Retrospektive Soi Cheang

Urbane Schattenwelten. Die Viennale zeigt düstere Genrefilme von Soi Cheang. 

New Blood

Das Schönste an der Viennale sind unbestritten ihre kleinen Tributes und Werkschauen, die über das Programm verteilt sind. Hier werden nämlich nicht nur die großen Verfechter der Filmkunst gewürdigt, sondern auch Regisseure aus weniger bildungsbürgerlichen Ecken. In diesem Jahr ist die Wahl unter anderem auf Soi Cheang – auch Pou-Soi Cheang – aus Hongkong gefallen, von dem die Viennale zwar nicht alle, aber immerhin die meisten Arbeiten zeigt.

Cheang hat sein Handwerk einst als Assistent von großen Hongkong-Regisseuren wie Ringo Lam und Johnnie To gelernt. 2000 begann er dann seine eigene Regie-Karriere mit ausgesprochen nihilistischen Genrefilmen. Sein Werk lässt sich vor allem in zwei Kategorien einteilen: Die früheren Horrorfilme und die späteren Actionfilme. Die meisten davon sind keine Meisterwerke. Viele Schwachstellen hängen auch mit den für westliche Zuschauer ungewohnten Konventionen des Hongkong-Kinos zusammen. Hier steckt wirklich in jedem Horror- und Actionfilm noch ein tränenseliges Melodram. Und nicht nur der Umgang mit Emotionen, auch der Einsatz von Musik und Soundeffekten ist nicht der subtilste.

Auf der anderen Seite besteht Cheangs Werk aus solidem Handwerk, bei dem nicht nur die jeweiligen Genregrenzen gesprengt werden, sondern auch immer wieder die soziale Realität mit einfließt. Am auffälligsten geschieht das im Gentrifizierungs-Horrorfilm Home Sweet Home (Gwai Muk, 2005). Bereits während des Vorspanns sind pseudodokumentarische Aufnahmen vom demonstrierenden Proletariat zu sehen. Die weniger privilegierten Einwohner Hongkongs sollen luxuriösen Wohnblöcken weichen. In so eine Wohnung zieht dann eine junge Familie ein. Die Mutter sieht ein seltsames Wesen im Lüftungsschacht und nach einiger Zeit verschwindet der kleine Sohn. Die Vergangenheit rächt sich.

Gwai muk

Cheang hat ein Faible für motivische Dopplungen. In fast all seinen Filmen teilen Protagonist und Antagonist ein ähnliches Schicksal. Das führt dazu, dass sich das Gute und das vermeintlich Böse auf Augenhöhe begegnen und sich letztlich gar nicht mehr so leicht voneinander unterscheiden lassen. Mal handelt es sich um eine Liebesgeschichte (Love Battlefield, Ai zuozhan, 2004), mal um einen Vater-Sohn-Konflikt (Dog Bite Dog, Gau ngao gau, 2006), der sich auf beiden Seiten des Gesetzes findet. In Home Sweet Home entpuppt sich das kinderraubende Monster schließlich als verzweifelte Mutter, die Mann und Kind durch den Bauwahn der Stadt verloren hat.

Was die Figurenpsychologie betrifft, mangelt es Cheang mitunter etwas an Feingefühl. So wenig seine Horrorfilme auf Humor setzen, so unfreiwillig komisch fällt mitunter die Darstellung von psychischen Erkrankungen aus. Wenn sich Home Sweet Home gegen Ende immer mehr zum exzessiven Melodram entwickelt, fällt das fast schon in den Bereich des Slapstick.

Love Battlefield

Auch die anderen Horrorfilme tragen ein wenig dick in ihren melodramatischen Erzählsträngen auf, beweisen aber auch immer wieder ein einnehmendes Gespür für Atmosphäre. Etwa New Blood (Hyn huet ching nin, 2002), der eigentlich wie ein herkömmlicher asiatischer Geisterfilm funktioniert, ästhetisch aber in eine ganz andere Richtung geht. Das verlassene Hongkong ist hier in ein dunkles Blau getaucht. Die Sonne geht erst gar nicht auf. Drei Menschen treffen sich zufällig in einem Krankenhaus und spenden spontan Blut für ein Pärchen, das einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Allerdings zeigen sich die verhinderten Selbstmörder für diesen Dienst nicht gerade dankbar. Mit der Zeit trübt der Wahnsinn, der in New Blood hinter jeder Ecke lauert, auch die Wahrnehmung des Zuschauers.

Horror Hotline: Big Head Monster (Hung biu hyn sin ji daai tau gwaai ang, 2001) orientiert sich auch am Geisterfilm, entzieht sich seinen Konventionen aber immer wieder, indem er sich einer klaren Auflösung verweigert. Die Handlung dreht sich um eine Radiosendung, in der Anrufer von ihren Erlebnissen mit dem Übernatürlichen berichten. Nachdem sich Geschichten über ein deformiertes Mörderbaby häufen, gehen der Produzent der Sendung und ein Fernsehteam, das gerade einen Bericht über ihn dreht, der Sache auf den Grund. Das Baby bekommt man den gesamten Film über nicht zu Gesicht. Dafür gelingen Cheang einige beunruhigende Szenen in einer alten Fabrik und einem verwilderten Krankenhaus.

New Blood 2

Überhaupt beweist der Regisseur eine Vorliebe für morbide Schauplätze, nicht nur in seinen Horrorfilmen. Home Sweet Home ist dann am stärksten, wenn er sich durch die Treppenhäuser und Lüftungsschächte der gigantischen Wolkenkratzer arbeitet. In Dog Bite Dog gibt es dagegen eine apokalyptisch anmutende Mülldeponie, auf der illegale Immigranten hausen. Es handelt sich hier einen ungemein brutalen und pessimistischen Actionfilm, Cheangs besten Film überhaupt. Seine Demokratisierung unter den Figuren läuft dabei wieder einmal anders ab. In Dog bite Dog ist wirklich keiner der verrohten und gewalttätigen Charakter sympathisch. Liebe existiert nur in einem winzigen Nebenerzählstrang und muss natürlich auf tragische Weise scheitern.

Der Film handelt von einem kambodschanischen Auftragskiller, der schon als Kind zur Kampfmaschine programmiert wurde. Er tötet, um zu überleben. Ein Polizist jagt ihn zunächst beruflich, dann auch zunehmend aus persönlichen Gründen. Cheang treibt seinen Figuren jeden Funken Menschlichkeit aus. Wenn sich die Gegner hasserfüllt aufeinander stürzen, wird auf der Tonspur das Knurren von Hunden eingeblendet. Man kann sich denken, wie der Film endet.

Auf dem Gebiet des Actionfilms wirkt Cheang souveräner. Auch mit seinem letzten Film, dem von Johnnie To produzierten Accident (Yi ngoi, 2009), ist ihm ein starker Genrebeitrag gelungen. Vor allem die Eröffnungssequenz ist grandios und beweist seine handwerkliche Finesse. Es ist eine komplexe Choreographie von Zufällen, die an das Projekt „Der Lauf der Dinge“ der beiden schweizer Künstler Peter Fischli und David Weiss erinnert. Brain ist der Anführer einer Gruppe, deren Spezialität Auftragsmorde sind, die wie Unfälle aussehen sollen. Als bei einem dieser Unfälle ein Mitglied der Gruppe ums Leben kommt, zweifelt Brain daran, dass es ein Zufall war. Was wie ein langsamer und konzentrierter Actionfilm beginnt, entwickelt sich zunehmend zum Paranoia-Thriller, der vor allem in Brains eigenen vier Wänden spielt. Man kann sich nur wünschen, dass Cheang diesem Genre treu bleibt.

Tatsächlich dreht er gerade einen weiteren von To produzierten Film, diesmal mit deutlich humoristischem Unterton. Noch skurriler hinsichtlich Cheangs Biografie erscheint die Großproduktion The Monkey King (Da nao tian gong), die Anfang nächsten Jahres in die Kinos kommt. Einen familienfreundlichen Fantasyfilm in 3D hätte man von einem Regisseur, der ansonsten Nihilismus und Sozialkritik vereint, wohl kaum erwartet. Man darf gespannt sein. 

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