Philosophische Epen

Zwei klassische Werke Peter Brooks auf DVD

Zwei außergewöhnliche Filmwerke in exquisiter Edition: Mit Mitteln und Motiven des Abenteuer- und Fantasy-Kinos adaptierte Theaterregisseur Peter Brook die Biografie des mystischen Philosophen Gurdjieff und das indische Versepos Mahabharata.

Mahabharata 04

Der Feder des begnadeten Drehbuchautors Jean-Claude Carrière, basierend auf seinem Bühnenstück, und der Vision des besessenen Regisseurs Peter Brook, basierend auf seiner Bühneninszenierung von 1985, entstammt die monumentale Adaption des Mahabharata, 1989 in britisch-deutsch-französischer Co-Produktion ursprünglich für Channel Four realisiert. Das vermutlich zwischen 600 und 800 n. Chr. entstandene Versepos gilt als das wohl wichtigste Werk historischer Dichtkunst Indiens und beschreibt, auch dies ist Vermutung, in Verfremdung originärer historischer Ereignisse den Verlauf eines so erbitterten wie opferreichen Bruderkrieges der mythischen Antike; darin behandelt werden nicht weniger als die gesamten wichtigen menschlichen sowie philosophisch-religiösen Themen (nicht nur) des Hinduismus wie Schöpfung und Sinnfrage des menschlichen Lebens, Verantwortung und Folgen des individuellen Handelns und Liebe, Schuld und Gewissen. Angelegt an die Struktur antiker griechischer Tragödien, schildert Carrières dreiteiliges Stück in den Segmenten „Das Würfelspiel“, „Die Verbannung“ und „Der Krieg“ die Vorgeschichte, die Vorbereitung und den Verlauf eines Titanenkonflikts, von dessen Ausgang das Schicksal der gesamten Menschheit abhängt. Vor allem damit wich der Autor von seiner Vorlage ab, in der nur fünf der insgesamt 18 Bücher der Vorgeschichte des Weltenbrandes gewidmet sind.

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In Bruderzwist geraten die Dynastien der Pandavas und der Kauravas, die Nachkommen der Brüder Pandu und Dhritarashtra sind, ihrerseits Söhne des halbgöttlichen Vyasa, der sie in Vertretung des heiligen Bhishma gezeugt hat und am Beginn des Stücks einem Menschensohn (also uns) die Geschichte seines Stamms, der Menschheit, zu erzählen verspricht. Die Pandavas sind die von Göttern gezeugten Söhne der Kunti unter der Führung des weisen und wahrhaftigen Yudhishthira; die Kauravas die Söhne der Gandhari unter Führung des ehrgeizigen und gewissenlosen Duryodhana. Schon bald nach Teilung des Weltreichs zwischen den beiden Dynastien verlocken sie Yudhishthira zu einem Würfelspiel, bei dem dieser um alles betrogen wird. 13 Jahre Exil für die Brüder und ihre gemeinsame Königin Draupadi schließen sich an, in denen sich beide Seiten auf einen blutigen Krieg vorbereiten, der nicht nur mit Pfeilen und Lanzen, sondern auch mit schrecklichen Zauberwaffen geführt werden und Millionen das Leben kosten wird.

Mahabharata 09

Mit riesiger Besetzung in dafür minimalistischen Dekors (die bei aller Künstlichkeit immer eindrucksvoll funktionelle Eleganz behalten) gelang Brook das Kunststück, das Epos in einer Art schwebenden Ambivalenz zwischen intimem Drama und abenteuerlichem Spektakel zu halten, die das Bühnenhafte weder abstreift noch sich davon behindern lässt. Der Achtungserfolg bei Kritik und Publikum der insgesamt mehr als fünf Stunden Laufzeit umfassenden TV-Fassung (die Bühnenfassung soll neun Stunden gedauert haben) führte zur Erstellung eines Zusammenschnitts auf Einladung des Filmfestivals von Venedig, der tatsächlich in mehreren Ländern, unter anderem auch in Deutschland, 1991 zum Kinoeinsatz gelangte. Die edle Edition von absolut MEDIEN legt auf drei DVDs neben der TV-Fassung mit der beeindruckend aufwändigen, 1989 in München für EinsPlus erstellten Synchronisation auch die rund 170-minütige Kinofassung (O.m.U.) vor. Dank sorgfältiger Digitalisierung bietet die Produktion trotz ihres Alters eine durchaus glänzende visuelle und akustische Qualität; ein freundliches Booklet führt den Hilfebedürftigen gern durch das verschlungene Labyrinth der Handlung.

Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen 01

Trotz FSK-Freigabe als „Infoprogramm“ keine Dokumentation, sondern ebenfalls ein Werk aus der Filmografie Peter Brooks ist der Spielfilm Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen (Meetings with Remarkable Men). Ende der 1970er Jahre – noch vor dem sowjetischen Einmarsch – drehte Brook „on location“ in Afghanistan und in unabhängiger Produktion die ambitionierte Geschichte einer mystischen Sinnsuche. Vorlage waren die Lebenserinnerungen des umstrittenen Esoterikers Georgi I. Gurdjieff, mit dessen Lehren und Arbeiten sich Brook immer wieder, auch literarisch, beschäftigt hat: In Zusammenarbeit mit Jean-Claude Carrière und Jerzy Grotowski entstand ein kulturtheoretischer Essayband über Gurdjieffs dem Sufismus nahestehende Philosophie, die im Kern eine menschliche Dualität und entsprechende tragische Entwurzelung benennt, zwischen Wissen und Verständnis, Geist und innerem Wesen trennt.

Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen 02

Auf der Suche nach Erkenntnis, dem wahren Wesen der Welt und der wahren Bestimmung des Menschen, verlässt der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Zimmermanns-Sohn Gurdjieff seine Heimat Tiflis, versucht sich als fröhlicher Student philosophischer Lehren, bis er und seine Freunde erkennen, dass diese sämtlich Zeugnisse menschlicher Ignoranz sind und man völlig neue Wege gehen muss. Gurdjieff schart eine Gruppe Jünger, die „Sucher der Wahrheit“, um sich und geht auf die erste einer Reihe weiter Reisen, die ihn bis ins märchenhafte Kafiristan führt. Brook erzählt die allegorische Odyssee im Stil einer mythischen Abenteuergeschichte: Ein mysteriöses Pergament verweist den Suchenden auf die Existenz der Sarmoung-Bruderschaft, die vor Jahrtausenden gegründet wurde und dann verschwunden ist und noch immer in der Abgelegenheit des Himalaya ihre Klöster unterhält. Sie sollen schon vor langer Zeit die höhere Erkenntnis erlangt haben, die als Geheimwissen an ihre Jünger weitergegeben wird …

Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen 05

Aufwändig restauriert, wird der erstaunliche, gedankenschwere Film, der schnell und für immer aus den Kinos verschwunden war und in der Bildgestaltung zuweilen an Mammutwerke wie Lawrence von Arabien (Lawrence of Arabia, 1962) erinnert, hier in ursprünglicher Pracht wiedergeboren. Neben dem etwas blassen Hauptdarsteller Dragan Maksimovic sind verlässliche Archetypen des britischen Kinos wie Terence Stamp, Colin Blakely, Andrew Keir und Warren Mitchell zu sehen. Und obwohl das Drehbuch dieses Mal die Mitarbeit Jean-Claude Carrières vermissen lässt und sich dokumentarische und gespielte Szenen nur ungenügend ineinander fügen, behält das Werk bis heute eine fast überirdische, hypnotische Magie. Vorgelegt wird es in der englischen Originalfassung mit Untertiteln aus aller Herren Länder (es müsste eigentlich eine deutsche Synchronisation existieren, die leider nicht den Weg auf diese DVD gefunden hat; auch haben die deutschen Untertitel Probleme mit unseren Umlauten und bieten stattdessen Fantasiezeichen), allerdings ohne Begleitmaterial zu Film oder Thema. Laut Coverangabe wurde Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen sogar in 70mm gedreht; wenn das wirklich stimmt, sind vermutlich keine Kopien mehr erhalten: Format und Bild der DVD sprechen für – immerhin – eine 35mm-Vorlage. In jedem Fall zwei so bedeutende wie gelungene Veröffentlichungen.

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