Retrospektive: Abbas Kiarostami – Das Frühwerk

Vom internationalen Durchbruch bis zu den ersten filmischen Gehversuchen. In den nächsten Wochen widmen wir uns ausführlich den frühen Arbeiten von Abbas Kiarostami.

Like Someone in Love 04

Abbas Kiarostami gehört zu den wichtigsten Regisseuren der Gegenwart. Unsere Faszination für sein Werk speist sich im Fall des Iraners, der bereits über 40 Filme gedreht hat, in besonderem Maße aus der Genese seiner Arbeiten, die wir auch aktuell mit großer Aufmerksamkeit verfolgen (Die Liebesfälscher, Copie conforme; Like Someone in Love). Von Anfang an prägen eine Kraft und Lebendigkeit seinen filmischen Ausdruck, den er neuerdings in fremden Gefilden neu justiert hat. Es ist immer wieder überraschend und betörend zu beobachten, mit wie viel Klarheit, Leichtigkeit und Bedacht Kiarostami Schichten des Menschseins freisetzt und dabei gleichzeitig komplexe Gedankenspiele zulässt. Um uns seiner Arbeit zu nähern, möchten wir deshalb den Fokus auf sein Frühwerk richten, jene Zeit, als der Filmemacher noch nicht zur ersten Riege des Weltkinos zählte. Die Zäsur markiert sein 1997 in Cannes mit der Goldenen Palme prämierter Film Der Geschmack der Kirsche (Ta’m e guilass), der ihm auch zum internationalen Durchbruch verhalf. Die Geschichte über einen Selbstmörder auf der Suche nach einem Gehilfen nehmen wir als Ausgangspunkt, um die nächsten Wochen in umgekehrter Chronologie die Anfänge des Oeuvres zu erforschen.

Durch den Olivenhain 01

Da wären etwa Wo ist das Haus meines Freundes? (Khane-ye doust kodjast?, 1987) und Quer durch den Olivenhain (Zire darakhatan zeyton, 1994), Auftakt und Abschluss der sogenannten Koker-Trilogie, die in der Abgeschiedenheit eines nordiranischen Dorfes angesiedelt sind. Mit einem aufs Wesentliche reduzierten Naturalismus folgen die Filme ihren Figuren bei der Bewältigung einer Aufgabe und schaffen dabei immer wieder selbstreflexive Momente. Close-Up (Nema-ye Nazdik, 1990) handelt dagegen gleich vom Kino selbst, von seiner verlockenden Aura ebenso wie vom sozialen Prestige seiner Protagonisten. Der Film beruht auf einem Kriminalfall, bei dem sich ein Filmliebhaber die Sympathien einer Familie ergaunert, indem er sich für den berühmten iranischen Regisseur Mohsen Makhmalbaf ausgibt. Das Spiel mit der Realität erweist sich in diesem Film als Hauptmotiv. Neben dokumentarischen Aufnahmen der Gerichtsverhandlung – die überwiegend den Angeklagten in der titelgebenden Großaufnahme zeigen – lässt Kiarostami die Geschichte noch einmal von den Beteiligten selbst nachstellen.

Der Geschmack der Kirsche 05

Abgesehen von The Report (Gozaresh, 1977), der davon erzählt, wie sich das Leben eines Finanzbeamten innerhalb von 24 Stunden in einen Trümmerhaufen verwandelt, sind die Filme vor Close-Up vor allem von Kiarostamis Arbeit mit Kindern und seiner Anstellung für das Kanoon (Institute for the Intellectual Development of Children and Young Adults) geprägt. Bei den Arbeiten aus dieser Zeit widmen wir uns zwei Schwerpunkten, zum einen den mittellangen Spielfilmen wie The Traveler (Mossafer, 1974) und A Suit for Wedding (Lebassi Baraye Arossi, 1976), zum anderen den Lehrfilmen, in denen Kiarostami seinen pädagogischen Auftrag für philosophische Reflexionen nutzte. Gerade in einem Format, das im Regisseur für gewöhnlich nur einen profillosen Ausführenden sieht, ist es spannend zu beobachten, wie Kiarostami bereits seinen ganz eigenen Platz findet.

Filme in der Retrospektive:

Like Someone in Love (2012)

Die Liebesfälscher (Copie conforme, 2010)

Der Geschmack der Kirsche (Ta’m e guilass, 1997)

Quer durch den Olivenhain (Zire darakhatan zeyton, 1994)

Close-Up (Nema-ye Nazdik, 1990)

Wo ist das Haus meines Freundes? (Khane-ye doust kodjast?, 1987)

The Report (Gozaresh, 1977)

Abbas Kiarostamis Lehrfilme

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