Rotterdam 2014: Sehtagebuch (1)

Trust strangers!

Intruders von Noh Young-Seok (Korea)

Intruders 01

Zu viel Filmkenntnis kann falsche Erwartungen wecken: Ein Drehbuchautor fühlt sich während seiner Schreibklausur im koreanischen Hinterland schnurstracks in einen Survival-Horror versetzt. „Genau wie in Misery“, sagt er seinem Produzenten und misstraut den verdächtig hilfsbereiten Dörflern. Grandios, wie Intruders ständig um die generischen Konventionen herumtorkelt, die breitgetretenen Erwartungspfade nie ganz verlässt, aber auch nie wirklich trifft. Clever auch, wie der Film über die Hauptfigur selbstreflexiv wird: Der Scriptwriter kennt die Genrerezepte zwar, ist aber zu feige, um ihnen zu folgen. Die anderen Figuren spielen sowieso nicht mit. Ein Film wie ein ständiges Verfehlen. Am Ende waren es übrigens die Nordkoreaner. Doch just in dem Moment, als die Formeln endlich greifen, der Hasenfuß notgedrungen zum Held mutiert und der Feind ausgemacht ist, wird das Bild schwarz. Filme wie diesen, auch wenn sie wie Routineangelegenheiten aussehen, könnte man „extravagant“ nennen: extra–außerhalb plus vagari–umherschweifen, vom Weg abgekommen, oder den Weg gezielt verfehlend. Genrevagabunden also, mit Young-Seoks Landsmann Bong Joon-Ho (The Host, Memories of Murder) als Meistertaumler.

 

The Amazing Catfish von Claudia Sainte-Luce (Mexiko)

The Amazing Catfish 01

Claudia kennt keine Filme mit vorgeschriebener Katastrophe, also steigt sie zu den Fremden ins knallgelbe Auto. So kommt die vereinsamte Großstadtwaise direkt vom Krankenhaus in ein wildes Familienleben, das im Gleichschritt mit der mütterlichen AIDS-Erkrankung desintegriert. Sainte-Luces Gruppenstudie zeigt menschliche Interaktion als unvorhersehbare, chaotische, je aus dem Moment und den beteiligten Charakteren geborene Wirrnis. Und doch ist da eine Harmonie spürbar, auch wenn man sie nicht benennen kann. Wie beim Wetter: Man muss Regeln annehmen, auch wenn man sie nicht zu begreifen vermag. Was diesen Film jedoch auf eine Stufe weit oberhalb ähnlich angelegter Tearjerker/Feelgood-Hybriden hievt, ist Agnès Godards Kameraarbeit. Die ist phänomenal, gemeint im positiv wertenden wie im wörtlichen Sinne. Die Kamera ist in allem verstrickt, sie nimmt wahr und lässt wahrnehmen. Lange Plansequenzen folgen einzelnen Figuren durch die eng belebte Wohnung, verlassen sie, heften sich an die Fersen anderer. Ständig habe ich das Gefühl, dass zu viel passiert, dass die Kamera dem Geschehen hinterherhechelt, dass sie verwirrt nach Verständnis sucht und doch wundersamerweise immer wieder solche Handlungen einfängt, die auf mysteriöse Art etwas mitzuteilen scheinen über die Personen und die Logik ihres Zusammenseins. Es sind antropomorphe Bilder, die sich mit dem psychologisch naturalistischen Schauspiel perfekt ergänzen. Erst gen Ende will mich der Film emotional erpressen, aber zu diesem Zeitpunkt kann mir niemand mehr die filigranen Gefühlsvibrationen der ersten Stunde nehmen.

 

Qissa von Anup Singh (Indien)

Qissa 01

Die Verlaufskurve meiner Begeisterung verhält sich bei Qissa exakt umgekehrt zu der von The Amazing Catfish. Anfangs will ich schon abwinken, zu kontaminiert mit westlichen Exotismen kommen Bilder und Musik (beide von Europäern in diesem Kleinen Fernsehspiel für das ZDF) daher, zu offensichtlich sind die zentralen Themen (Punjab-Konflikt und die gesellschaftliche Geringschätzung der Frau) von globalem Interesse. Aber irgendwann verschiebt sich in dieser Geschichte, in der ein mit zu vielen Töchtern gestrafter Vater die vierte kurzum als Sohn erzieht, alles ins Groteske. Den Wendepunkt markiert eine gen Bollywood schielende Turbanzeromonie (bei der die Mannwerdung der verleugneten Tochter gesellschaftlich besiegelt wird), weil ab dann jedem Gefühl auf der Leinwand das Wasserzeichen der Lüge eingeprägt ist. Später nervt auch nicht mehr der ständige Kraneinsatz, mit dem die Kamera fast obsessiv die weiten Horizontlinien der Punjab-Ebenen ins Bild rückt, und die orientalistische Musik arbeitet auf einmal daran mit, ein sich unablässig verbreiterndes Transgender-Epos zu erzählen (man denke an eine brave Version von Sion Sonos Love Exposure). Wie der/die/das Held in Jeffrey Eugenides’ Middlesex durchleidet die Sohnestochter all die menschengemachten Gewalten, die im Geschlechterkrieg auf das Individuum einprügeln. Kurz scheint eine lesbische Utopie möglich – oder ist das nur meine Wahrnehmung? Irgendwann wirkt der Film nicht mehr wie primär für einen westlichen, für meinen Blick, gemacht; was angenehm ist. Am Ende intervenieren dann noch Geister, und die Gender-Diskurslinie verbindet sich, vielleicht etwas plakativ, mit der politischen: Der Punjab ist nicht Indien, nicht Pakistan, nicht Moslem, nicht Sikh, nicht Mann, nicht Frau. Er ist einfach nur verloren. Ich bin unschlüssig, aber ohne Groll.

 

EDSA XXX: Nothing Ever Changes in the Ever-Changing Republic of Ek-Ek-Ek von Khavn (Philippinen)

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Wiederum ganz anders angesprochen fühle ich mich bei meinem ersten Film des als wild, als punky, als trash-affin geführten Filipino Khavn. Vieles an diesem Sci-Fi-Revolutions-Musical kommt mir in seiner lautstarken „Anything-Goes“-Attitüde etwas arg postmodern, also verstaubt vor, wie ein Nachbeben der 1990er-Asia-Extreme-Welle. Viele Verweise auf den Sturz der Marco-Diktatur von 1989 checke ich wahrscheinlich auch einfach nicht. Umso stärker, weil ambivalent, wirken da schon die Momente, in denen Khavn aggressiv mit der ausländischen Rezeption seines letztlich auf beinahe zärtliche Weise nationalistischen Filmes verfährt. Wie Lav Diaz in Century of Birthing und Marlon Rivera in The Woman in the Septic Tank ringt man hier mit dem Faktum, dass eine Teilnahme bei europäischen Festivals gewiss scheint, und bespöttelt die ästhetischen Regime, die solche Trends bestimmen. Das kulminiert, neben einigen direkten Kameraansprachen an uns Westler, in einer satirischen Preisverleihung beim Festival Canness (sic) im Jahr 2030. Spannender als solche zwar nachvollziehbaren, aber irgendwie doch ratlosen Fingerzeige scheint mir das augenzwinkernde Spiel mit den Untertiteln, die bei einem der globalen Cinéphilie angedachten Film wie diesem als integraler Bestandteil begriffen werden müssen. Da wird die Silbe „Ek“ noch häufiger als Text gezeigt, als sie von der Southpark-ähnlichen Synchro schief gesungen wird (ca. 5.000 Mal), und wenn ein Plakat nur kurz zu sehen ist, dann verschwindet auch der Untertitel nach wenigen Frames. Das macht Spaß, weil man mal wieder über verschiedene Geschwindigkeiten beim Lesen und Sehen nachdenken kann, und darüber, wie sehr der Text doch vom Geschehen ablenkt. Und wer hätte gedacht, dass Englisch rückwärts aussieht wie Filipino? Auf meiner frisch begründeten Liste der Filme mit den stressigsten Untertiteln belegt EDSA XXX jedenfalls derzeit Platz zwei, direkt hinter Godards Histoire(s) du cinéma.

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