Retrospektive Lee Anne Schmitt

Filmemachen als Dokumentation und Reflexion von Veränderungen. Unter dem Titel „New Americana“ präsentiert die Viennale das überschaubare Werk von Lee Anne Schmidt. 

Three Stories

Three Stories (2011) beginnt mit Aufnahmen eines Massengrabs. Hier haben sich Ende des 19. Jahrhunderts indianische Ureinwohner und Soldaten der US-Kavallerie die Köpfe eingeschlagen. Es ist ein in die Jahre gekommener Schauplatz amerikanischer Geschichte, der heute Teil eines Nationalparks ist. Gleich danach folgen Bilder des Walk of Fame. Eines Ortes, an dem Los Angeles wie eine Pappkulisse aussieht und man an der Straße kleine Oscartrophäen als Souvenirs kaufen kann.

Solche gegensätzlichen Beobachtungen sind charakteristisch für die neueren Filme der Regisseurin Lee Anne Schmitt. Auf der einen Seite gibt es die tatsächliche Geschichte Amerikas – die bei Schmitt nicht selten eine Geschichte der Unterdrückung der Indianer ist –, auf der anderen ihre Kommerzialisierung. In The Last Buffalo Hunt (2010) zeichnet sich diese Entwicklung deutlich ab. Es geht um einen Mann, der es reichen Touristen ermöglicht, einmal in ihrem Leben einen Büffel zu jagen. Einst war die Büffeljagd amerikanische Tradition. Heute ist sie nur noch eine verkaufsträchtige Marke. Auf Werbetafeln von Restaurants oder als Attrappe auf Volksfesten, überall in Utah findet sich das ikonische Bild des Büffels. Ein Mythos des archaischen Amerika wird zu Grabe getragen.

Unter dem Titel „New Americana“ zeigt die Viennale in diesem Jahr eine Retrospektive von Schmitts Arbeiten. Viele hat sie nicht gemacht: einige kurze, einen mittellangen und zwei lange Filme. Die umfassende Recherche kostet Zeit. Die abwechselnde Arbeit an ihren beiden Langfilmen hat allein schon sechs Jahre in Anspruch genommen.

California Company Town

Im Laufe der letzten zehn Jahre hat Schmitt mit ihren ortspezifischen Essayfilmen eine prägnante Handschrift entwickelt. Es sind Filme über Amerika, seine demografischen und geografischen Veränderungen. Wie bei ihrem Lehrer James Benning bestehen Schmitts Filme überwiegend aus statischen Landschaftsaufnahmen. Doch mit dem Purismus Bennings hat sie ansonsten wenig gemeinsam, greift sie doch auf ein breites Repertoire unterschiedlicher Stilmittel zurück. Oft kommt ein selbst eingesprochener Voice-over zum Einsatz, der historische Schlüsselereignisse und persönliche Wahrnehmung verbindet. Dazu ist meditativ brummende Gitarrenmusik zu hören. Streckenweise erinnern Interviews an herkömmliche Dokumentationen, doch Schmitt arbeitet meist mit verschiedenen Erzählebenen, die nie ganz miteinander harmonieren wollen. In Bowers Cave (2010) filmt sie etwa indianische Artefakte wie Beweisstücke eines Verbrechens, während Texteinblendungen über die Vorstellung der Indianer zur Immaterialität der Seele durch das Bild laufen.

Ältere Filme von Schmitt bedienen sich dagegen weniger nüchterner Reflexionen als eines emotionalen Zugangs. Las Vegas (2000) handelt bereits von einem konkreten Ort, den Schmitt in unscharfen, aus dem Auto heraus gefilmten Videobildern einfängt. Er ist allerdings nur Schauplatz einer aus dem Off erzählten, tragischen Liebesgeschichte. Nightingale (2002) beschreibt ebenfalls das Ende einer Beziehung und hat sich aus der Performance-Arbeit der Regisseurin entwickelt. Zu sehen ist eine Schauspielerin bei der Probe, die allerdings erst nach einer Weile als solche erkennbar ist. Schmitt geht darin der Frage nach, wie sich das Gefühl einer beendeten Liebe adäquat darstellen lässt.

The Last Buffalo Hunt

Der mittellange Awake and Sing (2003) bewegt sich irgendwo zwischen dem Erzählen von (einer) Geschichte und einem experimentellen Umgang mit Darstellern. Im Mittelpunkt steht die Biografie des antikapitalistischen Dramatikers Clifford Odets, dessen Karriere durch die McCarthy-Ära unfreiwillig beendet wurde. Zu Straßenaufnahmen aus Los Angeles wird aus dem Off Odets Biografie nacherzählt. Ergänzend dazu gibt es Ausschnitte aus Theaterstücken, die Schmitt von ihren Freunden sprechen lässt. Das ist gerade dann spannend, wenn sich Odets’ Theatersprache fremd im Mund eines Schauspiellaien anhört. Oft fühlt man sich aber auch an das Over-Acting einer überambitionierten Schauspielklasse erinnert.

Schmitt selbst sind ihre frühen Filme heute zu sentimental, und tatsächlich sind die neueren Arbeiten weitaus einprägsamer. Das gilt besonders für ihren ersten Langfilm California Company Town (2009), eine Reise durch kalifornische Geisterstädte. Einst erbauten Firmen hier ganze Dörfer, in denen Arbeit und Leben zu einer Einheit werden sollten. Heute sind nur noch Ruinen übrig. Mit sachlichem Tonfall erzählt Schmitt von konstruierten Gemeinschaften, dem Scheitern industrieller Idealstädte und etwas wehmütig von Arbeiteraufständen und sozialistischen Utopien. Neben einigem kuriosen Archivmaterial lebt California Company Town vor allem von seinen Aufnahmen der auf morbide Weise faszinierenden, verfallenen Orte.

California Company Town 2

Um eine andere Idealstadt geht es in The Wash (2005). Gemeinsam mit Lee Lynch hat Schmitt einen Film realisiert, der von der Umgebung erzählt, in der sie aufgewachsen ist. Mit grobkörnigen Super-8-Bildern widmet sie sich einem Entlastungskanal an der Peripherie von Los Angeles. Kindheitserinnerungen verschmelzen mit Gerüchten und sachlichen Beobachtungen über den Wandel der Gegend. Seit Längerem wird das Gebiet um den Kanal von Latinos bewohnt, heute entsteht an dieser Stelle eine Stadt vom Reißbrett. Die Kinder, die dort leben, müssen diese hermetische Welt im Prinzip gar nicht mehr verlassen, weil selbst eine Schule mit eingeplant wurde. Schmitt bemerkt im Hinblick auf ihre eigene Kindheit inmitten der Natur: „It’s strange to be so young and already so nostalgic“. Tatsächlich war in ihren Filmen früher vieles besser. Es ist aber keine wirkliche Nostalgie, die hier zum Tragen kommt, sondern eher ein Bewusstsein für die Veränderungen in ihrer Heimat. Vom Wilden Westen bis nach Disneyland. 

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