Schreiben über Film (2): Remainder

Reminiszenzen an ein früheres Leben: Der israelische Videokünstler Omer Fast adaptiert Tom McCarthys Erfolgsroman über Gedächtnisverlust. Zwei Rezensionen von Studierenden des Seminars „Schreiben über Film – Berlinale 2016“ (Stiftung Universität Hildesheim).

Was übrig bleibt

Der Psychothriller Remainder verspricht gute Unterhaltung auf der Berlinale. Es ist der erste Langfilm des Videokünstlers Omer Fast.

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Ein Namenloser erwacht aus dem Koma. Ihm fehlen sämtliche Erinnerungen. Auf den Klinikaufenthalt folgt die Rehabilitation. Greifen, Laufen, Sprechen müssen neu gelernt werden. Vage erinnert er sich daran, dass ihm etwas Großes auf den Kopf gefallen ist. Ein Unfall. Sein Anwalt handelt achteinhalb Millionen Pfund an Entschädigungszahlungen aus. Dafür darf der Protagonist über das, was ihm passiert ist, nicht mehr sprechen. Auf dem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben blitzen nach und nach Erinnerungen auf.

Ratlos steht der Protagonist (Tom Sturridge) vor den Scherben seiner Vergangenheit. Er engagiert den Assistenten Naz (Arsher Ali), der ihn dabei unterstützen soll, Übriggebliebenes wieder zusammenzusetzen. Mit seiner Hilfe kauft er ein Mietshaus, das er aus den unzusammenhängenden Bildern in seinem Kopf kennt. Er bezahlt Schauspieler, die das Haus bewohnen sollen, unter anderem eine alte Dame, die immer wieder Leber braten, und einen Pianisten, der Chopin nachkomponieren soll. Immer detailreicher versucht er, die Architektur seiner Erinnerungen nachzubauen. Sind die vielen Fragmente tatsächlich Erlebtes? Sind sie Wirklichkeit? Als während eines Reenactments jemand erschossen wird, beginnen die Geschehnisse zu entgleisen und die Gewalt überhand zu nehmen.

Der israelische Videokünstler Omer Fast wagte bereits mit seinem Kurzfilm Continuity (2012), der auf der dOCUMENTA (13) und in Oberhausen gefeiert wurde, einen Ausflug in den Spielfilm. In der Sektion Panorama läuft mit Remainder (2015) sein erster Langfilm, die Adaption von Tom McCarthys gleichnamigem Erfolgsroman. Der Psychothriller nimmt seinen Protagonisten in einer Art Möbiusschleife gefangen und ist so unterhaltsam, wie er philosophisch zu sein versucht. In seinen Bildern beweist Fast Liebe zum Detail und ein Gespür für das feine, undurchsichtige Spiel von Tom Sturridge, der über weite Strecken des Films aus großer Nähe zu sehen ist.

Marius Lorenz
 

Die Wahrheit der Erinnerung

Der erste Langspielfilm Remainder des israelischen Videokünstlers Omer Fast ist ein atemberaubendes Vexierspiel mit Sinn fürs Detail. Zu sehen in der Sektion Panorama.

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Ein Mann mit zerzaustem Haar und ungepflegtem Bart humpelt in eine Telefonzelle. Er nimmt den Hörer und wählt eine Nummer. Sein Blick entgleitet. Wie in Trance zeichnet sein Zeigefinger eine geometrische Form nach, die ins Glas eingeritzt ist. Ein in sich zweimal verschlungener Kreis.

Remainder, das Regiedebüt des israelischen Videokünstlers Omar Fast, ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Tom McCarthy. Anhand der Geschichte eines Protagonisten, der nach einem Unfall sein Gedächtnis verloren hat, wird die kausale Verbindung von Wahrheit und Erinnerung seziert und infrage gestellt. Aus dem Koma erwacht, bleiben dem jungen Mann, gespielt von Tom Sturridge, nur kleine Reminiszenzen an sein früheres Leben. Fünf schwarze Katzen auf einem Dach. Der Geruch von gebratener Leber. Klaviermusik von Chopin. Ein schwarzer Koffer. Unter dem Einfluss starker Schmerzmittel suchen sie ihn immer wieder heim, doch bleiben zunächst verschwommen und zusammenhanglos.

Dann erhält der Mann einen Anruf von einem Anwalt. Die für den Unfall Verantwortlichen bieten ihm einen Schadenersatz von 8,5 Millionen Pfund als Gegenleistung für sein Schweigen. Mit dem Geld kehrt auch das Kontrollvermögen des körperlich und geistig lädierten Protagonisten zurück. Zusammen mit dem Immobilienmakler Naz lässt er von Laienschauspielern die Bruchstücke seiner Erinnerung rekonstruieren. Doch der immer stärker werdende Wunsch nach Wiederherstellung der Realität ist letztlich verantwortlich dafür, dass diese mehr und mehr entgleitet.

Die endlose Dichte an nahen Einstellungen in Remainder ermöglicht den Blick auf Details. Diese werden mit enormer Bedeutungskraft aufgeladen, die sich in den meisten Fällen jedoch nicht einlöst. Bis zum Schluss dauert die Suche nach der einen Einstellung, mit der die immer weniger nachvollziehbaren Handlungen des jungen Mannes erklärt werden könnten – oder die Kausalität der Geschichte offenbart. Und so findet man sich nach einem atemberaubenden Vexierspiel am Anfang der Geschichte wieder. In einem zweimal verschlungenen Kreis.

Lennart Sailer

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