Rotterdam 2014: Sehtagebuch (2)

Verwelkte Bilder, frische Kirschblüten.

The Mole Song – Undercover Agent Reiji von Takashi Miike (Japan)

The Mole Song 01

Ein Film, der pars pro toto für das Werk von Rotterdam-Routinier Miike stehen kann.

 

EU 013, l’ultima frontiera von Alessio Genovese (Italien)

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Wo Mensch und menschliches Gesetz unschlüssig bleiben, spricht die Architektur mit fester Stimme. Zuerst sind die Zäune da, ragen wie gekrümmte Klauen in Richtung Himmel, dann erst erspäht die Kamera einzelne Gesichter zwischen dem brachialen Metallgestänge. Alessio Genovese filmt in italienischen Abschiebeknästen, präsentiert, wie sich die Europäische Union feige hinter vollendeten Tatsachen aus Mauerwerk und Eisen versteckt. Die aus allen Weltregionen, gerne auch aus dem Innern der Festung EU angespülten Klandestinen können nur verzweifeln in diesen Räumen. „Hier stirbt die Hoffnung zuerst“, wie ein tunesischer Häftling ohne Pathos, sondern stocknüchtern konstatiert. Der Richter hat mit einer Unterschrift seine Haft um einen Monat verlängert, 30 Tage in 15 Sekunden. Die psychische Tortur ist hier Methode, kein kollateraler Effekt. Die Obrigkeiten versuchen derweil angestrengt, ihr Verhalten an die Physis der von ihnen regierten Nicht-Orte anzupassen: „Massima professionalità“, verlangt die Drill-Ausbilderin von den Passkontrolleuren am Flughafen Rom. Sie bilden die Phalanx an der Front zwischen Schengenraum und dem Rest der Welt. Ein mit ruhigen und nüchternen Blicken schockierender Film, gedreht aus der Innenperspektive der Gefängnisse. Nicht unähnlich zu Wang Bings ’Til Madness Do Us Part, der auch in Rotterdam gezeigt wird.

 

Mes sept lieux von Boris Lehman (Belgien)

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Im Anschluss an Genoveses einstündigen politischen Aufrüttler stürzt mich Boris Lehmans hyper-narzisstischer Autobiografiefilm in eine verwirrende Kaskade widerstreitender Zeitempfindungen. Dabei ist auch er Migrant ohne Heimstätte, nur sind seine Probleme ganz anders gelagert, sind gänzlich persönlicher Natur. Fast fünfeinhalb Stunden lässt er seine Odyssee durch die sieben Wohnungen dauern, zwischen denen er die zehn Jahre nach dem Rauswurf aus seinem alten Brüsseler Domizil herumvagabundiert. 62 Minuten für den pragmatischen Eindruck einer globalen Misere, 323 Minuten für ein großes Fragezeichen im Herbst eines langen, produktiven Künstlerlebens. Vieles passiert um ihn her und in ihm, im wörtlichen wie übertragenen Sinne macht sich der verdattert umherlaufende Tramp immer wieder nackt. Das kann frustrierend exhibitionistisch sein, aber auch leichtfüßig vergrübelt. Ich bin vollkommen unvertraut mit Lehmans Werk, seine experimentelle, fiktional unterfütterte „Auto-Cine-Biografie“ funktioniert ganz anders als beispielsweise die Filme von Jonas Mekas. Wie bei Chaplin entsteht da eine Spannung zwischen seinem betont schusseligen Habitus (Lehman selbst ist Hauptfigur, er filmt sich beinahe krankhaft bei jeder kommoden Gelegenheit) und den meist statischen, klar perspektivierten und entschlackten Kadrierungen. Ein doppelbödiges Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion, personaler Identität und sozialer Rolle ist die Folge. In den letzten beiden der zehn Kapitel – je eines für jede der zehn 16mm-Rollen (leider sehe ich eine digitale Projektion) – sinniert Lehman über die Vergänglichkeit. Er geht ans Meer: Panta rhei. Er filmt Wolken und Kirschbäume: Mono no aware. Felliniesk wirkt das Defilee ausnahmslos jüngerer Damen um ihn her, liebenswert sein zarter Größenwahn, der ihn sich sehnen lässt, auch einmal per Gedenktafel oder Bronzebüste als großer Cinéast erinnert zu werden. „Ich versuche, jede Sekunde zu filmen“, sagt er, weil ihm sonst nichts einfällt, allein in die Kamera. Ich bin verwundert: Wie fern die Probleme des einen Brüssel, durch das Lehman zieht, von denen des anderen Brüssel scheinen, das Abkommen wie Dublin II hervorbringt. Dieses Brüssel nimmt seinen illegalen Migranten per Federstrich 30 Tage ihres Lebens, jenes gibt seinen sinnsuchenden Wanderern genug Zeit, jeder Sekunde nachzutrauern. Dieser Vergleich soll keine Wertung implizieren, eher eine Distanz. Ich bin dankbar für beide Erfahrungen.

 

Quand je serai dictateur von Yaël André (Frankreich)

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Und weiter geht es mit Ephemera, von mittlerweile ephemerem Material fixiert. Es geht von 16 auf 8 Millimeter. Und wieder, gleich zu Beginn: Kirschblüten. Yaël Andrés aus gefundenen Home-Video-Schnipseln kompilierter Essayfilm ist ein waschechter Analog-Fetisch: Hinter dem Wort Kodachrome prangt im Abspann ein Kreuz. Film ist tot. Erst ist es spannend, wie die romantische Liebesgeschichte aus dem Off mit den verwendeten Aufnahmen verfährt: Eine rebellische jugendliche Seele läuft da verbal Amok gegen das Spießerleben all jener, die früher genug Geld hatten, sich eine Kamera und Filmrollen zu leisten. „Ratatatatatatata“ wird ein Maschinengewehr imitiert, das alle grinsenden Gesichter wegfegt. Was gefilmt wurde, erzählt viel über den sozialen Status, die Werte und den ästhetischen Lebensentwurf der Hobbyfilmer: Urlaube. Der eigene Vorgarten. Weihnachtsfeiern. Kommunion und Hochzeit. Kinder, die ersten Schritte. Wiederkehrende Unwiederbringlichkeiten, aus der Binnensicht einmalig, in der Zusammenschau seriell. Ganz toll die Urlaubsaufnahmen eines alten Paares, das ständig voller Stolz den blankpolierten Cadillac vor Alpenpanoramen schaulaufen lässt, am Gotthardpass, an den Ufern oberitalienischer Seen. Der Stolz über rosige Babybäckchen und schnittige Autos war immer auch Besitzstolz, die Kamera war Werkzeug zur Präsentation der eigenen Besitztümer. Die Erzählstimme redet derweil von einem Raumschiff und driftet ab in lyrisch lackierte Poesiealbumsphilosophie: Was wäre wenn, alternative Universen, die Zeit zurückdrehen, solche Sachen. Das ist dann langweilig, die Bilder werden hinten raus in nächstliegende Interpretationszusammenhänge gezerrt, und als ich am Ende herausfinde, dass André auch noch viele Szenen selbst gedreht und unmarkiert in das Fremdmaterial gepackt hat, werde ich ein bisschen wütend. Die beizeiten herzanrührende Kontingenz der Bilder, die wie zufällig erhaschten Augenblicke fremder Leben, sie sind doch nur Emotionstrigger für eine drüber gestülpte Sehnsüchtelei.

 

EMS Nr. 1 von Ralph Lundsten & Spindrift von Erkki Kurenniemi und Jan Bark (Finnland)

Spindrift 01

Das Kurzfilmprogramm Kurenniemi’s Cinematic Collaborations ist ein sicheres Highlight dieses Festivals. Kuratiert von Mika Taanila, der schon die Kurenniemi-Dokumentation The Future Is Not What It Used to Be gedreht hat, sammelt die Reihe obskure, teilweise verschollene, teilweise unfertige kurze Arbeiten des finnischen Elektro-Pioniers und musikalisch-filmischen Tausendsassas. Am besten gefallen mir aber die komplett abstrakten Werke. Analog synthetisierte Bilder und Klänge umschlingen sich, verstärken sich, bekämpfen sich. Schwarze Schleifen auf weißem Grund, weiße Spiralen vor Schwarz. Endlose Modulationen der Sinuskurven. Was für eine Zeit die 1960er gewesen sein müssen, als die heute warm-analog erscheinenden Elektroklänge noch wie aus der Zukunft gebeamt erschienen. Ich bin endgültig verloren, empfinde die Wonne totaler Ungegenständlichkeit. Weit weg von Brüssel, weit weg vom Bilderdiskurs, in einer anderen Welt. Ein technisch induziertes Satori.

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