Sechs Filme, die 2013 in den Bestenlisten fehlen

Erinnerungen an die Vergessenen. Filme, die dieses Jahr zu wenig Aufmerksamkeit bekommen haben.

The Canyons von Paul Schrader

Rueckblick.The Canyons

Über mangelnde Aufmerksamkeit kann sich Paul Schrader eigentlich nicht beklagen. Das Problem an der Berichterstattung zu The Canyons war eher der missgünstige Ton. Von weiten Teilen der Presse wurde der Film schon in der Luft zerrissen, bevor die Dreharbeiten begannen. Ein Erotikthriller nach dem einstigen Skandalautor Bret Easton Ellis mit Rehab-Stammgast Lindsay Lohan und Pornodarsteller James Deen in den Hauptrollen: Das musste misslingen. Weit gefehlt. Was mit Fotografien verfallener Lichtspielhäuser seinen Anfang nimmt, entwickelt sich zu einem faszinierenden Requiem auf die Filmindustrie. Schrader zeigt keine Scheu vor Camp, tastet sich an glänzenden Oberflächen entlang und findet dahinter zerrüttete Schauspielerexistenzen, die auf dem Hollywood-Strich anschaffen gehen. Großartig ist dabei vor allem Lindsay Lohan, die mit aufgespritzten Lippen und müden Augen durch den Film schlafwandelt und gewissermaßen den Niedergang der Traumfabrik verkörpert.

’Til Madness Do Us Part von Wang Bing

Rueckblick.Til Madness Do Us Part

In seinen Dokumentarfilmen konzentriert sich Wang Bing auf jene Menschen, die im Rahmen der rasanten Modernisierung Chinas auf der Strecke geblieben sind. Dass seine Filme voller einzigartiger Szenen sind, liegt auch daran, dass sich Wang für seine Beobachtungen sehr viel Zeit nimmt. In ’Til Madness Do Us Part führt er uns etwa vier intime, erschütternde, mitunter auch erheiternde und zärtliche Stunden hinter die unverputzten Mauern einer psychiatrischen Anstalt. Mit sanfter Empathie blickt der Regisseur zugleich hartnäckig und zurückhaltend auf verschiedene Männer, denen ein Leben in der chinesischen Gesellschaft verwehrt bleibt. Dazwischen wird viel gerannt, geschrien, lethargisch vor sich hingelebt, in alle Ecken gepisst und in schwachen Momenten auch miteinander gekuschelt. Ein ungemein starkes Dokument einer verwahrlosten Parallelwelt. Zu den deprimierendsten Momenten zählt überraschenderweise jedoch der Freigang eines Insassen. Kaum hat er die verdreckten und beengenden Zellen hinter sich gelassen, wandert er durch eine scheinbar endlose Industriewüste und wird von einer beängstigenden Leere verschlungen.

Coming Forth by Day von Hala Lofty

Rueckblick.Coming Forth By Day

Dass der ägyptische Film Coming Forth by Day überhaupt in einigen deutschen Kinos lief, ist schon eine Besonderheit. Denn solche geduldig erzählten, auf den ersten Blick spannungsarmen Filme haben es bekanntlich schwer, ein Publikum zu finden. Hala Lofty erzählt in ihrem formal wie emotional starken Regiedebüt von einer jungen Frau, die ihre Bedürfnisse hintanstellen muss. Fast die gesamte erste Hälfte des Films gleitet die Kamera in einer präzisen Choreografie durch die Familienwohnung und zeigt minutiös den Alltag von Mutter und Tochter, der sich nur darum dreht, den kranken Vater zu pflegen. Immer wieder fällt der Blick der Protagonistin dabei sehnsüchtig aus dem Fenster. In der zweiten Hälfte begibt sie sich dann nach draußen, versucht Versäumtes nachzuholen und gerät bei ihren Streifzügen durch Kairo doch immer wieder an die Grenzen ihrer vergänglichen Freiheit. Anders als viele ägyptische Filme ist Coming Forth by Day nicht explizit politisch, sondern widmet sich auf distanzierte Weise einem persönlichen Dilemma. Das Besondere findet er im Alltäglichen, das Dramatische im Beiläufigen.

Norte, the End of History von Lav Diaz

Rueckblick.Norte

Bisher wurden die Filme von Lav Diaz vor allem von einer eingeschworenen Fangemeinde gefeiert, die sich von ausufernden Laufzeiten von bis zu dreizehn Stunden nicht abschrecken ließ. Norte, the End of History ist mit vier Stunden nicht nur ein vergleichsweise kurzes Werk des Regisseurs, sondern auch ein komprimierter Beweis für das Talent eines beeindruckenden Erzählers. Angelehnt an Dostojewskis Verbrechen und Strafe spannt der Film einen breiten epischen Bogen und nimmt sich dabei Zeit für philosophische Diskussionen und poetische Bilder, die sich mit den Mitteln der Sprache nur unzureichend beschreiben lassen. Einen vom Schicksal gebeutelten Arbeiter stilisiert Diaz in seiner elliptischen Geschichte zum Märtyrer für soziale Ungerechtigkeit. Die christliche Symbolik, die sich dezent durch den gesamten Film zieht, gipfelt schließlich im vielleicht magischsten Moment des Kinojahres: der Levitation der gepeinigten Hauptfigur.

Taffe Mädels von Paul Feig

Rueckblick.Taffe Maedels

Wie man das Talent einer der aktuell interessantesten Komikerinnen vergeudet, konnte man in dem verlogenen Voll abgezockt sehen. Paul Feig hat der wunderbaren Melissa McCarthy dagegen einen Film geschenkt, in dem sie die von ihr perfektionierte Rolle der unverbesserlichen Kodderschnauze geben darf, ohne sich konservativen Moralvorstellungen beugen zu müssen. Taffe Mädels ist konzentrierter und ökonomischer als sein Vorgänger Brautalarm, gleichzeitig aber auch gewagter. Denn McCarthy und Sandra Bullock haben sich in dieser feministischen Polizeikomödie ganz aus dem Würgegriff der Männer gelöst. Beruflich werden Vertreter vom anderen Geschlecht in unflätigen Wortgefechten zunichte gemacht, und auch auf die ansonsten für weibliche Figuren so obligatorische Liebesgeschichte wird verzichtet. Beim Publikum kam Taffe Mädels sehr gut an, von den Kritikern wurde er dafür eher stiefmütterlich behandelt. Dabei handelt es sich hier um nicht weniger als die lustigste Komödie des Jahres.

On the Job von Erik Matti

Rueckblick.Onthe Job

Das philippinische Genrekino hat hierzulande keinen Platz – weder auf Festivals noch in der Videothek. Besonders schade ist das, weil einem dadurch die Filme von Erik Matti vorenthalten bleiben. Seit Jahren beweist Matti nicht nur eine erstaunliche Flexibilität im Umgang mit verschiedenen Genres, sondern verankert sein populäres Kino auch konsequent in der sozialen Wirklichkeit. Seine neueste Regiearbeit On the Job, die mit ihrem urbanen Neondschungel als Schauplatz und den melodramatischen Untertönen fast wie ein Actionfilm aus Hongkong wirkt, basiert auf einem wahren Kriminalfall, bei dem Politiker Auftragskiller aus dem Gefängnis rekrutiert haben. Mit mehreren Erzählsträngen, deren Verbindung sich erst mit der Zeit erschließt, wagt sich der Film gleichzeitig in verschiedene Milieus vor und findet doch überall dieselbe menschliche Niedertracht. Wie die philippinische Hauptstadt hier zum Sündenbabel stilisiert wird, in dem der Einzelne zugrunde gehen muss, erinnert dann auch an einen sozialkritischen Klassiker des philippinischen Kinos: Lino Brockas Melodram Manila in the Claws of Neon (1975).

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