Schreiben über Film (1): Havarie

„You don’t get more real than this.“ Philip Scheffner streckt ein YouTube-Video über ein Flüchtlingsboot auf Spielfilmlänge. Drei Rezensionen von Studierenden des Seminars „Schreiben über Film – Berlinale 2016“ (Stiftung Universität Hildesheim).

Nur einmal Wahrheit pro Sekunde

Der Filmemacher Philip Scheffner ist dieses Jahr gleich mit zwei Filmen auf der Berlinale vertreten. Sein essayistischer Film Havarie fragt nach der Hierarchie der Bilder.

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Verschiedene Blautöne. Darin ein schwarzer Fleck. Eine Sekunde später. Immer noch verschiedene Blautöne, immer noch ein schwarzer Fleck. Bildrauschen. Die Blautöne zeigen das Meer. Der schwarze Fleck ist ein Boot. Darauf ein gutes Dutzend Menschen, Algerier auf dem Weg nach Spanien. Ihr Schlauchboot ist in Seenot geraten und bewegt sich nicht mehr. Ein Passagier auf einem Kreuzfahrtschiff filmt die Situation mit einer Amateurkamera.

Dem Regisseur Philip Scheffner genügt diese dokumentarische Videoaufnahme für einen ganzen Film. Er streckt die 3:36 Minuten lange Einstellung auf Spielfilmlänge. Statt 25 Bildern zeigt er nur eines pro Sekunde. Ruckartig wechselt die Ansicht von einem zum nächsten. Die Einstellung wird so lange gezeigt, wie die Flüchtlinge auf dem Boot auf Hilfe warten mussten. Eine Tonmontage kontextualisiert das Bild. Die Besatzung eines ukrainischen Containerschiffs schätzt die Konflikte in der Heimat ein. Ein irischer Passagier spricht über seine Heimatstadt Belfast. Ein Algerier berichtet von der Trennung von seiner Frau. Dazwischen Aufzeichnungen des Funkkontakts zwischen einem Rescueteam und dem Kreuzfahrtschiff.

Voreilig könnte man denken, es handele sich bei Havarie um einen Flüchtlingsfilm. Aber Scheffner geht es nicht nur darum zu zeigen, wie Flüchtlinge auf einem Boot dahintreiben, während die westliche Gesellschaft von gesicherter Position aus zusieht. Hat man die anderthalb Stunden Gleichförmigkeit ausgehalten, wird noch etwas anderes deutlich. Dies ist ein Film über die Perspektive, die wir zu Bildern einnehmen. Durch die extreme Dehnung des Materials lässt uns Scheffner Zeit, uns über das bewusst zu werden, was wir in die Bilder hineinlegen. „It was a strange, strange sight“, resümiert einer der Passagiere des Kreuzfahrtschiffs sein Erlebnis.

Jan Gilles
 

„You don’t get more real than this.“

Grobkörniges Blau füllt die gesamte Leinwand. Meeresoberfläche, die mal zu Wellenlinien verschwimmt, dann wieder gestochen scharf ist. Auf dieser Oberfläche befindet sich ein dunkler Fleck. Erst langsam wird erkennbar, dass es sich um ein Schlauchboot handelt, in dem Menschen sitzen. Sie treiben im endlos scheinenden Mittelmeer, während der Tourist Terry Diamond sie vom Deck eines vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffes aus filmt.

Philip Scheffner arbeitet in seinem Berlinale-Beitrag Havarie mit dem dreiminütigen Clip, den Diamond ins Netz gestellt hatte. Neunzig Minuten – so lange dauert es, bis ein Rettungshubschrauber die in Seenot Geratenen erreicht – präsentiert er das verlangsamte Material. Auf der Tonebene kommen Menschen zu Wort, die in direkter oder assoziativer Verbindung zu dem Boot, dem Meer, der Fluchtroute stehen. Sie erzählen von Immigration, Flucht, Terror und den Ungeheuern und Gespenstern der See. Telefongespräche über viele tausend Kilometer, Musik und Audioaufnahmen aus Paris und Belfast komplettieren die Audioebene des Films. Die gezeigten Bilder sind monoton und entwickeln über ihre Zeitlichkeit einen Sog. Verstärkt werden sie durch den verstörenden Moment, in dem das Kreuzfahrtschiff, untermalt von bombastischer Musik, durch einen Schwenk der Kamera in den Blick gerät und so die Aufnahmesituation aufgedeckt wird.

„That’s reality TV, you don’t get more real than this“, beschreibt der Küstenwart das, was sich vor seinen Augen abspielt. Havarie ist eben das: pixelige YouTube-Realität. Und trotzdem, oder gerade darum, geht von der Materialität des Films eine Schönheit aus, die an die Bilder von Gerhard Richter erinnert. Scheffner setzt der Flut an medialen Bildern der sogenannten Flüchtlingskrise das eine Bild des Meeres und des Bootes mit den Geflüchteten entgegen. Die visuelle Reduktion sowie das klare Konzept verleihen Havarie Eindringlichkeit und Kraft.

Freya Herrmann
 

Ein schwarzer Fleck mitten im Meer

Philip Scheffner präsentiert auf der Berlinale im Forum seinen neuen Film Havarie. Dieser einen dreiminütigen YouTube-Clip, ausgedehnt auf eine Länge von 90 Minuten.

Tiefes Blau füllt das Bild. In der Mitte dieses Farbenmeeres bewegt sich ein kleiner schwarzer Fleck im Sekundentakt fort. Ein Boot. Es befinden sich Menschen auf diesem Boot. Wie viele es sind, kann man nicht sagen. Das Bild ist pixelig. Es wirkt beinahe so, als säßen die Menschen direkt auf der Wasseroberfläche.

Philip Scheffners Havarie ist visuell konzentriert. In den ersten dreißig Minuten des Films bekommt man nicht mehr zu sehen als diesen schwarzen Fleck im Meer, der ruckartig über die Leinwand wandert. Es fällt schwer, den Blick ununterbrochen darauf zu richten. Allein über die Tonspur des Filmes erklärt sich nach und nach, welche Geschichte hinter der Aufnahme steckt.

Tatsächlich zeigt Havarie ein Schlauchboot, mit dem eine Gruppe von Menschen im Herbst 2012 die Flucht nach Spanien wagte. Wegen eines Motorschadens gerieten sie in Seenot. Ein Kreuzfahrtschiff näherte sich dem Boot. Etwa 90 Minuten lang trieben sie nebeneinander im Mittelmeer. Der Tourist Terry Diamond filmte das Szenario vom Deck des Kreuzfahrtschiffes aus mit seinem Smartphone. Das Video stellte er kurze Zeit später online, wo es die Aufmerksamkeit von Philip Scheffner und Merle Kröger erregte.

Hinter dem Filmprojekt steht ein enormer Rechercheaufwand. Scheffner hat Menschen gesucht, die an einem Ereignis wie diesem beteiligt waren. Die Tonspur besteht aus Kommentaren von Immigranten, Kreuzfahrtpassagieren, Besatzungsmitgliedern und den Funkrufen der spanischen Küstenwache. Mit Havarie hat Scheffner einen Film kreiert, der Sehgewohnheiten auf eine harte Probe stellt. Wäre man nicht darauf angewiesen, die Übersetzung der französischen Kommentare mitzulesen, käme man wohl dem Verlangen nach, die Augen zu schließen, um nur der Tonspur zuzuhören. Doch auch in akustischer Hinsicht ist Havarie eine Herausforderung. Es erfordert ein hohes Maß an Konzentration, den unterschiedlichen Stimmen zu folgen und sie zuzuordnen.

Jasmin Osmanovic

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