Rotterdam 2014: Sehtagebuch (3)

Krisen und Weltuntergänge der romantischen Sorte.

Stella Cadente von Luis Miñarro (Spanien)

Stella Cadente 01

Sympathien mit Machthabern, Teil 1. Niemand nimmt ihn ernst, niemand sieht sein Leiden. Amadeus Ferdinand Maria von Savoyen, König von Spanien zwischen 1871 und 73, hatte große Pläne: Bekämpfung sozialer Ungleichheit, stärkere Bürgerpartizipation, Ankurbelung der darbenden Wirtschaft. Doch fiel seine zweijährige Herrschaftszeit ungünstig in Zeiten erstarkenden Republikanismus, das Parlament schmiedete Ränke, bald stand er vor der Wahl: Rücktritt oder Tod. Ein Ahnherr von Obama? Miñarros Debüt kann derb werden, bleibt dabei aber meist angenehm absurd. Nennen wir es Kostüm-Polit-Musical-Kunst mit American Pie-Humor. Des Königs Diener penetriert da auch schon mal eine Melone, um sie dem Regenten daraufhin kunstvoll arrangiert vorzusetzen. Einmal blickt die Kamera auch zwischen eben jenes Dieners nackte Schenkel, und eine bebende Off-Stimme haucht: „L’origine du monde“. So wird Couberts Gemälde, wie auch sonst einige heilige Kühe der europäischen Kunstgeschichte (vor allem Velazquez, Goya, Rembrandt), ihr Fett wegkriegen. Wie der Film seine Figuren in den Kulissen ihrer nur noch architektonisch behaupteten Macht bloßstellt, das hat viel mit Julian Radlmaiers Ein proletarisches Wintermärchen gemein. Ein schräger, wenn auch nicht immer gelungener Blick zurück und vorwärts auf die ewige Krise.

 

Redemption von Miguel Gomes (Portugal)

Redemption 01

Sympathien mit Machthabern, Teil 2. Miguel Gomes war mit seinem famosen Dreißigminüter Redemption schon in Venedig ganz vorne mit dabei, aber diesen experimentellen Found-Footage-Mind-Bender kann man sich nicht oft genug anschauen. Am Ende gibt es einen veritablen Plot-Twist, der alle Reflexionspforten himmelweit aufstößt. Gomes lässt uns in Gefühlswelten berühmter Menschen blicken, Gefühlswelten allerdings, die es wahrscheinlich gar nicht gibt oder die, wenn doch, dann verheimlicht werden. So funktioniert der harte professionelle Politbetrieb nun mal: Unsere Volksvertreter strampeln gegen den oft bedauerten „Vertrauensverlust“ vergeblich an, indem sie ihre Entscheidungen maximal nüchtern, quasi entpersonalisiert, nahezu naturgesetzlich erscheinen lassen. Welch tragischer Fehlschluss, den Gomes imaginär korrigiert. Seine Intentionen sind dennoch ernst. Denn vielleicht hat diese machohafte Emotionsnegation seitens der Entscheider auch etwas damit zu tun, dass es Europa so schlecht geht heutzutage. Wenn sich im letzten von vier Kapiteln das Parsifal-Vorspiel wie eine ungenügend verdrängte, sündige Verlockung aus dem Erinnerungsdunkel emporkämpft und alle vermeintlich festen Überzeugungen gegen die geballten Mächte spätromantischer Überwältigung nichts auszurichten vermögen, dann weiß man, dass man so weit nur im ästhetischem Regime vordringen kann. Aber mit Tränen in den Augenwinkeln darf man kurz träumen, wie es wohl wäre, wenn die Politik ...

 

Hoax_canular von Dominic Gagnon (Kanada)

Hoax Canular 01

Die Sehnsucht nach dem Systemwechsel hat ihre krasseste Ausformulierung ja im Weltuntergangsglauben. 2012, manche mögen sich erinnern, war da ein wichtiges Datum. Roland Emmerich ist deshalb auch dabei, wenn Dominik Gagnon sein Best-of der End-of-the-World-YouTube-Clips zusammenstellt. Hoax_canular ist eine kleine Offenbarung, brüllend komisch und doch sehr beredt über: a) den Emotionshaushalt der connected generation; b) die verschiedenen Stile und Ästhetiken des Webcam-Videos; c) die endlosen Spiralen der reflexiv-ironischen Selbstbelächelung unserer Tage. Gagnon beutet die Kids keinesfalls aus, weil sie sich nicht nur offensiv selbst präsentieren, sondern vor allem, weil sie sich aggressiv und mit beizeiten cleverem diskursivem Humor gegenseitig demontieren. Natürlich „glaubt“ niemand wirklich an das Ende, aber auf einen wahren Kern müssen Debatten ja schon lange nicht mehr rekurrieren. Es reicht, eine Haltung vorauszusetzen, die bis auf ein paar Liebhaber der Johannes-Offenbarung kein Mensch vertritt. Ich habe lange nicht mehr so gelacht im Kino und könnte Dutzende Zitate bringen. Stattdessen beschränke ich mich auf eines: „Thanks for that / internet“.

 

Història de la meva mort von Albert Serra (Spanien)

Story of my death 01

Die Weltuntergangssehnsucht steht ja, um noch einmal oben anzuschließen, in der Traditionslinie der dunklen Romantik und ihrer Vorliebe für todesumarmende Grenzerfahrungen. In seinem berühmten Buch The Passion of the Western Mind bestimmt Robert Tarnas diesen romantischen als einen der beiden untrennbar ineinander verwobenen Denkstränge des modernen Menschen, komplementär ergänzt durch die Tradition des rationalistisch-naturwissenschaftlichen Vernunftglaubens. Albert Serra schenkt diesen beiden Strömungen nun je einen Avatar und lässt sie miteinander um die Gunst der Frauen ringen. Zwei Apotheosen, zwei Siede- oder Endpunkte ihrer jeweiligen Zeitgeister. In der blauen Ecke: Casanova! Libertin, Schwätzer, vollaufgeklärter antiklerikaler Sinnesmensch. In der roten Ecke: Dracula! Blutdurstiger Nachtschwärmer, todesverliebter Avatar der düstersten Romantik, antiaufklärerischer, heidnisch angehauchter Melancholiker. Wer wird gewinnen? Ist natürlich ein unfaires Gefecht, Dracula hat Starvorteile, die Romantik hat ja genau die Dunkelstellen des exzessiven Vernunftgebrauchs angegriffen, der zum postmodernen Kollaps des aufklärerischen Projekts führte. Also, um es kurz zu machen: Dracula spannt Casanova die Frauen aus. Wobei man sich in Serras raunenden, flirrenden Digicam-Nachtbildern wirklich wie in einem mythischen Ringen zwischen Mächten des Wissens und des Glaubens, zwischen dem Männlichen und Weiblichen verlieren kann, hinweggetrieben von den endlos improvisierten Monologen des Giacomo Girolamo Casanova (Vicenç Altaió). Obwohl Serra, ganz künstlerischer Eremit und geniales Individuum, im anschließenden Interview zu Protokoll gibt, dass er niemals Filme schauen würde (zu langweilig), reproduziert er auch Festivalkino-Klischees: Was hat es zum Beispiel mit dem Tiereschlachten im Kunstkino dieser Tage auf sich? Kaum ein „schwieriger“ Film, der nicht ein Tier für die Kamera zerlegt. Erhofft man sich damit Ablehnung der eh gern vergraulten, vorurteilsgelenkten Publikumsschichten? Will man Reibung, Roughness, Realness? Bei Serra wird ein Rinderschädel mit der Axt entzwei geteilt (faszinierend zu beobachten) und liegt dann ein paar Tage, dem Ungeziefer und dem Licht preisgegeben, zwischen fahlen Halmen. Natürlich schnellt die Frequenz der lautstarken Platzräumungen hier in die Höhe.

 

La Distancia von Sergio Caballero (Spanien)

La Distancia 01

Was eine gute Brücke zum dritten katalanischen Film meiner rezenten Sehvergangenheit baut. Bei Caballero verlassen viele das Kino, als ein Hase erst gekreuzigt und dann mit Skalpell säuberlich zerlegt wird. Tote Hasen sind allgegenwärtig in diesem Film, der nicht nur einen in voller Beuys-Montur gewandeten Künstler-Eremiten (noch so einer) kennt, sondern in seinen wuchtigen Cinemascope-Bildern eines sibirischen Kohlekraftwerks ziemlich beuys’sche Brachialität und Materialvorlieben (rostiges Metall, splitterndes Holz ...) mitschwingen lässt. Insgesamt ist das ein visuell ganz plausibler Vorschlag, wie sich die nordamerikanischen YouTube-Kiddies die postapokalyptische Welt vorstellen könnten. Ich denke an Josef Koudelkas Chaos-Reihe. Aber zurück zu Beuys und den Hasen: In einer Szene stellt Caballero die berühmte „wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“-Performance des Düsseldorfers nach. Fürwahr, es ist nicht leicht, Bilder zu erklären, die bevölkert sind von kleinwüchsigen, spirituell begabten Killern, teilweise unsichtbaren Wachmännern und Haiku-sprechenden Eimern. Die drei körperlich kleinen Gangster sollen im Auftrag besagten Künstlers in besagtem Kraftwerk nach einer Art Dimensionstor suchen wie der Stalker nach dem geheimen Zimmer in der kontaminierten Zone. Caballero strengt sich mit viel Weirdness an, davon abzulenken, dass La Distancia ein ziemlich geradliniges Heist-Movie ist. Ich fühle mich unterhalten, verstehe aber das doch sehr dezidierte Andersseinwollen nicht vollständig.

Kommentare zu „Rotterdam 2014: Sehtagebuch (3)“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.