Raunen und Staunen – Locarno 2017 (III)

Und immer, immer, immer wieder Isabelle Huppert. Auch in Locarno spielt sie im wahrscheinlich besten Film des Festivals mit. Dazu Kurzkritiken zu deutschen Schauspielern, die sich alle Mühe geben, überzeugend Berge zu besteigen.

Madame Hyde

Madame Hyde

Bei dem Titel könnte sich vielleicht sogar mal ein Verleih in Deutschland aufraffen, einen Film von Serge Bozon (Tip Top, 2013) ins Kino zu bringen. Es würde sich lohnen. Und man müsste auch kein unpassendes Madame oder Monsieur in der Übersetzung hinzudichten. Madame Hyde hat noch dazu eine Lehrerin zur Protagonistin, die sich nach einem Blitzeinschlag verwandelt. Wer wird da nicht neugierig? Isabelle Huppert spielt beide Frauen: Madame Géquil und Madame Hyde. Sie gibt ihnen den Ernst, den eine große Komödie braucht. Die zunächst absurden, bald grotesken Situationen, die den Film gefangen nehmen, entspringen einer schönen, hybriden Konstellation: Neben die übernatürliche Geschichte der Lehrerin mit mangelnder Autorität, die durch und durch fiktive Figur ist, tritt die Geschichte der überwiegend migrantischen Schüler einer technischen Schulklasse (so etwas wie ein Berufsschuläquivalent in Frankreich), deren Inszenierung regelmäßig mit Authentizitätseffekten gesättigt ist. Abgesehen davon, dass viele Interaktionen innerhalb der Schule hochkomisch sind (mit einem großartig frisierten Direktor a.k.a. Romain Duris), erlaubt sich Bozon in seinem wieder gemeinsam mit Axelle Ropert verfassten Drehbuch sehr schöne Gratwanderungen zwischen Komödie, Milieustudie und Tragödie. Derweil frage ich mich, warum Isabelle Huppert in noch so vielen Filmen spielen kann und ich mich einfach nicht sattsehe. Vielleicht wegen dem trockenen Witz, dieser Aura einer Frau, die sich behaupten muss und das sehr selbstbewusst, aber ohne viel Aufhebens tut, oder weil sie nie greifbar wird, immer einen Schritt der Wirklichkeit voraus scheint, gleichzeitig die Welt gestaltend und ihr merkwürdigerweise doch entzogen ist, ja, ein Kino-Wesen.

Iceman

Iceman 1

Ein Film ohne Untertitel in einer Sprache, die keiner mehr spricht. Klingt mutiger, als Iceman tatsächlich ist. Und doch hat Felix Randaus Film über Ötzi etwas Einnehmendes, gerade weil er auf vieles verzichtet, was Action- und Abenteuerfilme in historischem Setting sonst aufweisen. Nur sind es nicht Übersetzungen, die fehlen. Die nämlich gibt es zuhauf. Klar, was wissen wir schon darüber, wie unsere Vorfahren in den Alpen miteinander kommunizierten vor 5000 Jahren und mehr? Dass Erwachsene ihren Kindern wie in der Hollywoodschnulze tief in die Augen gucken, ihre Hände um deren kleinen Köpfe legen und ihnen etwas bedeutungsschwanger mitteilen, bevor sie das Haus oder die Hütte verlassen, das ist eine Filmkonvention, die den dramatischen Kern einer bald eintretenden Tragödie betont, mit dem Umgang von Familienoberhäuptern mit ihren zuhauf produzierten Nachkömmlingen dürfte es wenig zu tun haben. Es sind Kleinigkeiten, die bei Iceman aus der ansonsten recht zurückhaltend erzählten Geschichte herausreißen. Viel bemerkenswerter ist die ansonsten mit überraschender Konsequenz durchgezogene Idee davon, einen solchen populären prähistorischen Stoff, bei dem die meisten das Ende ohnehin vorher kennen werden, als geradlinigen Actionfilm zu erzählen. Jürgen Vogel, bei dem Maske und Kostüm einiges getan haben, um ihn in diese urzeitliche Figur zu verwandeln, hat körperlich sehr viel zu leisten und glänzt doch vor allem durch Undurchschaubarkeit. Es ist das, was Iceman vergnüglich werden lässt: dass die offensichtlichen Emotionen bald als Last abgetan werden zugunsten einer unnachgiebigen Reise durch die Berge und durchdringendes Bewegungskino.

Drei Zinnen

Drei Zinnen 1

Einmal, recht früh im Film, raunt Alexander Fehling, und es kommt aufs Raunen an. Seine Stimme klingt belegt, er sagt bestimmt etwas Bedeutungsvolles, und ich höre nur den Schauspieler, der auf sein Schauspiel aufmerksam macht. Fehling kann das, sogar ziemlich gut. Auf der Piazza Grande in Locarno stellt er den Film vor und hat ein paar Sätze vorbereitet, er trägt sie mit viel Bass vor, wie Stars, die Mikros gewohnt sind, manchmal eben das Publikum binden. In Drei Zinnen hat Fehling eine andere Aufgabe. Regisseur Jan Zabeil gestaltet einen intimen Film, der sein Bergsteiger-Panorama in Norditalien für eine Nichtvater-Sohn-Geschichte nutzen will und nicht davor zurückschreckt, das Gebirge metaphorisch einzusetzen. Fehling spielt den Freund der Mutter, deren Sohn ein Verhältnis zu ihm sucht und provoziert. Mit der Ausnahme von ein bisschen spielerischem Raunen hier und da entfaltet sich das Austarieren von möglicher Nähe und notwendiger Distanz als lustvolle Psychologie-Recherche. Obwohl die Grundlagen der Geschichte und die Konfliktlinien sehr deutlich auserzählt werden, gibt es so etwas wie eine Stimmung, die den Film ergreift und ihn in Genregefilde entführt. Plötzlich bricht so in das, was Drama-Abarbeitung war, so etwas wie Spaß herein, Spaß, etwas anderes zu erzählen und zu zeigen als das, wofür die ganzen Großaufnahmen und Details vorher so eindeutig den Weg ebneten. Vielleicht bekommt deutschen Filmen das Sich-Verlieren ganz gut.

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