Nichts als die Wahrheit 2004 – Visionen 2005

Ein kritischer Jahresrückblick und ein subjektiver Ausblick

 

Nun befinden wir uns bereits im Februar und somit praktisch schon mitten in 2005, die Golden Globes sind bereits verliehen, die Oscarnominierungen sind ausgerufen und die Berlinale steht vor der Tür. Mit 2046 und House of Flying Daggers (Shi mian mai fu) haben bereits zwei asiatische Filme für frühe Glanzlichter in diesem Kinojahr gesorgt. Rückblickend begann auch 2004 äußerst positiv, Eastwoods Mystic River war bereits angelaufen und der dort überragende Sean Penn konnte seine Leistung in dem stilistisch aufregenden 21 Grams noch einmal toppen. Gerade hat Altmeister Eastwood den Regiepreis der Golden Globes für Million Dollar Baby erhalten, den man bereits mit Spannung erwarten darf. Wenig später lief 2004 Lost in Translation an und wurde zwanghaft von einer beinahe geschlossenen Kritikerschaft zum Stern am Independent-Himmel erkoren. Ähnliches geschieht derzeit mit Alexander Paynes Sideways, auf ebenso unverständliche Art und Weise. Während Francis Ford Coppolas Tochter Sofia flugs zum Wunderkind erkoren und bei den Academy Awards bereits mit einem Drehbuch-Oscar versehen wurde, knüpft Payne mit dem doppelt Golden Globe-prämierten Sideways an den Kritikererfolg About Schmidt (2002) an. Beide, sowohl Sofia Coppola, als auch Alexander Payne haben mit ihren gewagten und außergewöhnlichen Debütfilmen Das Geheimnis ihres Todes (The Virgin Suicides, 1999) bzw. Citizen Ruth (1996) eine persönliche Handschrift und Bildsprache bewiesen, wurden in ihren Folgefilmen aber deutlich glatter. Offensichtlich treffen sie mit ihrem manchmal groben, häufig entblößenden und grundsätzlich distanzierten Humor einen Nerv.

Auf der anstehenden Berlinale gibt es ein Wiedersehen mit Lost in Translation-Star Bill Murray als Ozeanographen in Die Tiefseetaucher mit Steve Zissou (The Life Aquatic with Steve Zissou) in dem neuesten Streich des Jungmeisters Wes Anderson. Ihm verdankt Murray seinen Wechsel vom achtziger Jahre Mainstream-Comedian hin zum anerkannten Avantgarde-Star des aktuellen amerikanischen Independentkinos durch Rollen in Rushmore (1998) und The Royal Tenenbaums (2001).

Die vergangene Berlinale bot abgesehen von der Wiederaufführung absoluter Juwelen des Weltkinos in der Retrospektive New Hollywood nur wenig Erfreuliches. Der zu Recht hart kritisierte Wettbewerb bot vielen alten Bekannten, wie Eric Rohmer (Triple Agent) eine Möglichkeit, ihr weichendes Talent zu beweisen. Filme wie Final Cut (Omar Naim) und The Missing (Ron Howard) schienen sich auf einem Festival geradezu verlaufen zu haben.

Da passte der Triumph des bemüht emotionalen aber in der zweiten Hälfte trägen Gegen die Wand ins Gesamtbild. Gleichzeitig darf dies allerdings als Triumph des Festivalleiters Kosslick gewertet werden, der sich seit seiner Amtsübernahme sichtlich um den deutschen Film kümmert. Gegen die Wand jedenfalls verhalf diese Publicity in gleichsam ungeahnte und unverdiente Höhen: Der deutsche Filmpreis wurde im Wettstreit etwa mit Christian Petzolds atmosphärisch hervorragendem Wolfsburg errungen, dem dann auch noch der europäische Filmpreis folgte. Dafür fand sich im Forum mit Brad Andersons The Machinist eine echte Perle, die sowohl hinsichtlich des Karriereverlaufs des Regisseurs, als auch des Hauptdarstellers Christian Bale neugierig macht.

Das Sundance Festival hingegen konnte seine Reputation weiter ausbauen und kürte mit Station Agent von Thomas McCarthy einen würdigen Sieger. Vor wenigen Tagen ist der Wettbewerb 2005 beendet worden, mit dem siegreichen Film Brothers (Brødre, Regie: Susanne Bier). Es wird sich zeigen, ob der neue Januar-Termin der Berlinale um den unglücklichen Direktor Kosslick weiteren Schaden zufügt.

Der vergangene Frühling bot kinotechnisch beinahe durchgängig Magerkost, abgesehen von Kim Ki-Duks Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling (Bom yeoreum gaeul gyeoul geurigo bom), der – diese Phrase sei erlaubt – mit poetischen Bildern und einer gleichwohl simplen wie mythisch-tiefgründigen Geschichte beeindruckte.

Der Sommer wartete vor allem dank zweier deutscher Überraschungen mit Highlights auf. Marcus Mittermeiers Muxmäuschenstill überzeugt als Guerilla-Low-Budget-Produktion, die ihre Mittel gezielt ästhetisch einzusetzen weiß und die Dichotomie Anarchie/Moral auflöst. Ein grob witziger, tatsächlich politisch aktueller philosophischer Film mit unbekannten guten deutschen Darstellern. Ja, so etwas existiert also doch! Nicht weniger zu überzeugen wusste Schultze gets the Blues, dessen Regisseur Michael Schorr in seiner atemberaubenden Bildkomposition einen tatsächlich erinnern lässt, dass im deutschen Kino einst Bildästheten wie Fritz Lang am Werk waren. Dies kombiniert mit einer Hauptfigur, der weniger Sätze als Arnold Schwarzenegger in Terminator oder Clint Eastwood und Charles Bronson zu ihren besten Zeiten entfleuchen, macht den Film zu einem wirklichen Ereignis des Kinojahres.

Rein finanziell legte der deutsche Film dann auch noch den erfolgreichsten Kinosommer seit Menschengedenken hin, denn Traumschiff Surprise Periode 1, 7 Zwerge – Männer allein im Wald und Der Untergang lockten zusammen beinahe 20 Millionen Zuschauer in die deutschen Kinos. Während die ersten beiden getrost unter der Kategorie harmlose Unterhaltung mit niedriger Haltwertszeit in der Kinogeschichtsschreibung verbucht werden können, darf man über den letzten Auswuchs deutscher Hitler- und Gigantomanie nicht einfach hinweggehen. Wenn ein Film künstlerisch und ästhetisch misslingt, ist dies das eine. Wenn er sich aber des Themas Nationalsozialismus annimmt und dabei auch mittels filmischer Techniken einen Anspruch auf nachträgliche und quasi-authentische, mindestens aber authentifizierte Geschichtsschreibung anmeldet, muss man sich damit genauestens auseinandersetzen. Der Film gaukelt die Perspektive eines vom Führer beeindruckten jungen Mädchens vor und schickt dem auch noch ein künstlerisches Dokument, nämlich den Film Im Toten Winkel, vor, um sich selbst als historisches Dokument zu gerieren. Dieses Mädchen erlebt einen Untergang und schon der Titel des Films deklariert diese Ereignisse als Negativum. Nicht umsonst trauerten zahlreiche rechtsgerichtete Zuschauer in unzähligen Vorführungen. Insgesamt aber, so war zu vernehmen, waren sie mit dem Ergebnis hochzufrieden. Ja, hier wurde dem Führer ein Denkmal gesetzt.

Das naturalistische Spiel eines Darstellers bewegte denn auch viele Schullehrer und Lehrerinnen, ihren Zöglingen bei dieser Gelegenheit mal den Onkel Hitler zu vermitteln. Man erfährt so einiges über ihn und seinen Führungsstab. Der Opfer wird in einem Nachsatz gedacht.

Wenn dieser Film eines bestätigt, dann die These, wonach Nazigrößen nicht fiktional dargestellt werden könnten. Das Spiel muss zur Farce verkommen. Die Grauzone (The Grey Zone, 2001) von Tim Blake Nelson, derzeit in den deutschen Kinos, zeigt keine Nazigrößen, klammert selbst Josef Mengele beinahe völlig aus der Handlung in Birkenau aus. Dieser Film ist sich der Problematik seiner Darstellung bewusst, findet jedoch einen Gestus, der es einem ermöglicht, zu abstrahieren.

Abgesehen von den deutschen Beiträgen sorgte Zatoichi, mit dem Takeshi Kitano an die Qualität seines besten Filmes Hana Bi (1997) anknüpfen konnte, für Furore. Diesmal fernab von Yakuzzas und Polizisten bereichert Kitano das Martial-Arts und Samurai-Genre um eine atemberaubende Version mit betörenden Musicaleinlagen.

Der koreanische Regisseur Chan-Wook Park lieferte mit Oldboy eine ansprechende Variation klassischer Rachegeschichten wie Der Graf von Monte Christo mit furiosem Ende. Um Rache, Gewalt, Macht und deren maßvoller oder maßloser Ausübung ging es auch in der Dokumentation The Fog of War. Errol Morris befragt darin den ehemaligen amerikanischen Verteidigungsminister Robert McNamara zu dessen Philosophie. Ein erstaunliches Zeugnis, nicht nur vor dem Hintergrund aktueller globaler imperialistischer amerikanischer Interessen, das nie zu einem Bekenntnis verkommt.

Wesentlich populärer kam da dann doch Michael Moores Fahrenheit 9/11 daher, der schließlich den Wettbewerb in Cannes gewann. Mit dieser politischen Entscheidung hat sich das Festival allerdings im filmischen und künstlerischen Sinne diskreditiert. Immerhin starb Moore dafür wenig später in Team America einen grauenvollen Kinotod. Nichtsdestotrotz ist nach Moores und im Grunde genommen ganz Hollywoods persönlicher Wahlniederlage gegen George Bush eine Fortsetzung angedacht. Wozu nur, wenn Bush ohnehin nicht erneut kandidieren kann?

Mit dem lange erwarteten Collateral legte Michael Mann nach dem künstlerischen und finanziellen Desaster von Ali (2001) zwar einen routinierten Genrefilm vor, arrangierte jedoch Motive früherer Filme wie Heat (1996) nur neu und konnte deren epische Qualität nicht erreichen. Seine Collateral-Frontmänner Jamie Foxx und Tom Cruise hingegen sind nach wie vor in den Schlagzeilen. Foxx ist sowohl für die Rolle des Taxifahrers in dem Michael Mann-Film für einen Oscar in der Kategorie bester Nebendarsteller nominiert, als auch für seine Interpretation der Blues- und Jazzlegende Ray Charles als Hauptdarsteller. Bei Cruise bleibt abzuwarten, ob seine Zusammenarbeit mit Spielberg an Krieg der Welten (War of the Worlds) genauso fruchtbar sein wird, wie in Minority Report (2002) und welchen Look er als dominanter Produzent sowie Hauptdarsteller in Personalunion dem zweiten Mission Impossible-Sequel verleiht.

Überhaupt werden auch 2005 Fortsetzungen und Remakes für Gesprächsstoff sorgen: Polanski liefert eine Interpretation von Oliver Twist und Scorsese versucht sich an einer Adaption der asiatischen Triaden-Saga Infernal Affairs (Wu jian dao). Ob Matt Damon und Leonardo DiCaprio den Protagonisten dabei dieselbe Tiefe und Härte wie Andy Lau und Tony Leung verleihen können, bleibt abzuwarten. Natürlich liefert auch 2005 die immerwährende Frage: wird Coppola jemals Megalopolis fertig stellen?

In starkem Aufwind befindet sich das südamerikanische Kino nach Erfolgen wie Amores Perros (2000) und City of God (Cidade de deus, 2002). In Deutschland laufen in wenigen Wochen auch der viel gepriesene chilenische Film Machuca und Luis Mandokis Innocent Voices (Voces inocentes) an.

Aus europäischer Sicht bleibt zu hoffen, dass die belgischen Regiebrüder Dardenne an ihren sensationellen Le Fils (2002) anknüpfen können. Mit L’esquive steht zunächst ein außergewöhnlicher französischer Film vor der Deutschlandpremiere und aus deutscher Sicht könnte der im Berlinale-Wettbewerb laufende Gespenster von Christian Petzold richtungsweisend sein.
Lassen wir uns überraschen…

Kommentare zu „Nichts als die Wahrheit 2004 – Visionen 2005“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.