich auf DVD finden. Wie bei Was du nicht siehst ist auch hier die Kameraarbeit herausragend, und zwar von der auch akustisch bemerkenswerten ersten Einstellung an. Dreher siedelt seine komplexe Geschichte an zwei dichotomischen Orten an: Im sonnendurchfluteten, blaustichigen Marokko und im trist-düsteren Deutschland. Eine offene Luxusvilla steht dem verwunschenen Mietshaus gegenüber, und beide Orte erinnern an frühe Polanski-Schauplätze.

Schwerkraft

Neben der Qualität und Vielfalt im Rennen um den Filmkunstpreis kann Ludwigshafen auch in der Nebensektion „Lichtblicke“ überzeugen. Hier ist unter anderem Maximilian Erlenweins Langfilmdebüt Schwerkraft zu sehen, der ähnlich wie Die zwei Leben des Daniel Shore unglücklich vertrieben wurde und nur ein kurzes Kinodasein fristete. Fabian Hinrichs vom Psychobilly unterstützte Tour de Force ist stilsicher und sehenswert. Was man insgesamt vom Festival des deutschen Films behaupten kann.

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