Naziretrofilme – Die 10 Klassiker

Sonja M. Schultz hat eine Liste aus NS-Retrofilmen zusammengestellt. Diesmal gibt es zehn Klassiker.

Keine historische Epoche beschäftigt das Medium Film so sehr wie die NS-Zeit. In den vergangenen Jahrzehnten sind Klassiker, Peinlichkeiten, Meisterwerke und reichlich Trash entstanden. Was sind „beste“, was „schlechteste“ Filme – oder solche, die man gesehen haben sollte?

critic.de hat eine Liste aus NS-Retrofilmen zusammengestellt. Wie jede Auswahl ist sie auch stark subjektiv beeinflusst. Ergänzungen willkommen!

Die Todesmühlen (Death Mills, 1945)

Berühmtester der atrocity films und Teil des alliierten Reeducation-Programmes. Die Aufnahmen, die nach der Befreiung der Konzentrationslager entstanden sind, sollten schockieren und die deutsche Bevölkerung über die verübten Verbrechen aufklären.

 

Die letzte Etappe (Ostatni etap, 1948)

Auschwitz-Überlebende Wanda Jakubowska drehte die „Mutter aller Holocaustfilme“ (Hanno Loewy) auf dem Gelände des ehemaligen Lagers. Spätere Inszenierungen greifen Jakubowskas Bilder immer wieder auf.

 

Nacht und Nebel (Nuit et brouillard, 1955)

Alain Renais’ einflussreicher Filmessay erklärt das KZ-System und prägte die Nachkriegsgeneration. Wie in vielen frühen Werken ist zwar vom organisierten Massenmord, aber nie konkret von der Vernichtung der Juden die Rede.

 

Das Tagebuch der Anne Frank (The Diary of Anne Frank, 1959)

Das kitschige Melodram von George Stevens brachte einem großen Publikum das Schicksal des berühmtesten Opfers des Holocaust nahe. Annes Liebe zu Peter van Pels wird in den Mittelpunkt gerückt, ihr elendes Sterben in Bergen-Belsen ausgespart.

 

Der Pfandleiher (The Pawnbroker, 1964)

Sidney Lumets Drama zeigt das Trauma eines Holocaust-Überlebenden, für den es keine Erlösung von seinen grauenhaften Erinnerungen gibt. Die Erzählweise über schockhafte Rückblenden ist klassisch geworden.

 

Jakob der Lügner (1974)

Traurig-ironischer DEFA-Klassiker und Vorläufer späterer Holocaust-Komödien. Jakob wird zum Lügner, damit die anderen hoffen können. Frank Beyers Inszenierung kommt ohne Nazi-Klischeebilder aus.

 

Holocaust (1978)

Die Kritik war groß, als ausgerechnet eine US-amerikanische Serie die Verbrechen des „Dritten Reichs“ in Fernsehform brachte. Doch Marvin Chomskys Werk half, das Schweigen aufzubrechen und die NS-Geschichte in deutsche Wohnzimmer zu tragen.

 

Shoah (1985)

Claude Lanzmanns gewaltiges Oral-History-Projekt. Neuneinhalb Stunden Einblicke in die Vernichtung.

 

Schindlers Liste (Schindler’s List, 1993)

Steven Spielberg drehte bewusst keinen Film über die Vernichtung, sondern eine Rettungsgeschichte mit charismatischem Helden, Apotheose in Jerusalem und brillanter Inszenierung, deren Realismus-Ästhetik seitdem als unerreichbares Vorbild gilt.

 

Das Leben ist schön (La vita è bella, 1997)

Bekannteste KZ-Komödie der jüngeren Zeit und Roberto-Benigni-Vehikel nach dem Vorbild von Jakob der Lügner – ohne die Melancholie. Ein Vater erklärt seinem Sohn das Lager als Live-Action-Spiel und kann so dessen Leben retten.

Kommentare zu „Naziretrofilme – Die 10 Klassiker“


Carsten

Interessante Listen und einige sehr schöne Kurzkommentare zu den einzelnen Filmen. Was sich mir nicht ganz erschließt, ist der Ausdruck "Naziretrofilme"? Worauf bezieht sich das Retro? Geht es allein um den Rückgriff auf eine Zeit, die als zeitlich vor der Entstehung des Films eingeordnet wird, so dass man analog auch von Mittelalterretro- oder Vietnamretrofilmen sprechen würde?


Sonja

Genau. Bloß anders als bei "Vietnamfilm" oder ähnlichem wäre "Nazifilm" ja etwas anderes, genauer und passend wäre in deutsch "Filme über Nationalsozialismus, Zweiten Weltkrieg und Holocaust" - oder auch nur solche, die diese Zeit als Hintergrundfolie verwenden. Im Deutschen kenne ich keinen ähnlich knappen passenden Begriff wie NS-Retro, das zuerst im US-amerikanischen Raum aufgekommen ist, hierzulande aber nicht ganz so gebräuchlich ist.


Carsten

Kannst du da irgendwas an Literatur empfehlen?
In der Liste finden sich jetzt ja sowohl Spielfilme, die zur NS-Zeit spielen (bzw. Dokus, die diese Zeit zum Thema haben), aber auch solche wie "Shock Waves" und "They Saved Hitler's Brain", die die NS-Zeit nur als eine Art Vorgeschichte nutzen. Mich würde interessieren, inwiefern dann "Nazifilme" wie z.B. "Kriegerin" dem Begriff "Naziretrofilm" zugeordnet werden könnten oder ob diese davon ausgeschlossen wären, da sie ja in der Jetztzeit spielen und auf historische Figuren wie Hitler verzichten.
Zum Thema passt eventuell auch Dietrich Kuhlbrodts Buch "Deutsches Filmwunder. Nazis immer besser".


Sonja

Es ist ja immer alles Definitionssache und einen richtig festgeschriebenen Begriff gibt es hier nicht. Filme über Neonazis sind ja auch zumindest verwandt. Kuhlbrodts Buch ist super und macht viel Freude. Suchst Du speziell Literatur über Rechtsradikalismus-Filme?


Carsten

Nein, ich dachte eher an Literatur, die sich speziell mit dem Begriff "Naziretro" arbeitet.


Sonja

Im Original kommt er hier her: Nazi-Retro Film: How German Narrative Cinema Remembers the Past - von Carol und Robert Reimer. Ich habe ihn teils auch übernommen, hier: Der Nationalsozialismus im Film. Von Triumph des Willens bis Inglourious Basterds. Eigenwerbung. Aber ohne das Wort wirklich zerlegt zu haben, ich finde es nur sehr tauglich, weil umfassend einsetzbar.


Carsten

Ja, es verschiebt auf jeden Fall ein wenig die Perspektive, vielen Dank für die Tipps, ich werde mir beides mal anschauen!






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