Schreiben über Film (3): Indignation

Rededuelle vor makelloser Kulisse: James Schamus verfilmt einen Coming-of-Age-Roman von Philip Roth. Zwei Rezensionen von Studierenden des Seminars „Schreiben über Film – Berlinale 2016“ (Stiftung Universität Hildesheim).

Perfect World in Winesberg

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1951. Während seinen Freunden der Einsatz im Koreakrieg droht, wird der 19-jährige Marcus Messner an einem College in Winesberg, Ohio aufgenommen. Der Studienplatz schützt ihn nicht nur vor der Rekrutierung. Er gibt ihm darüber hinaus die Chance, den Streitereien mit seinem besorgten Vater und einer Zukunft als Metzger zu entfliehen. Doch auch im College eckt Marcus mit seinem Verhalten an. Auf Bestnoten fixiert, vergräbt er sich in seinen Büchern und knüpft keine Kontakte. Bis Olivia Hutton, oder vielmehr das Wippen ihres Beines, seine Aufmerksamkeit erregt.

Indignation ist auf den ersten Blick ein typischer Coming-of-Age-Film. Marcus Messner verlässt zum ersten Mal das Elternhaus. Er ist anders als alle anderen, ein Außenseiter. Er lernt ein Mädchen kennen und sammelt erste sexuelle Erfahrungen. Trotz alledem unterscheidet sich die Figur von typischen adoleszenten Protagonisten und wird gerade dadurch interessant. Standhaft verteidigt Marcus seine politischen und moralischen Wertvorstellungen und widersetzt sich den Regeln, die diesen widersprechen. Nichts scheint ihn zu verunsichern, nicht einmal die Vorladung beim Dekan, der sich um Marcus’ Integration am College sorgt. Allein Olivia verunsichert ihn. Ihre sexuelle Offenheit entspricht nicht seiner puritanischen Erziehung und seiner Vorstellung von jungen Frauen.

Mit Liebe zum Detail inszeniert Regisseur James Schamus den Look der 1950er Jahre. Die Bilder, die er kreiert, sind nahezu makellos. Die Kleidung der jungen Studenten sitzt wie frisch gebügelt, kein Haar an der falschen Stelle. Den Campus in Winesberg gestaltet Schamus als einen Ort, an dem alles seine Ordnung hat. Dass es in dieser perfekten Winesberg-Welt aber auch Verzweiflung und Depressionen gibt, wird von den Figuren verdrängt. Die Bilder der perfekten Welt stehen im Kontrast zum Ist-Zustand.

Die größte Stärke von Indignation sind die Dialoge. Schamus inszeniert wahre Rededuelle. Zwischen Vater und Sohn, zwischen zwei Geliebten, zwischen Mitbewohnern oder zwischen Dekan und Student, immer unterhaltend und dynamisch, wodurch der Film permanent Schwung behält.

Jasmin Osmanovic

 

Regisseur James Schamus inszeniert in seinem Berlinale-Beitrag Indignation ein scharf gezeichnetes Coming-of-Age-Drama im konservativen Amerika der 1950er Jahre.

In einem Seniorenheim sitzt eine alte Dame und schaut auf die geblümte Tapete. In einem Dschungel stirbt ein junger Soldat. In einer Synagoge in New Jersey findet seine Beisetzung statt.

Mit diesen kurzen ersten Szenen ist die Stimmung des Filmes von James Schamus gesetzt: Indignation spielt im Amerika der 1950er Jahre, zwischen den Schrecken des Koreakrieges und der Paranoia der McCarthy-Ära. Vor dieser historischen Kulisse erzählt der Film die Geschichte von Marcus Messner (Logan Lerman), einem jungen Mann aus jüdischer Familie. Sein Vater, ein koscherer Metzger, wird bei dem Gedanken, sein Sohn könnte eingezogen werden, beinahe verrückt vor Angst. Um diesem Schicksal und seinem Vater zugleich zu entgehen, tritt Marcus ein Stipendium am Winesburg College an, dem „spießigsten College in Ohio“. Dort erweist er sich als brillanter Student mit rhetorischem Talent. Er ist pflichtbewusst, diszipliniert und fleißig. Schließlich trifft er auf Olivia Hutton (Sarah Gadon), verliebt sich und macht erste sexuelle Erfahrungen.

In der ersten Hälfte dieser Verfilmung des gleichnamigen Romans von Philip Roth scheint zunächst alles auf eine humorvolle Geschichte vom Erwachsenwerden hinauszulaufen. Die Zuschauenden sehen skurrile Figuren, hören ein brillantes Wortgefecht mit dem Dekan und werden Zeugen des unbeholfenen ersten Rendezvous in einem zu teuren französischen Restaurant. Langsam schleicht sich jedoch ein scharfer Unterton in diese Erzählung. Denn in Winesburg wird Sexualität auf das Härteste verdammt, werden Moral, Gehorsam und Loyalität als oberste Gebote gehandelt und psychische Probleme schlechtweg negiert. Auch auf narrativer Ebene vollzieht der Film schließlich einen krassen Richtungswechsel. Denn die Stimme von Marcus, der Indignation als Erzähler begleitet, macht deutlich, dass der Film als Rückblende im Moment seines Todes erzählt wird.

James Schamus inszeniert in seinen perfekt ausgestatteten, glänzenden Filmbildern die Geschichte von verlorenen, jungen Menschen, die in der politischen Hysterie jener Jahre versuchen, etwas wie Individualität zu finden. Zerrissen zwischen ihrem Verlangen nach Freiheit und dem Wunsch, „gute Töchter“ und „gute Söhne“ zu sein, zerbrechen sie an der Härte der gesellschaftlichen Konventionen.

Marie-Charlotte Siemons

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Copyright Foto: © Winesburg Productions, LLC.

Kommentare zu „Schreiben über Film (3): Indignation“


Urs Bender

Ja die "Stärke" des Filmes waren die Dialoge. Doch die stammen 1zu1 aus dem Roman von Roth und Schamus fiel dazu so rein gar nix ein. Außer öder TV Ästhetik. Einer der schlechten Filme im Panorama.






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