Pedro Costas Fontainhas-Filme in Berlin

Eine rare Gelegenheit: Das Arsenal-Kino lädt den portugiesischen Regisseur Pedro Costa nach Berlin ein und zeigt vier seiner Filme, in denen sich alles um das Lissaboner Armenviertel Fontainhas dreht.

Horse Money 5

Vielleicht gelingt es Pedro Costa wie kaum jemand anderem, so etwas wie Würde innerhalb der filmischen Bilder zu erschaffen. Seine Figuren sind – im wahrsten Sinne des Wortes – Projektionen einer Welt, der das Gesellschaftliche abhanden gekommen scheint. Jedenfalls als Motor der ständigen Klassifikation, des Habitus, der Erwartungen. Die menschlichen Wesen vor Costas Kamera entziehen sich gerade diesem Blick von außen, der sie jeden Tag aufs Neue festschreibt: als Elende, denen nicht mehr zu helfen ist. Als diejenigen, mit denen niemand etwas zu tun haben will: ehemalige Einwanderer aus den portugiesischen Kolonien, die mit dem Versprechen auf ein besseres Leben nach Lissabon gekommen sind und an der gesichtslosen Macht der kolonialen Logik zu zerbrechen drohen.

Albträume ohne Angst

Colossal Youth

Wie ein Ball prallt der junge Vater in Haut und Knochen (Ossos, 1997) immer wieder an der Fassade Lissabons ab, die Menschen nehmen ihn nicht wahr, nicht eine Sekunde lang glauben sie an seine Existenz. Costas Protagonisten sind in diesen Momenten vor allem eins: Geister. Sie sind nicht greifbar und doch unheimlich präsent. In Haut und Knochen beispielsweise sehen sich die drei Hauptfiguren auf eine derart verstörende Art und Weise ähnlich, dass sie beinahe zu einem Wesen verschmilzen und ununterscheidbar werden. Wir könnten sagen, wie in einem Albtraum. Nur dass dieser in Costas Filmen jegliche beängstigende Qualität verloren hat und stattdessen als schlichte Möglichkeit des menschlichen Daseins aufscheint. Diese grundlegende Empathie macht Costas filmisches Oeuvre in gewisser Weise unerträglich, da es uns auch mit dem gnadenlosen Opportunismus unserer eigenen Mitleidsproduktion konfrontiert. Fontainhas, dieses enigmatische Viertel Lissabons, an dem all dies durchgespielt wird, gerät so zu einem zeitgenössischen Golgatha: ein Ort, an dem alles endet und nichts beginnt. Seien es die von Drogen berauschten Gespräche in In Vandas Zimmer (No quarto do Vanda, 2000) oder die endlosen Wanderungen in Colossal Youth (Juventude em marcha, 2006): Am Ende steht nie eine Lösung, noch nicht mal eine Perspektive, sondern einfach nur ein Tatbestand, in all seiner Schönheit und vernichtenden Endgültigkeit.

Ein asketischer Glaube an das Kino

In Vandas Room

Costas Filme sind durch jene Figuren des Bösen geprägt, denen jede Bösartigkeit fremd ist – eine unheimliche Eigenschaft, die Remineszenzen an das Werk Robert Bressons wachruft. Würde es Pedro Costa stören, wenn man seine Art des Filmemachens als religiös bezeichnen würde? Schließlich ist es vor allem dieser asketische Glaube an das Kino, der so viele Bilder Costas durchzieht. Es ist der Versuch, dem Kino wieder ins Gesicht zu schauen. Und an diesem Punkt hören die Figuren – fast wie in Trance – zu sprechen auf und fangen zu fabulieren an: Es entstehen Welten jenseits der Geschichte, der Zeit – transhistorische Assemblagen einer schon immer kolonialisierten, das heißt von Herrschaft durchzogenen Welt. Jener Welt, die wir Neuzeit oder auch Moderne nennen und die unter anderem von eben diesem Lissabon ihren Ausgang nahm. Diese politische Dynamik (die auch seine eigene Jugend während der portugiesischen Revolution maßgeblich bestimmen sollte) macht Costa anhand seiner Figuren, Orte und Zeiten fühlbar. Seine filmischen Kompositionen sind somit ein seltener und kostbarer Moment im europäischen Kino.

Das Arsenal zeigt die vier Filme jeweils in Anwesenheit von Pedro Costa, im Anschluss besteht an allen vier Abenden die Möglichkeit zum Gespräch:

24.9, 20.00 Uhr: Haut und Knochen (Ossos, 1997)

25.9, 19.30 Uhr: In Vandas Zimmer (No quarto do Vanda, 2000)

26.9, 19.30 Uhr Colossal Youth (Juventude em marcha, 2006)

27.9, 19.30 Uhr Horse Money (Cavalho Dineiro, 2014)

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