Schreiben über Film (3): Beuys

Drei Kurzkritiken zum Film Beuys (2017, Regie: Andres Veiel), verfasst von Studierenden des Seminars „Schreiben über Film – Berlinale 2017“ (Stiftung Universität Hildesheim).

Wie wollen Sie denn ohne Lachen eine Revolution machen?!“

Ein bisschen wie ein Cowboy sitzt er da. Den Hut bis über die Augenbrauen ins Gesicht gezogen, blickt er in die Kamera. „Is’ ja richtig Hollywood hier“, kommentiert er lakonisch das Interview-Setting. So beginnt der Wettbewerbs-Film über den 1986 verstorbenen Joseph Beuys, der in den 1960er und 70er Jahren mit provokativen Aktionen und seiner Ansage „Jeder ist ein Künstler“ für Furore sorgte. Um die Menschen zu erreichen, sagt Beuys in diesem Film, müsse man sich in das Publikum hineinversetzen und „die inneren Fragen der Leute im Raum erspüren“.

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Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Veiel (Black Box BRD, 2001) nähert sich Beuys mit suchendem Blick. Jörg Jeshels Kamera zoomt in die Archivbilder hinein und wieder heraus. Material wird gescannt und studiert, Details werden hervorgehoben, anderes ausgeblendet. Geschickt nutzen Veiel und sein fünfköpfiges Schnitt- und Animationsteam das Leitmotiv des Kontaktabzugs, aus dem immer nur einige Aufnahmen ausgewählt werden. Mit diesem Verfahren verweist der Regisseur zum einen auf Hunderte Stunden Bild- und Audiomaterial, in denen die Auftritte von Beuys dokumentiert sind. Zum anderen verdeutlicht das entstehende Mosaik, dass hier gar nicht erst der Versuch gemacht wird, einen  „ganzen Menschen“ abzubilden.

Der Film wirft vielmehr Schlaglichter auf verschiedene Seiten von Beuys und dokumentiert ihn als einen selbstbewussten Mann mit Charisma. Als einen, der sich nicht unbedingt angegriffen fühlt, aber immer wieder angreifbar macht. Einen, der Veränderung fordert, doch Antworten schuldig bleibt und seine eigene Ikonisierung narzisstisch mitbefördert. Der von Wegbegleitern als konsequent und geistesgegenwärtig beschrieben wird; ein Mensch mit einer kämpferischen und einer depressiven Seite.

Der Respekt, mit dem Veiel dem wuchernden Material begegnet, ohne Beuys dabei zu glorifizieren, ist bemerkenswert. Immer wieder setzt an entscheidenden Stellen der Ton aus, als könnten die Bilder für sich allein sprechen. So auch am Ende des Films, als der Protagonist noch einmal direkt in die Kamera blickt. Vielleicht wusste ein Großteil des Publikums noch gar nicht, wie viele Fragen es an Joseph Beuys hatte. Andres Veiel schon, und er hat sehr programmatisch nur einige davon beantwortet.

(Christian Fischer)

 

Immer Beuys, immer anders

„Herr Beuys, Herr Beuys, was ist Kunst?“, fragt ein Reporter den vorbeistürmenden Joseph Beuys in Andres Veiels Dokumentarfilm. Diese Frage nimmt Beuys, einziger Dokumentarfilm im Wettbewerb der Berlinale, mit in die Auseinandersetzung mit einer mythischen Künstler-Figur.

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Grauer Filzhut, kantiges Gesicht, durchdringender Blick. Joseph Beuys wird in dem Dokumentarfilm von Andres Veiel als eine dominante Person charakterisiert. Radikale Ansichten und offensive Antworten zeichnen ihn aus. Beuys denkt den Kunstbegriff neu und gilt als Begründer der Aktionskunst. Kein anderer deutscher Künstler spaltet die Öffentlichkeit, aber auch den Kunstbetrieb so sehr wie er. Angelehnt an Picasso, der Kunst mehrfach als eine Waffe bezeichnete, stellt Beuys viele seiner Arbeiten in den Kontext politischer Auseinandersetzung. Dabei stößt er immer wieder auf institutionellen Widerstand oder auf Unverständnis, wenn er zum Beispiel gegen den Willen der Düsseldorfer Kunstakademie 400 Bewerber in seine Klasse aufnimmt.

Regisseur Andres Veiel lässt die Sätze von Beuys im Raum hängen und viele Fragen nach der Biografie des Künstlers offen. Beuys wird als eine polarisierende Figur des öffentlichen Lebens gezeigt, die es sich vorbehält, uneindeutig zu bleiben. Entsprechend entsteht eine Montage aus Interview-Szenen, Aufzeichnungen von Aktionen und öffentlichen Auftritten sowie Bilddokumenten aller Art, die mit aufwändigem Sounddesign unterlegt werden. Der mediale Kontext rückt dabei immer wieder in den Fokus. Kameras und Fotografen sind in den Aufnahmen aus den Archiven omnipräsent. So entsteht eine Collage aus Verweisen auf die mediale Konstruktion und Inszenierung der Person Beuys selbst.

(Katharina Mänz)

 

The Beuys of Germany

Zur documenta7 im Jahre 1982 will Joseph Beuys 7000 Eichen in Kassel und Umgebung pflanzen. Ein teures und langwieriges Projekt, aber es gelingt. „Konsequenz von Reden und Tun“ wird dem Künstler in einer Interviewszene von der Kunsthistorikerin Rhea Thönges-Stringaris attestiert. Bäume setzen als Kunstwerk: Das trifft den Kern des künstlerischen Wirkens von Beuys, Kunstprofessor, Grünen-Kandidat, Hutträger, Performer und Artivist avant la lettre. Auch dreißig Jahre nach seinem Tod ist dieser Künstler immer noch ein Exportschlager. Und sorgte doch schon Anfang der 1960er in Europa und den USA für Aufsehen.

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In den Aufnahmen aus den Archiven lächelt Beuys sehr häufig, im Disput oder aus Freude. Anthroposophisch inspiriert suchte er nach einer neuen Form der Gesellschaft, in der jeder ein Künstler sein könnte. Gesamtkunstwerk statt Paragone, erweiterter Kunstbegriff statt hermetische Kunstakademie. Eine Maxime des Künstlers lautete: Alle Menschen können kreativ sein, wenn ihnen die Mittel zur Verfügung stehen. Er setzte eine „Fettecke“ auf einen Stuhl, baute eine „Honig-Pumpe am Arbeitsplatz“, bedeckte seinen Kopf mit Blattgold und erklärte dann einem toten Hasen die Bilder.

Der Film gibt sich Mühe bei der Reaktivierung des Materials. Schwarz-Weiß-Fotos werden für einige Sekunden belebt, grafisch ansprechend wird der Übergang von Bild zu Bild moduliert und durch die Biografie und das Œuvre geführt. Beuys in seiner ikonischen Tracht aus Hemd, Weste und Hut erscheint meist gut gelaunt, erklärt seinen Kunstbegriff, äußert sich ausführlich. Auch die obligatorische Kriegsmär wird erzählt: Nach einem Flugzeugabsturz im Zweiten Weltkrieg sei der junge Flieger von Krimtataren gerettet worden. Sie wickelten ihn in Fett und Filz, die Beuys später in seine Kunstwelt einbaute

Regisseur Andres Veiel, bekannt vor allem durch den Dokumentarfilm Black Box BRD (2001), führt behutsam in das Leben eines prominenten Künstlers ein, verharrt allerdings stark in der Historie. Ein Mythos wird verwaltet. Lieber zelebriert man Beuys als alten Popstar, als seine Auswirkungen auf die Gegenwart zu zeigen. Und statt nach der Aktualität der Werke und Aktionen zu fragen, werden immer neue Archivbilder präsentiert.

(Magnus Rust)

Kommentare zu „Schreiben über Film (3): Beuys“

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