„Savoir vivre“ am Neckar: Die Französischen Filmtage in Tübingen

Das, was man sich als Deutscher klischeehaft unter französischem Kino vorstellt, vertraten Eröffnungs- und Abschlussfilm der 21. Französischen Filmtage Tübingen: sowohl Agnès Jaouis Comme une image (Schau mich an!, 2004; deutscher Kinostart 18.11.2004) als auch Jeanne Labrunes Cause toujours! (Red’ du nur, 2004) repräsentierten das „typisch französische“ dialoglastige, wortwitz- und pointenreiche Kino. Gar nicht diesem Klischee entsprach das bunte Festivalprogramm zwischen dem 22. und 30. Oktober, das vor allem durch seine ästhetische Vielfalt und Innovation überzeugte.

Das Programm bestand aus fast 100 Filmen, davon viele deutsche Erstaufführungen. „Grundsätzlich verstehen wir uns als das Schaufenster des frankophonen Films in Deutschland, was zur Folge hat, eine gewisse Bandbreite zu bieten, die sich in den unterschiedlichen Sektionen widerspiegelt“, so Festivalleiter Dieter Betz. „Das unterscheidet uns auch von ähnlichen Veranstaltungen in Leipzig, Bonn oder Berlin.“ Den Anspruch, das frankophone Kino in nationaler und ästhetischer Breite zu präsentieren, hat die Festivalleitung eingelöst und auch umstrittene Werke in das Programm aufgenommen.

Dezidiert um den frankophonen Nachwuchs bemüht sich der Wettbewerb, in dem erste oder zweite Spielfilme junger Regisseure um die Fliegende Kamera, einen mit 2.500 EUR dotierten Publikumspreis, konkurrieren. Das wichtigste Selektionskriterium ist einerseits „die Qualität und Innovation der Beiträge“, andererseits ein „geographisch breites Spektrum“ der Herkunftsländer, so Dieter Betz. Die überzeugende und mutige Auswahl der Festivalleitung scheute weder schwierige Filme (Le dernier des immobiles, 2003, von Nicola Sornaga) noch Produktionen aus verleihtechnisch schwierigen Ländern wie Marokko (Le grand voyage, 2004, von Ismaël Ferroukhi) oder Südafrika (Zulu love letter, 2004, von Ramadan Suleman). Die charmante französisch-schweizerische Produktion Au large de Bad Ragaz (Jenseits von Bad Ragaz, 2004) des in Genf lebenden Franzosen François-Christophe Marzal erzählt eine klassische Verfolgungsjagd zwischen Liebespaar, Kommissar und russischer Mafia: ein Film im Stile von Hitchcocks North by Northwest (Der unsichtbare Dritte, 1959) vor der Heidi-Kulisse der Schweizer Berglandschaft. Jedoch reicht Marzals zweiter Spielfilm nicht an die Originalität seines Debütfilms, Attention aux chiens (1999), der vor fünf Jahren mit der Fliegenden Kamera ausgezeichnet wurde. Der verdiente diesjährige Preisträger ist Brodeuses (Stickerinnen, 2004), der Erstlingsfilm von Eléonore Faucher, der seinem deutschen Verleih Delphi zudem den mit 20.000 EUR hochdotierten Verleihförderpreis einbrachte. Brodeuses erzählt subtil und einfühlsam die Beziehung zweier Frauen zueinander: die Ältere, die den Tod ihres erwachsenen Sohnes nicht verkraftet, lehrt der Jüngeren, die ein ungewolltes Kind austrägt, das Metier der Stickerin. Der Film überzeugt durch seine ruhigen, intensiven Bilder und die hervorragenden Darstellerinnen Lola Naymark und Ariane Ascaride. Brodeuses ist ein Film, dem man auch in Deutschland Publikumserfolg wünscht.

Einem weiteren jungen Regisseur widmete sich die diesjährige Werkschau. Das Œuvre des unabhängigen Filmemachers Damien Odoul ist so unklassifizierbar wie schwierig. Sein schlechtester, hingepfuschter Film, Morasseix (1992/2004), inszeniert den Alltag einer skurrilen Dorfgemeinschaft in einer vulgären Burleske, die an Christoph Schlingensiefs frühste Filme erinnert. In seinem besten Film, Le souffle (2000), gelingt es Odoul zum Teil, in symbolisch verdichteten Detaileinstellungen eine Stimmung wie im Werk Bressons zu transportieren. Das Ende des Films kulminiert in einem surrealistischen Albtraum, der einen an Lynchs Eraserhead (1979) erinnert. Odoul ist ein Querkopf in der Kinolandschaft des Hexagons, ästhetisch sicherlich kein Pionier, aber jemand, der Staub aufwirbelt, und das kann auch dem manchmal etwas selbstverliebten französischen Kino nicht schaden.

Dessen übliche Verdächtige traf man in der Sektion Neue Filme. Neben François Ozons 5x2, der in Deutschland bereits angelaufen ist, waren Pierre Salvadoris doofe Klamaukkomödie Après vous... (Nach Ihnen, 2003) zu sehen, sowie Patrice Lecontes Confidences trop intimes (Intime Fremde, 2004; deutscher Kinostart 30.12.2004), der in Qualität und Schauspielerleistung (Sandrine Bonnaire und Fabrice Luchini) endlich wieder in die Reichweite seiner besseren Filme kam.

Den Weg in deutsche Kinos würde man auch viel interessanteren Filmen der Sektion wünschen. Michelle Portes exzellenter L’après-midi de Monsieur Andesmas (2004), mit einem überragenden Michel Bouquet in der Titelrolle, darf sich mit Fug und Recht eine der besten Duras-Verfilmungen aller Zeiten nennen. Mit jüdischem Traditionsbewusstsein und Identitätskomplexen heutiger Juden räumt Le Tango des Rashevski (2003) des Belgiers Sam Gabarski in amüsanter Weise auf. Der Film, der den Umgang einer jüdischen Familie mit ihren kulturellen Wurzeln erzählt, wurde in Tübingen zum heimlichen Publikumserfolg. Mit Befremden reagiert man auf den neusten Film von Arnaud Desplechin, Léo en jouant (2003), der – ein bisschen im Stile Jacques Rivettes – Film und Theater, Fiktionales und Dokumentarisches, Spiel und Reflexion mischt und sich, mit digitaler Handkamera gedreht, bewusst als unfertige Skizze präsentiert.

Eine echte Entdeckung ist der schwierige und verstörende Film Inquiétudes (2003) von Gilles Bourdos. Bruno (Grégoire Colin), aus zerrütteten Familienverhältnissen stammend, sucht nach dem Absoluten, strebt nach der Erschaffung einer Welt der Schönheit und der Reinheit, einer „weißen“ Welt. Er lernt Elise (Julie Ordon) kennen, die unter der Obhut ihrer bürgerlichen Familie und der krankhaften Fürsorge ihrer Stiefmutter erstickt. Eine paranoide Angst vor dem Gefangensein treibt die Figuren, und diese Angst schlägt auf den Zuschauer über. Die rohe Gewalt Brunos, die Pathologie von Elises Stiefmutter, wirken extrem beklemmend. Die klaustrophobische Stimmung von Inquiétudes wird durch eine äußerst gelungene Konstruktion des filmischen Raumes (flache Dekors, Spiegeleffekte, Verzerrungen und optische Täuschungen) bis ins Unerträgliche gesteigert. Vor Ende des Abspanns also nix wie raus, so lange die Tür im Kinosaal noch offen steht...

Raymond Depardons 10e chambre instants d’audience (2004), der einzige Dokumentarfilm der Sektion, zeigt Momentaufnahmen aus Strafgerichtsverhandlungen – von kleineren Delikten wie Alkohol am Steuer bis zu schweren Verbrechen wie unerlaubten Waffenbesitzes oder ehelicher Gewalt. Die Selbstverteidigungsstrategien, mit denen die Angeklagten sich inszenieren, die Geduld der Richterin, die auch um 2 Uhr morgens noch ungebrochen ist, werden von einer behutsam beobachtenden Kamera eingefangen. Depardons vorletzter Film, Un homme sans l’occident (Vom Westen unberührt, 2002) hat es in die deutschen Kinos geschafft. Zu wünschen wäre es auch diesem Film, der nachdenklich stimmt und gleichzeitig – man möchte es sich kaum eingestehen – ausgesprochen unterhaltsam ist.

Auch in der Reihe Nahaufnahme Québec war der stärkste Beitrag der einzige Dokumentarfilm. Roger Toupin, épicier variété (2003) von Benoît Pilon erzählt den unspektakulären Alltag eines Tante-Emma-Laden-Besitzers in einem Stadtviertel Montréals. Zu Recht wurde Pilon in der kanadischen Presse als Erbe des legendären Direct-Cinema-Autoren Pierre Perrault gefeiert und mit dem Prix Jutra für den besten Dokumentarfilm 2004 ausgezeichnet. Pilons liebevoller Blick auf eine anachronistische Welt inmitten der modernen Großstadt hinterfragt auf stille und bescheidene Art die Werte unserer heutigen Gesellschaft.

Die vollen Kinosäle in Tübingen belegen das Interesse des deutschen Publikums am französischen Kino. Die fehlende Präsenz der überregionalen Presse passte weder dazu noch zur Prominenz der Gäste. Mit Regisseuren wie Patrice Leconte, Jeanne Labrune, Michelle Porte, Benoît Pilon, Sam Gabarski und vielen anderen war man in der familiären Atmosphäre Tübingens auf Tuchfühlung. Zukünftig wollen sich die Filmtage noch stärker um die Branche bemühen und insbesondere, so die Festivalleitung, deutsche und französische Filmschaffende zusammenbringen. Im kommenden Jahr sollte man auf der Fahrt nach Hof, dem zeitgleich stattfindenden Festival, einen Zwischenstopp in Tübingen einplanen.

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