Schwarze Wellen, rote Horizonte

Junge, ästhetisch wie politisch ambitionierte Regisseure korrigieren das Image ihrer Heimat. Ab heute widmet sich im Berliner Arsenal eine Retrospektive dem Neuen Jugoslawischen Film.  

About the Art of Love-001

Unter Titos Regierung sollte ein sauberes, vom Staatspräsidenten selbst kontrolliertes Bild des Vielvölkerstaats Jugoslawien die Öffentlichkeit bestimmen. Der Bevölkerung war das oft egal, wie Krsto Papićs schöner Kurzfilm Let Our Voices Be Heard Too (Neka se čuje i naš glas, 1971) zeigt. Darin porträtiert der Regisseur einige der vielen über das Land verstreuten Piratensender, die mit Volksmusik, zotigen Witzen und Deutschkursen für Gastarbeiter eine Gegenöffentlichkeit bildeten, in der auch Kritik am sozialistischen Regime an der Tagesordnung war. Als Running Gag taucht dabei immer wieder ein steifer Beauftragter der nationalen Rundfunkanstalt auf, der vergeblich vor der schädlichen Wirkung illegaler Sender warnt. Auch Regisseur Papić war ein Ungehorsamer. Wie Aleksandar Petrović, Živojin Pavlović, Želimir Žilnik und Karpo Godina gehörte er zu einer Gruppe junger Filmemacher, die es sich zur Aufgabe machten, das propagandistisch geglättete Image ihres Landes zur korrigieren.

Ein zu Unrecht vergessenes Filmerbe

Jutro

Dabei sollte nicht nur mit Partisanen-Romantik aus dem Zweiten Weltkrieg aufgeräumt und Kritik an den Unzulänglichkeiten des Staates geübt werden, sondern auch der Wunsch nach einem neuen, einem besseren Sozialismus Form annehmen. Žilnik sagte einmal sinngemäß, dass ein Sozialismus gescheitert sei, in dem die Menschen keine Arbeit, ja nicht einmal ein Dach über dem Kopf hätten. In Schwarzer Film (Crni Film, 1971) ergreift er selbst die Initiative. Nachdem er einige Obdachlose in seiner Wohnung untergebracht hat, diskutiert er mit Menschen auf der Straße, was man gegen dieses gesellschaftliche Problem tun kann. Die Regierung ließ sich solche Aufmüpfigkeiten natürlich nicht gefallen. Viele der Filme wurden damals zensiert, einige sogar für immer zerstört. Vom 4. bis zum 30. September widmet nun das Berliner Kino Arsenal der sogenannten Schwarzen Welle mit 13 Lang- und 18 Kurzfilmen, die zwischen den Jahren 1965 und 1973 entstanden, eine Retrospektive. Es ist eine seltene Gelegenheit, um sich – überwiegend auf 35mm-Kopien – mit dem fast vergessenen, aber ungemein spannenden Filmerbe eines Landes vertraut zu machen, das es heute nicht mehr gibt.

W.R. Mysterien des Organismus

In den 1960er Jahren gab es nicht nur in Frankreich, sondern fast überall auf der Welt neue filmische Wellen, die sich von Papas Kino distanzierten und auf der Suche nach einer eigenen Filmsprache waren. Wie überall handelte es sich dabei auch in Jugoslawien um keine einheitliche Strömung, sondern um verschiedene Regisseure mit sehr unterschiedlichen Handschriften. Die Bandbreite reicht von Dokumentarfilmen über verstrahlte Hippie-Experimente und eher klassisches Erzählkino bis zu absurdem Theater. Dabei stehen häufig keine Kämpfer im Mittelpunkt der Filme, sondern junge, etwas ziellose Menschen, die sich zu dem, was um sie herum passiert, überraschend passiv verhalten.

Demonstrative Faulheit

When I m Dead and Pale

Immer wieder trifft man etwa auf das markante Gesicht von Dragan Nikolić, der ein bisschen aussieht wie eine hübschere Variante des jungen Winfried Glatzeder und damals völlig zu Recht als Sex-Symbol galt. In Pavlovićs When I am Dead and Pale (Kad budem mrtav i beo, 1967) spielt Nikolić einen nur mäßig sympathischen Slacker, der nicht nur jedem Rock hinterherjagt, sondern auch jeder Gelegenheit, mit möglichst wenig Aufwand an möglichst viel Geld zu kommen. In der tristen Provinz versucht er sich schließlich als Schlagersänger und eckt dort mit seiner demonstrativen Faulheit bei den eifrigen Genossen an. Ähnlich wie sein Held lässt sich Pavlović in seinem Film treiben, interessiert sich eher für kleine Episoden und dokumentarische Beobachtungen als dafür, seinen Misfit in ein dramaturgisches Korsett zu zwängen. Andere Filme der Reihe wie der elliptisch erzählte Der Morgen (Jutro, 1967) oder die überdrehte Groteske Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution (Uloga moje porodice u svetskoj revoliciji, 1971) geben sich noch deutlich modernistischer, brechen die Konventionen durch einen geradezu aggressiven Einsatz von Musik und lassen den psychologischen Realismus weit hinter sich.

Ungeschminkter Realismus

Der Knotenpunkt

Der Wirklichkeit bleiben die Filme jedoch immer verbunden. Der abwertend gemeinte Name der Schwarzen Welle bezog sich darauf, dass die Regisseure in den Augen der emsigen Sozialisten nur daran interessiert waren, das Land in ein schlechtes Licht zu rücken. Mit Schwarzmalerei haben die Filme aber wenig zu tun, schon allein wegen ihrer positiven Einstellung zur Sexualität, ihres subtilen Humors und einer Erzählweise, die selbst, wenn es um Krieg und Armut geht, noch von einer frappierenden Leichtigkeit geprägt ist. Es ist vor allem der ungeschminkte Realismus, mit dem sich die Regisseure Ärger einfingen. Exemplarisch dafür steht ein weiterer dokumentarischer Kurzfilm von Krsto Papić. In Der Knotenpunkt (Čvor, 1970) filmt der Regisseur ein neues Bahnhofsgebäude und trifft dabei auf erstaunlich viele Arbeitslose. Irgendwann tritt ein emsiger Bahnhofsangestellter vor die Kamera, fordert den Regisseur auf, doch nicht immer nur das Negative zu zeigen, und macht damit die staatliche Kontrolle über das Kino gleich noch zum Inhalt des Films. Heute Abend wird ein Kurzfilmprogramm die Retrospektive eröffnen, das sowohl Let Our Voices Be Heard Too als auch Der Knotenpunkt beinhaltet. Als Gast wird Želimir Žilnik anwesend sein. 

Das gesamte Programm der Retrospektive gibt es hier

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