Rhythmen aus der Frühzeit des Kinos

Eine Ausstellung in Berlin wirft die Frage auf, ob die Filme von Avantgarde-Pionier Hans Richter ins Museum gehören.

Hans Richter Portraet

Die Ausstellung Hans Richter: Begegnungen. Von Dada bis heute inszeniert in mehreren Räumen ein wiederkehrendes Duell: Ein Frame steht dann vielen gegenüber – an einer Wand hängen die Gemälde eng an eng, an der anderen flimmert eine Projektion. Wechselnde Filmeinstellungen versus statische Rahmungen. Keine schlechte Idee, den medialen Nomaden Richter so quasi installatorisch auf den Punkt zu bringen, Räume zwischen Malerei, Fotografie, Grafik hier und Film da zu entwerfen. Obwohl das vielleicht ein schiefes Arrangement ist, weil Richter von dem Begriff „Bild“ in Bezug auf das Kino eigentlich nichts wissen wollte. Kino war für ihn immer zuerst Rhythmus, war die „Orchestrierung akzentuierter Zeit“ und kein hübsches Bilderwerk.

Zuschauerbewegung ist umgekehrte Bildbewegung

Rhythmus 21 03

Der Museumsbesucher spiegelt bei seinem Rundgang die verschiedenen Medientypen: Man muss statisch vor der Projektion hocken bleiben oder eben an der Reihe von Gemälden nach eigenem Tritt entlangwandern. Bei diesem reagierenden Spiel zwischen Publikum und Werken begeistern die meterlangen Rollbilder Richters, die aus seiner – gemeinsam mit Viking Eggeling unternommenen – Vermählung von Malerei und Musik entsprungen sind. Abstract Comics avant la lettre sind das, halb mittelalterliche narrative Wandteppiche, halb Studien elementarer geometrischer Formen. Beim Abschreiten der diskreten Anordnungen von Bögen, Blöcken und Linien dynamisiert man höchstselbst ihre Metamorphose, lässt die Formen ineinander transformieren. Vitrinen im gleichen Saal zeigen die „Storyboards“ für Richters berühmte abstrakte Filmwerke: verschieden gefärbte, verschieden große Rechtecke, die beim Gleitenlassen der Augen über die Linien zu tanzen beginnen. Und an der zweiten Längsseite des Raumes flackern dann die Meisterwerke selbst: die brachialen weißen Rechtecke auf schwarzem oder schwarzen Rechtecke auf weißem Grund von Rhythmus 21 (1921), die schattierteren und kleinteiligeren Formen von Rhythmus 23 (1923) sowie Eggelings filigran-verspielte Diagonal-Symphonie (1923/24). Noch heute fasziniert Richters radikal-reduktionistische Erforschung der Quellen des Kinos: Bewegung, Zeit, Form.

Kollaborationen mit den Großen

Rhythmus 21 04

Wer bei diesen schwarz-weißen Blöcken an Malewitschs Schwarzes Quadrat auf weißem Grund denkt, muss nur zwei Räume weiter gehen. Da hat Kurator Timothy O. Benson (vom Los Angeles County Museum of Art) einmal Platz geschaffen, hat die Wände nicht gar so vollgestopft wie in einigen der schwächeren, auch hinsichtlich der ästhetischen Schwerpunktsetzung etwas diffuseren Räume, sondern stellt einem von Malewitschs suprematistischen Gemälden Richters Rekonstruktion eines nie realisierten Gemeinschaftsprojektes der beiden Avantgarde-Heroen gegenüber. Auch hier findet sich eine jener Richter’schen so genialen wie simplen Überführungen von Statik in Bewegung: Verschiedenfarbige Quadrate auf der Leinwand beginnen zu wirbeln, die Kanten werden von der Bewegung geschleift, bis zuletzt ein Kreis erscheint.

Hans Richter Sergej Eisenstein Man Ray

Momente wie dieser rechtfertigen die teils harten kuratorischen Zurichtungen der Ausstellung im Gropius-Bau, die ihrem Motto gemäß die Begegnungen Richters mit seinem künstlerischen Umfeld untersucht, die den Wechselwirkungen zwischen all den hochproduktiven und von fast messianischem Kunstglauben geschwängerten Protagonisten der Avantgarden zwischen den Weltkriegen nachspüren will. So widmen sich die einzelnen Räume Richters mannigfaltigen künstlerischen Vernetzungen, von der Zeit, als er, 1916 an der Front verwundet, in Zürich bei der Geburt der Dada-Bewegung mitmachte, über seine Arbeit bei der linksagitatorischen Zeitschrift „Die Aktion“, zu den Kollaborationen mit der Bauhaus-Größe Moholy-Nagy und den großen avantgardistischen Filmemachern Eisenstein, Deluc, Man Ray. Und weiter reicht sein Einfluss, denn als angesehener Theoretiker und Lehrer konnte der 1941 in letzter Sekunde emigrierte Jude die aufkeimende amerikanische Experimentalfilmtradition entscheidend prägen, zu seinen Schülern zählten Maya Deren, Jonas Mekas und Stan Brakhage.

Grusel für den Cinephilen

Vormittagsspuk

Bei einem einerseits so materialreichen wie andererseits museal so ausgiebig beackerten Feld wie der Avantgarde-Zeit der ersten Hälfte des 20.Jh braucht es schon kräftige Gesten, um die Zuschauer noch zu locken. So ist es für manchen Kinoliebhaber wohl schwer verdaulich, wenn aus wunderbaren, auch wunderbar über ihre gesamte Laufzeit komponierten Filmen wie Richters Vormittagsspuk (1928) oder René Claires Entre’Acte (1924) nur Exzerpte von hundsmiserablen Beamern flimmrig und kontrastarm in helle Ausstellungsräume geworfen werden: Hier geht es eben nicht um die Filme als solche, sondern um isolierte, in funktionelle Zusammenhänge gepresste Facetten derselben (in Gänze gezeigt wird nur die von Richter orchestrierte Mega-Kollaboration aller namenhaften Surrealisten, Dreams Money Can Buy von 1947; Proto-Lynch vom Feinsten). Diese Zuschneidungen können beizeiten auch unangenehm reißerisch sein, etwa wenn aus Eisensteins Oktober (1927) nur die Stakkato-Massenerschießung und aus Panzerkreuzer Potemkin (1925) nur die Odessa-Treppenszene gewählt werden. Man darf durchaus darüber streiten, ob im Museum mit solch kastrierten Versionen wirklich Filmgeschichte bearbeitet werden kann (als radikale Gegenposition gibt es ja Alexander Horwaths Filmmuseum in Wien). Aber Benson ist nicht an einer genuinen Filmgeschichte gelegen, sondern an Kontextualisierung. Und außerdem gibt es am 03./04.04.2014 im Berliner Kino Arsenal die Möglichkeit, einige Filme Richters da zu sehen, wo sie wohl am besten funktionieren: im dunklen Saal.

Heldengeschichten schreiben

Dreams That Money Can Buy

Auch wenn die Querverweise, Vergleiche und Vernetzungen hier also den einzelnen Werken oft ebenso viel an eigener Magie rauben, wie sie durch die anderen Werke an Kontext gewinnen mögen: Manchmal kann man doch Entdeckungen machen. Dann erscheinen die per Stop-Motion animierten Lampen in Richters fantastischem Bauhaus-Werbefilm Die neue Wohnung (1930/31) plötzlich Fernand Legers Ballet Mécanique (1924) zu tanzen oder Mähdrescherklingen aus Eisensteins Generallinie (1929) auch hier zu wirbeln.

Insgesamt macht es also durchaus Sinn, Richter in einem Ausstellungskontext zu präsentieren: Barrieren zwischen den Medien waren für ihn fließend, und er selbst sagt in David Davidsons ihm gewidmeten (für sich selbst genommen schrecklich unterwürfigen und drögen) Porträtfilm Everything Turns – Everything Revolves (2013), dass er sich stets in erster Linie als Maler verstanden habe. Richter war, das macht ihn so spannend, Medienessentialist und -entgrenzer zugleich, er konnte von den der Malerei oder dem Film je eigenen, strikt zu trennenden Ausdrucksmöglichkeiten und Emotionen sprechen und dann hinterherschieben, dass diese sich doch ständig durchdrängen und überlagerten.

Inflation

Nur eines bleibt die Ausstellung schuldig: die im Untertitel Von Dada bis heute versprochene Anbindung ans Jetzt. Eine Ausnahme mag Richters Inflation von 1927 sein, bei dem Geld in immer frenetischeren Überblendungen, kaleidoskopischen Schichtungen allmählich von einem realen Gegenstand in pures Ornament überführt wird. Den Rhythmus geben die gen Himmel strebenden Wechselkurse der Reichsmark von 1923 an, die als Texttafeln ins Bild fliegen: 1$ = 100, 1000, 5 000 000 RM. Geld ist reine Illusion, ein Zaubertrick – mit diesen Bildern hätte man auch die ersten Monate der vergangenen Finanzkrise illustrieren können, als wieder einmal deutlich wurde, dass die Kapitalbewegungen manchmal wahnsinnigen Gesetzen folgen. Von solchen eher zufälligen Verweisen gen Jetzt abgesehen, wirkt die Zeit von Richters produktivstem Schaffen jedoch unendlich fern. Wie so oft im musealen Umgang mit den großen -ismen des vergangenen Jahrhunderts betreibt Hans Richter: Begegnungen. Von Dada bis heute Geschichtsschreibung im Modus der Heldenverehrung, ohne kritische Ausblicke etwa zu den elitistischen oder faschistischen Wurmfortsätzen der Avantgarde-Bewegung, aber auch ohne kurze Rückbezüge in die Vorgeschichte – die meisten der von Richter und Kollegen verwendeten Filmtricks gab es ja schon seit Meliès. Sehnsüchtig wird nur wieder der damalige heilig-affirmative Kunstbegriff wiedergekäut, dessen Ergebnisse als Filme und Bilder zu erleben zwar immer wieder eine (historische) Freude ist, aber der dabei jedes Mal ein bisschen weiter in eine tote, tiefe Vergangenheit zurückzusinken scheint.

Hans Richter: Begegnungen. Von Dada bis heute, vom 27. März bis zum 30. Juni 2014 im Martin Gropius Bau Berlin.

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