Schöne Rahmen für das Gefährliche: Jerusalem Film Festival 2015

Ein Fall von Zensur rüttelt an der israelischen Filmbranche und legt die Widersprüche offen, aus denen sich das Filmfestival von Jerusalem gerade erst neu zusammensetzt. Mehr vielleicht als anderswo begegnen sich in der heiligen Stadt auf produktive Weise Glauben und Pragmatik.

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Beyond the Fear heißt der Film, der in Israel offenbar, dafür ist der Titel nur zu gut gewählt, besonders in der politischen Rechten Angst ausgelöst hat. Wenngleich nicht der Film selbst die Kontroverse entfacht hat, sondern seine Ankündigung: Mit Beyond the Fear sollte beim Filmfestival von Jerusalem ein Dokumentarfilm über den Mörder Jigal Amir und seine Familie laufen. Am 4. November wird sich sein Attentat auf Premierminister Jitzchak Rabin zum zwanzigsten Mal jähren. In Jerusalem heißt es immer wieder, es sei „nur zwanzig Jahre her“. Es ist offenkundig, dass es verschiedene Perspektiven geben muss, zumal bei einem so komplexen und bis heute traumatischen Erlebnis, das als Wendepunkt in der israelischen Politik gilt, weil es die Umsetzung des Nahost-Friedensprozesses verhindert habe. Dass gerade rechte Politiker einem humanisierenden Film über den Attentäter mit Argwohn begegnen, dürfte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass Jitzchak Rabin zugleich Vertreter der linken Arbeitspartei war und als langjähriger Militär als Autorität galt, von vielen Rechten aber vor seiner Ermordung aufgrund seiner intensiven – und zwischenzeitlich erfolgreichen – Bemühungen um einen Friedensprozess als Verräter beschimpft wurde. Wenngleich der Film nur wenig solcher Zusammenhänge oder Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Positionen und dem Attentat durch den jüdischen Nationalisten erschließt, stand für Miri Regev, neue Kulturministerin Israels, wohl genau das zu befürchten. Regev drohte dem Filmfestival von Jerusalem mit einer Kürzung der Mittel, sollte es wie angekündigt den Dokumentarfilm zeigen.

Ein Juror sagt aus Protest seine Teilnahme ab

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Ob Regev überhaupt die Kompetenz dazu gehabt hätte, diesen Eingriff vorzunehmen, ist strittig, weil die Filmfestivalbudgets in Israel durch eine Kommission festgelegt werden. Dennoch ist der von ihr ausgeübte Druck massiv – ihre nun sich bereits häufenden Zensurversuche und Mittelstreichungen sorgen nicht zuletzt für vorauseilende Selbstzensur. Das Filmfestival von Jerusalem hat sich hier fürs Erste noch verhältnismäßig glimpflich aus der Affäre gezogen: Im Gegensatz zum wegen eines Zensurfalls jüngst abgesagten Wettbewerb beim Filmfestival von Istanbul wurde in Jerusalem sowohl der Wettbewerb abgehalten als auch der strittige Film offiziell als dessen Teilnehmer beibehalten. Allerdings lief er außerhalb des sonstigen Programms am Tag vor Beginn des Festivals – und somit auch vor Anreise vieler auswärtiger Gäste – in zwei Publikumsvorstellungen. Klingt nach einem vergleichsweise günstigen Kompromiss fürs Festival, selbst wenn es über diese Einigung immerhin ein prominentes Jurymitglied verlor: Der Regisseur und Produzent Shlomi Elkabetz (Get – Der Prozess der Viviane Amsalem, Gett, 2014) sagte seine Teilnahme ab. Als er während des Festivals einen Preis beim „Pitch Point“ entgegennehmen durfte, ließ er sich die Gelegenheit nicht nehmen, Wachsamkeit vor den politischen Eingriffen anzumahnen und gleichzeitig dem Festivalteam seine Verbundenheit auszusprechen.

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Der Film, um den sich der Konflikt drehte, geriet, wie so oft in solchen Auseinandersetzungen, in den Hintergrund. Herz Frank (der vor der Fertigstellung verstarb) und Maria Kravchenko haben sich für einen bisweilen unangenehm privatistischen Zugang bemüht und sich letztlich an einem Porträt von Larisa versucht, einer russischen Emigrantin, Mutter vierer Kinder, die Jigal Amir erst als Inhaftierten kennenlernte. Sie ließ sich von ihrem Ehemann scheiden, um Amir zu heiraten, und bekam mit ihm einen Sohn. Vor allem dieser spielt in der zweiten Hälfte des Films eine große Rolle, seine Telefongespräche mit dem im Gefängnis sitzenden Vater versprechen ein behutsames Kennenlernen. Überwiegend ist der Film verhalten suggestiv montiert, was sich nicht zuletzt in scheinbar willkürlichen Statements von Passanten ausdrückt, die kaleidoskopisch ihre jeweilige Haltung zu Jigal Amir kundtun. Beyond the Fear bewegt sich immer wieder auf einem gefährlichen Terrain der Negierung des Politischen. Für die Filmemacher scheint es sich vornehmlich um Zeitgeschichte zu handeln, die zu einem Prelude degradiert wird. Vor allem kann der Film nie zu einem Verständnis der Protagonisten führen – und behauptet doch stets diese Möglichkeit. Natürlich ist Beyond the Fear nicht der Film, den die Kulturministerin befürchtet haben wird. Ganz so leicht wie gehofft lässt sich die von ihr aufgeworfene Frage dann aber auch nicht beiseiteschieben: Ist der Ansatz einer filmischen Humanisierung eines Mörders und seiner Familie legitim? Oder setzen die Filmemacher damit einen zu großen Akzent auf die Erinnerung an den Täter und blenden darüber die Opfer aus? Ebenfalls in Jerusalem berichtete Regisseur Amos Gitai von seinem eigenen Filmprojekt über das Attentat auf Rabin – und stellte gleich klar, dass bei ihm sowohl Rabin als auch Amir Nebenfiguren seien. Die Fertigstellung steht offenbar kurz bevor. Es steht zu hoffen, dass die Auseinandersetzung mit der jüngeren israelischen Geschichte erst am Anfang steht, immerhin ist der damalige Untersuchungsbericht zu großen Teilen nach wie vor nicht öffentlich zugänglich.

Eine junge Cinephilie am Ruder

Of Men and War

Beim Festival von Jerusalem gibt es für historische, politische und ästhetische Perspektivierungen sowohl einen Willen als auch ein Publikum. Am internationalen Programm, bei dem sich ein mittleres Festival besonders beweisen kann, lässt sich ablesen, wie ausgeprägt die cinephile Lust ist. Von den großen Festivals wurden viele der wichtigsten Werke eingeladen, darunter die neuen Filme von Jia Zhang-ke, Hou Hsiao-Hsien, Apitchatpong Weerasethakul, Lisandro Alonso, Mia Hansen-Løve, Guy Maddin, Ulrich Seidl, Philippe Garrel, Alex Ross Perry und Arnaud Desplechin. Daneben präsentiert das Festival sowohl eine kleine Retrospektive als auch herausragende Dokumentarfilme wie Of Men and War und nicht zuletzt mehrere anregende Essayfilme, unter denen vor allem der österreichische Dreams Rewired (Mobilisierung der Träume) als muntere Collage von Archivbildern zur technologischen Vernetzung zu nennen ist. Wer die Liste der internationalen Autorenfilmer betrachtet, kann aus deutscher Perspektive jedenfalls schnell neidisch werden: Denn eine solche Aufstellung haben auch die gut ausgestatteten Nachspielfestivals in München oder Hamburg nicht zu bieten.

Mobilisierung der Traeume

Seit zwei Jahren ist in Jerusalem eine neue Generation am Ruder. Mit Noa Regev hat das Filmfestival und die mit vier Kinosälen großzügig auf einem Hang gelegene „Cinematheque“ eine neue Direktorin, die 33 Jahre alt ist. Sie wird von Kennern der Lage vor Ort auch dafür gelobt, dass sie nach turbulenten Jahren die Finanzen saniert hat. Neben den Filmen hat das Festival nämlich ein ziemlich imposantes Programm an Events, Kongressen und Marktveranstaltungen. In diesem Jahr war die deutsche Beteiligung aus Anlass von 50 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland besonders auffällig (u.a. mehr als ein Drittel der Gäste beim „Film Lab“). Eine große Delegation von deutschen Filmbranchen-Funktionären und Filmemachern war vor Ort. Ein in Jerusalem aufgenommenes Foto neben der Pressemitteilung der Bayerischen Filmförderung FFF zeigt, wie das mit dem dort zitierten „spannenden kulturellen Austausch“ gemeint sein dürfte: 18 Deutsche gesellen sich zu zwei Festivalmitarbeitern aufs Foto, rechts außen in der Hocke: Dieter Kosslick.

Tikkun 2 01

Obwohl das Festival nur vergleichsweise wenige Filme der Berlinale im Programm hat, sind die Berliner Filmfestspiele personell äußerst präsent. Als ich mich angesichts der geringen programmatischen Überschneidungen nach Gründen erkundige, erklärt mir ein israelischer Kollege, der dem Festival sehr zugeneigt ist, es liege, neben der Verbundenheit der Berlinale zur im Frühjahr verstorbenen Gründerin und früheren Leiterin der „Cinematheque“ Lia van Leer, schlicht auch daran, dass im Vergleich zu anderen Ländern Deutsche die Einladungen nach Jerusalem viel seltener ablehnten. Im Grunde sind solche eher organisatorischen Zusammenhänge gut zu verkraften, vor allem wenn sich dadurch Verbündete finden, die man einem solch engagierten Festival nur wünschen kann.

Eine ultraorthodoxe Filmkritikerin

Tikkun

Im israelischen Filmprogramm spiegeln sich die Widersprüche zwischen Anspruch und Realität: Während der große Sieger des Wettbewerbs Tikkun in einer betörenden Schwarz-Weiß-Grammatik das Leiden an der physischen Wirklichkeit erfahrbar macht, wollen noch leider zu viele Filme wie A.K.A. Nadia sich mittels Psychorealismus unergründlichen Konflikten nähern. In der Schlüsselszene in Tikkun, der streng gläubige Protagonist hat gerade eine Nahtoderfahrung hinter sich, steht ein verlebtes Bett in der Mitte des Bildes, sanftes Licht fällt auf die Laken, und aus dem Off wird die Sehnsucht beschrieben, in ihm zu versinken, sich der eigenen Schwäche hinzugeben. Langsam übermannt zu werden von der Möglichkeit eines anderen Lebens, das hat lange kein Film so plastisch und drastisch in Bilder gegossen wie Tikkun. Kameramann Shai Goldman hat auch für Filme wie Die Band von nebenan, Policeman und The Kindergarten Teacher verantwortlich gezeichnet. Nur zu gern wüsste ich, was die Kritikerin Marlyn Vinig über die Abkehr vom strengen Glauben in Tikkun schreibt und ob sie auch eine Sensibilität für diese Sprache verspürt. Vinig ist in Jerusalem ein Star und, so sagt sie selbst, die einzige ultraorthodoxe Jüdin, die als Filmkritikerin arbeitet. Sie ist 35, hat sieben Kinder zwischen 4 und 14 Jahren und einen die Thora studierenden Ehemann, sie lehrt Theater an einer Schule für Mädchen und hat gerade einen erotischen Poesieband verfasst. Dass sie zuletzt auch Fifty Shades of Grey besprochen hat, erzählt mir eine Kollegin von ihr, die sie als Kritikerin schätzt, solange es nicht um Frauenrollen oder Glaubensfragen geht. Get – Der Prozess der Viviane Amsalem (Gett), das herausragende Drama von Ronit und Shlomi Elkabetz, habe sie für die Frauenfigur, die jahrelang um eine Scheidung vor einem religiösen Gericht kämpfen muss, kritisiert. Die Frau habe die Freiheit in ihr selbst suchen müssen. Müssen wir das nicht alle?

Three Days and a Child

Mich hat die Euphorie mit dem letzten Film, den ich in Jerusalem sehen konnte, vollkommen ergriffen: Zwei Titel hat er, der 1967 uraufgeführte Three Days and a Child (Shlosha Yamim Veyeled), dessen Regisseur Uri Zohar inzwischen Rabbi geworden ist und auch zur großen Premiere der restaurierten Fassung in Jerusalem nicht kam – dieses Leben habe er hinter sich gelassen. In den englischen Untertiteln heißt der Film: Not Mine to Love. Es ist ein vor Leben berstendes, ebenfalls schwarz-weißes, von der Energie der jungen französischen Nouvelle Vague durchlüftetes Drama, das einen jungen Mann mit dem dreijährigen Sohn seiner früheren großen ersten Liebe zusammenbringt. Drama und Komödie liegen hier nah beieinander wie in Pierrot le Fou, etwas wunderbar Dunkles im Herzen des Films lässt an Buñuel denken. Die Dimensionen des Menschlichen sind fröhlich und bitter und selbstbewusst und verletzlich ineinander verschränkt, ohne je auserklärt werden zu müssen. Die filmische Übersetzung ist so perfekt, weil sie spröde und geschmeidig stets gleichzeitig ist. Wie soll man leben? In jeder Beziehung mit vollem Karacho durch Jerusalem. Einen aufregenderen und aufrichtigeren Abschluss für dieses Festival hätte ich mir nicht ausmalen können.

Kommentare zu „Schöne Rahmen für das Gefährliche: Jerusalem Film Festival 2015“

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