Pursuits of Happiness

Ein einziges Vorspiel. Das Berliner Kino Arsenal zeigt im Dezember und Januar zwanzig klassische Screwball-Komödien.

It Happened One Night 1

Obwohl sich die Millionärstochter Ellie (Claudette Colbert) und der grummelige Reporter Peter (Clark Gable) nicht ausstehen können, teilen sie sich aus pragmatischen Gründen ein Hotelzimmer. Das Einzige, was die beiden voneinander trennt, ist eine Wäscheleine mit einer darüber hängenden Decke. Die Wege von Ellie und Peter haben sich zufällig gekreuzt: Während sie gerade Reißaus von ihrem besitzergreifenden Vater genommen hat, versucht er seinen Job zu retten. Ihre Zweckgemeinschaft wird von einem unausgesprochenen Deal zusammengehalten: Er spielt für sie den Reiseführer im „echten Leben“ und bekommt dafür eine Titelgeschichte über die prominente Ausreißerin. Wie das Ganze endet, kann man sich denken.

Diesseits und jenseits der Wäscheleine

It Happened One Night 2

Frank Capras Es geschah in einer Nacht (It Happened One Night, 1934) zählt zu den ersten Screwball-Komödien, die in den USA produziert wurden. Das Berliner Kino Arsenal zeigt ihn im Rahmen einer Retrospektive, die diesem Subgenre der romantischen Komödie gewidmet ist. Sein Hauptmerkmal lässt sich am besten mit der Wäscheleine aus Capras Film erklären: Screwball-Komödien handeln von unvereinbaren Gegensätzen, von Wesens- und Klassenunterschieden und vor allem von dem tiefen Graben, der zwischen den Geschlechtern liegt. Bis die Wäscheleine am Schluss fallen kann, müssen Kriege ausgefochten werden, in denen es zu peinlichen Verwechslungen, bösen Spitzen und mitunter auch körperlicher Gewalt kommt. Die Filme enden meist damit, dass die Figuren aussprechen können, was sie schon lange davor gefühlt haben. Oder nie aufgehört haben zu fühlen. Ein beliebtes Sujet ist etwa die Comedy of Remarriage, in der sich ein Ehepaar voneinander entfremdet, um am Ende doch wieder zusammenzukommen. Im Gegensatz zum klassischen Melodram, in dem die Protagonisten an den äußeren Umständen zerbrechen, stehen sie sich in der Screwball-Komödie mit ihrem Sturkopf selbst im Weg.

The Philadelphia Story 1

Der Filmkritiker Andrew Sarris bezeichnete dieses Genre einmal als „sex comedy without sex“. Nachdem sich Hollywood zwischen 1930 und -33, also in den Jahren vor dem Hays Code, recht freizügig geben durfte, musste es nun züchtiger auf der Leinwand zugehen. Wobei es nicht immer bei Andeutungen und Zweideutigkeien blieb. In George Cukors Die Nacht vor der Hochzeit (The Philadelphia Story, 1940) darf sich Katherine Hepburn immerhin zwischen drei Männern entscheiden. Seitensprünge mit ein bisschen Knutschen sind dabei zumindest so lange erlaubt, bis man noch nicht verheiratet ist.

Lustvoll zerlegte Rollenbilder

The Philadelphia Story 2

Wenn man vom Geschlechterkampf spricht, riecht das immer ein wenig nach Mottenkiste. Aber so wenig sich leugnen lässt, dass Screwball-Komödien von den Rollenbildern ihrer Zeit geprägt sind, so viel Freude haben sie denn auch daran, diese zu zerlegen. Besonders die Männer scheitern regelmäßig beim Versuch, ihrer behaupteten Überlegenheit zu entsprechen. In Die Nacht vor der Hochzeit ist es ein junger James Stewart als zynischer Klatschreporter, der sich in aller Ausführlichkeit zum Affen machen darf: Verzaubert von Hepburns überheblichem Charme, betrinkt er sich gnadenlos, gesteht ihr torkelnd und grimassierend seine Liebe – und holt sich am Ende doch einen Korb ab. Das ganze großartige Theater, das der Paarbildung in den Screwball-Komödien vorausgeht, könnte man in Anlehnung an Sarris als einziges Vorspiel bezeichnen. Den Sex gibt es dann nach dem Film.

The Awful Truth 1

Das Arsenal zeigt in seiner Reihe zwanzig Produktionen, die eher zu den bekannteren Vertretern des Genres gehören. Dabei trifft man auf vertraute Namen wie Capra, Cukor, Howard Hawks oder Leo McCarey. Der Besuch lohnt schon deshalb, weil fast die gesamte Retrospektive mit 35mm-Kopien bestritten wird. Die Reihe zeigt jedoch auch, dass die Filme nicht nur von einer auf Gegensätzen beruhenden Dynamik geprägt sind, sondern mitunter auch vom Leben während der Großen Depression oder des Zweiten Weltkriegs erzählen. Das kann auf indirekte Weise geschehen, etwa wenn sich ein Film über weltfremde reiche Leute lustig macht (Es geschah in einer Nacht), oder auch sehr explizit wie in George Stevens’ Immer mehr, immer fröhlicher (The More the Merrier, 1943).

The More the Merrier

Hier ist die Wohnungs- und Geldnot in den letzten Kriegsjahren Auslöser für eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft: Ein Sergeant und eine Regierungsbeamte müssen sich darin ein Apartment teilen und zahlreichen Widerständen trotzen, bis sie sich einmal näherkommen dürfen. Dabei nimmt Steven nicht nur die Hysterie während des Krieges aufs Korn, sondern zeigt auch, wie sich die Geschlechterhierarchie in manchen Aspekten umgedreht hat. Da notorischer Männermangel besteht, pfeifen die sexuell ausgehungerten Frauen schon einmal ihren überforderten Kollegen hinterher. Einige Jahre nach Immer mehr, immer fröhlicher war es schon wieder vorbei mit den Screwball-Komödien. Zumindest offiziell. Dass ihre Einflüsse bis heute reichen, konnte man erst vor Kurzem in Peter Bogdanovichs Broadway Therapy (She’s Funny That Way, 2014) sehen.

Das gesamte Programm gibt es hier

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