Retrospektive Herbert Achternbusch
In diesem Jahr ehrte das Münchner Filmfest nach Werner Herzog 2007 erneut einen Sohn der Stadt mit einer Retrospektive. Wie kein anderer Filmemacher hat sich der Regisseur Herbert Achternbusch mit der Hassliebe zu seiner Heimatstadt beschäftigt.
Das Filmfest präsentierte alle 28 zwischen den Jahren 1974 und 2002 entstandenen Filme des Regisseurs, die man selbst in München nur selten zu sehen bekommt. Außerhalb Bayerns ist Achternbusch ohnehin kaum bekannt. Das mag zum Teil an seiner Vorliebe für archaische Orte bayrischer (Bier-)Kultur und an der stilisierten Verwendung des Dialekts liegen. Abgesehen von diesen regionalen Eigenheiten fordern Achternbuschs Filme ihre Zuschauer aber auch mit ihrer aus bayrischen, fernöstlichen und esoterischen Elementen bestehenden Mythologie und ihrer Verweigerungshaltung gegenüber konventionellen dramaturgischen und filmischen Erzählweisen. Wenn man sich aber einmal darauf eingelassen hat, offenbart sich das spannende und vielschichtige Werk eines einmaligen Filmemachers.
Achternbusch ist nicht nur Regisseur, sondern auch Maler und Verfasser zahlreicher Erzählungen und Theaterstücke. Für das Theater hat er zwar nach eigenen Angaben nur Verachtung übrig, dennoch ist seine filmische Sprache stark von theatralischen Mitteln geprägt. Neben der Verwendung meist statischer Bilder und einer stark stilisierten Spiel- und Sprechweise ist vor allem die lyrisch verklausulierte Umgangssprache ein Indiz dafür. Als Darsteller rekrutierte Achternbusch meist Laien aus seinem Bekanntenkreis wie Heinz Braun, Franz Baumgartner, Karolina Herbig und allen voran die vor drei Jahren verstorbene Annamirl Bierbichler. Wie sich die bodenständigen Laien die Texte Achternbuschs aneignen und betont hölzern wiedergeben, macht einen Großteil der Faszination der Filme aus. Wenn Achternbusch in den neunziger Jahren vermehrt auf Theaterschauspieler zurückgreift, die anders als Gabi Geist oder Josef Bierbichler zu sehr an den Darstellungskonventionen ihres Berufs hängen, geht diese Qualität früherer Arbeiten verloren.
In Verbindung mit Achternbuschs Filmen fällt immer wieder der Name Karl Valentin, mit dem der Regisseur nicht nur die bayrische Herkunft und den Ruf eines kauzigen Künstlers teilt, sondern auch den humorvoll dekonstruierenden Umgang mit Sprache. Alberne Wortspiele und unsinnige Übersetzungen von bayrischen Redewendungen ins Hochdeutsche werden zu scheinbar endlosen Monologen weitergesponnen. Dabei steht diese Form des Selbstgespräches, wie es etwa Annamirl Bierbichler als vernachlässigte Ehefrau in Servus Bayern (1977) während einer fünfzehnminütigen Einstellung führt, exemplarisch für die Beziehungen unter den Figuren. Das immer wiederkehrende Motiv der kleinbürgerlichen Ehehölle findet sich in beinahe allen Filmen. Achternbusch zeigt voneinander entfremdete Ehepartner, die sich ständig gegenseitig Vorwürfe machen, aneinander vorbei oder gar nicht miteinander reden. Den einzigen Ausweg bietet eine idealisierte Geliebte oder ein romantisch verklärter Ort in der Ferne wie Paris, Tibet oder Grönland. Die erhoffte Erlösung finden die Figuren hier aber genauso wenig.
Wenn Achternbusch in Die Atlantikschwimmer (1975) von zwei verhinderten Selbstmördern erzählt, stellt er seinem Film das Motto voran: „Du hast keine Chance, aber nutze sie“. Doch auch wenn Achternbuschs Filme immer wieder von den Unzulänglichkeiten und dem Scheitern seiner Figuren erzählen, können sie dabei unheimlich komisch sein. Mit beißendem Humor stellt er die Absurdität des Daseins dar und rechnet mit allem ab, was ihm nicht passt. So finden sich unter den typenhaften Figuren wie erfolglosen Künstlern, in ihrer Hausarbeit gefangenen Ehefrauen oder Wilddieben auch immer wieder grotesk überzeichnete Ministerpräsidenten, Fernsehreporter und fast in allen Filmen ein vertrotteltes Polizistenpaar.
Achternbusch scheut in seinen Filmen keine Auseinandersetzung. Legendär ist etwa die Kamerafahrt in Bierkampf (1976), während der er auf dem Münchner Oktoberfest Betrunkene provoziert, bis diese ihn mit Fußtritten davonjagen. Ein weiteres Mal stürzt sich Achternbusch als Der Komantsche (1979) während eines Fußballspiels im Olympiastadion in die tobende Menge.
Doch nicht nur im Nahkampf mit der Menge, auch bei heiklen Themen geht Achternbusch auf Konfrontationskurs. In Wohin? (1987) kommentiert er auf bissige Weise die Aids-Hysterie der achtziger Jahre, indem er den aidskranken Fassbinder-Schauspieler Kurt Raab in einem Biergarten über seinen herannahenden Tod sprechen lässt. In Das letzte Loch (1981) will die Hauptfigur Der Nil die sechs Millionen jüdischen Opfer vergessen, in dem er, einer ärztlichen Anweisung folgend, für jeden ermordeten Juden einen Schnaps trinkt. Dass der respektlose Umgang mit solchen Themen nicht nur auf Lacher abzielt, zeigt das unversöhnliche Ende des Films: Nachdem Der Nil trotz des vielen Schnapses den Massenmord der Deutschen nicht vergessen kann, stürzt er sich auf der Insel Stromboli in einen Vulkan.
Mit Angriffen auf Politiker und die katholische Kirche hat sich Achternbusch viel Ärger eingehandelt. Nachdem der Filmemacher in Servus Bayern einen Dichter, der nach Grönland auswandern will, verlauten lässt: „In Bayern möchte ich nicht einmal gestorben sein“, werden ihm bereits zugesagte Fördergelder verweigert. Auch in den folgenden Jahren eckt der Regisseur weiterhin mit diversen filmischen Provokationen an. In Das Gespenst (1982) sorgte er als Jesus mit heraushängender Schweinszunge und einer Kreuzigungsdarstellung mit Fröschen für ein zeitweiliges Verbot des Films. Seine Ablehnung gegenüber der CSU erlebte dagegen ihren Höhepunkt in der Schlussszene von Der Depp (1982), in der die Titelfigur den damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß im Hofbräuhaus vergiftet.
Obwohl Achternbusch, wie im Vorspann von Das letzte Loch zu lesen ist, in den achtziger Jahren von der Filmförderung ausgeschlossen wird, dreht er unermüdlich weiter. Ohne Geld ist er einige Jahre lang gezwungen, auf Super-8 zu drehen, aber selbst in dieser Phase gelingen ihm wunderbare Filme wie die bitterböse Farce Punch Drunk. In den neunziger Jahren bekommt Achternbusch dann auch wieder finanzielle Unterstützung, mit der ihm größere Produktionen wie Ab nach Tibet (1993), Hades (1994) und Ich bin da, ich bin da (1993) ermöglicht werden.
Nach seinem letzten, mit bescheidenen Mitteln gedrehten Film Das Klatschen der einen Hand (2002) ist es um Achternbusch recht still geworden. In seinem Haus in Niederösterreich widmet er sich vornehmlich der Malerei. Die Retrospektive des Filmfests bot eine der seltenen Gelegenheiten, alle Filme des Regisseurs zu sehen, bevor sie wieder für längere Zeit in den Archiven verschwinden. Damit seine Filme endlich verfügbar werden und sich somit auch neue Zuschauerkreise erschließen können, kann man nur auf eine längst überfällige DVD-Veröffentlichung seines Gesamtwerks hoffen.
Special von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 29.06.2008
Fotos: Filmfest München
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Kommentare zu Retrospektive Herbert Achternbusch
Martin Steuer 11.10.2008 14:21
Oh ja, das überfällige Gesamtwerk auf DVD - ich warte auch seit Jahren darauf und nirgendwo wird jemand tätig. Auch die edition filmmuseum hat sich trotz anfänglicher vorsichtiger Ankündigung nicht mehr in diese Richtung bewegt. Vielleicht gibt es außerhalb Bayerns tatsächlich zu wenige Fans und Interessierte. Nur manchmal finden sich auch in der nördlichen Hälfte der Republik ein paar glühende Verehrer, hier in Köln sitzt zumindest einer. Und der hat ausgerechnet "Punch Drunk" und "Das Klatschen der einen Hand" noch NIE gesehen ... aber vielleicht habe ich ja irgendwann Glück und jemand macht sich die Mühe, das Archiv zu öffnen.
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