Narziss in engen Hosen – die Pornos von Peter Berlin

Wer denkt, dass Eitelkeit eine Todsünde ist, sollte sich die faszinierenden Pornofilme von Peter Berlin ansehen.

Nights in Black Leather 2

Die Besonderheit von Peter Berlins Ausflügen ins Pornogeschäft lässt sich am besten mit einem Gläschen Vaseline erklären. Was das in einem schwulen Hardcorefilm zu suchen hat, scheint offensichtlich zu sein. Immerhin ist Vaseline nicht nur ein Hausmittel gegen Flecken und trockene Lippen, sondern auch ein bewährtes Gleitmittel und damit bei einem Pornodreh durchaus nützlich. Doch mit solchem Pragmatismus kommt man bei dem Mann mit der Prinz-Eisenherz-Frisur nicht weit. In seinem Universum bleibt Funktionalität der Ästhetik stets untergeordnet.

Peter Berlin Self

Nachdem Peter Berlin in den frühen 1970er Jahren von Deutschland in die USA auswanderte, wurde er mit seinen erotisch stilisierten Selbstporträts schnell zu einer Ikone der schwulen Subkultur. Und er drehte eben auch zwei Filme, die zu den prägendsten Werken des kommerziellen Pornos zählen. Zunächst wirkt der Gedanke, Berlin in einem Film und damit in Bewegung zu sehen, befremdlich. Wenn sich seine Arbeit durch etwas definiert hat, dann ist es die Beherrschung eines bestimmten Repertoires an Posen. Am typischsten ist dabei der klassische Kontrapost, mit zur Seite geschwungener Hüfte, die Hände aufreizend in den Hosenbund gesteckt, und einem zugleich lüsternen und arroganten Blick. Fotos von Berlin arbeiten meist die skulpturale Qualität eines völlig durchdesignten Körpers heraus. Sein Outfit betont die markante Silhouette dabei noch zusätzlich: Die hautengen Schlaghosen, bei denen sich das Geschlechtsteil offensiv nach außen wölbt, die schweren Stiefel und diverse Kopfbedeckungen, die vom Cowboyhut bis zur SS-Kappe reichen. Fitness und Mode bieten für Berlin endlose Möglichkeiten, um seine Idealvorstellung von sich zu verwirklichen. Nun ist expliziter Sex nicht unbedingt etwas Ästhetisches. Berlin gelingt es aber trotzdem, sein unantastbares Image in Nights in Black Leather (1973) und That Boy (1974) zu wahren.

Nights in Black Leather 8

Das führt uns zurück zur Vaseline. In beiden Filmen taucht so ein Gläschen auf, wird aber seinem eigentlichen Zweck entfremdet. Analverkehr wird vermutlich ohnehin keiner praktiziert. Zumindest ist es in einem Genre, das ganz auf Sichtbarkeit angelegt ist, auffällig, dass hier keine einzige anale Penetration zu sehen ist. Das passt jedoch wieder zum ästhetischen Anspruch Berlins. Wenn er seinem etwas unbedarften Gegenüber die Vaseline reicht, dann, um damit eingerieben zu werden. Damit seine enge Lederhose besser schimmert und sich jeder Muskel an seinem makellosen Körper deutlicher abzeichnet.

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Dass Berlin in einer anderen Liga spielt als das gemeine Volk, daran lässt er keinen Zweifel. In einer SM-Szene in Nights in Black Leather fordert der blonde Hüne seinen Sklaven mit hartem deutschem Akzent auf: „Come, worship me!“. Gerade in der amerikanischen Schwulenszene konnte das Deutschsein durchaus eine profitable Eigenheit sein. Wer auf Unterwerfungsfantasien steht, für den dürfte ein SS-Offizier der Jackpot sein. Einmal erzählt Berlin aus dem Off, wie ihn ein Sex-Date mit einer Hakenkreuzbinde empfing. Der Deutsche, der in seiner Heimat, wie er betont, doch immer links gewählt hatte, ist verstört, findet die Situation aber auch ausgesprochen erregend. Letztlich ist das Begehren doch immer stärker als die politische Überzeugung.

Nights in Black Leather 5

Obwohl sich Berlin in Nights in Black Leather gerne bewundern lässt, verleiht Regisseur Richard Abel dem Film ein wenig Bodenhaftung. Sein Star spielt sich im Prinzip selbst, einen Deutschen, der nach sexuellen Abenteuern sucht und sie auch immer recht schnell findet. Abel, der den Porno unter dem Pseudonym Ignatio Rotkowski gedreht hat, muss nicht alles seiner Vision unterwerfen, sondern versucht an den Rändern von drei längeren Nummern auch das Leben mit einzubeziehen. Der Besuch in einem Club bietet etwa Einblicke in die damalige Schwulenszene San Franciscos, andere, offensichtlich improvisierte Szenen auf einer „langweiligen“ Party, die der Film dann trotzdem zehn Minuten lang zeigt, lassen auch Raum für ungelenke Bewegungen und unbeholfene Gespräche. So standardisiert wie Pornos heute sind, mit den immer gleichen Einstellungen von den immer gleichen Körperteilen, wirkt ein Film, der sich nicht auf Großaufnahmen von Schwänzen und Ärschen stürzt und den Cumshot nicht als unstrittigen Höhepunkt inszeniert, äußerst erfrischend. Einnehmend ist aber auch die Tatsache, dass der Begriff Sex hier sehr weit gefasst ist und Abel einem spannungsgeladenen Vorspiel genauso viel, wenn nicht sogar mehr Bedeutung zukommen lässt als der eigentlichen Vögelei.

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Besonders gelungen ist das in einer Szene, die vor düsteren industriellen Lagerhallen beginnt und in einer Waldidylle mit einem avantgardistischen Zelt endet. Wie zwei Hunde beäugen und beschnüffeln sich Berlin und sein schüchterner Partner eine ganze Weile, bevor sie übereinander herfallen. Da entstehen kurze, fast leidenschaftliche Momente, die sich aus der Situation ergeben und mehr als die bloße Ausführung einer Regieanweisung sind. Teilweise kommt Berlin bei all der Spontanität gar nicht mit dem Posieren hinterher. Die Dramaturgie des Sex lässt sich nie ganz durchschauen. Da wird geblasen, dann ein wenig über die Vorzüge von Leder und Cockringen geplaudert, dann gebumst, dann wieder im Wald spazieren gegangen, und so weiter. Immer wieder kommt es zu irritierenden Wiederholungen und vereinzelten Sprüngen in der Zeit, bei denen man sich irgendwann wirklich nicht mehr sicher ist, was als Nächstes kommt. Nicht das schlechteste Kompliment, das man einem Porno machen kann.

That Boy 1

That Boy, Berlins nächster pornografischer Film und seine einzige Regiearbeit, überlasst dagegen nichts dem Zufall. Auch wenn man meint, es geht nicht mehr, wird der Fokus darin noch stärker auf seine Person gesetzt. Bis die wenigen und ohnehin unwesentlichen Nebendarsteller im Vorspann erscheinen, ist erst mal immer wieder der Name Peter Berlin zu lesen: Hauptdarsteller, Regie, Drehbuch, Produzent. Wäre es irgendwie möglich gewesen, hätte er wahrscheinlich auch noch die Kamera geführt. Überraschend, wenn auch im Hinblick auf den Film durchaus konsequent, ist, welche Perspektive die Erzählung einnimmt. Nicht die Berlins, wie bei dem tagebuchartig strukturierten Nights in Black Leather, sondern die eines Bewunderers, eines blinden Jungen. In der Rahmenhandlung streift Berlin mit ihm durch die Straßen, und der Junge stellt sich immer wieder sexuelle Begegnungen zwischen seinem hübschen Begleiter und cruisenden Männern vor. Das Dilemma der Hauptfigur Helmut offenbart sich dabei gleich in der ersten Szene: Er wird von einem Karnevalszug an Verehrern durch die Straßen gejagt, möchte im Grunde aber nur mit sich alleine sein.

That Boy 2

That Boy ist ein von Kontrollwahn und Selbstverliebtheit gezeichneter Film, der gerade durch die Unverblümtheit, mit der er seine Eigenschaften nach außen trägt, besticht. Während schwule Pornos gerne mit Archetypen heterosexueller Männlichkeit eine Illusion von Authentizität erzeugen wollen, schöpft sich Berlins Faszination gerade aus seiner Künstlichkeit. Wie er in That Boy die Selbstinszenierung perfektioniert, ist ihm eine filmische Erweiterung seiner Selbstporträts gelungen. Schon die Schauplätze der kühlen Sexszenen sind Streifzüge durch Orte der Eitelkeit: ein Fotoatelier, ein Fitnessstudio, ein Club voller Bewunderer. Angetrieben werden die Szenen dazu von einem fiebrig hypnotischen Voice-over, der jedes Detail von Berlins äußerer Erscheinung in den Himmel lobt. Einmal masturbiert Helmut sogar vor einem Spiegel, in einem Zimmer, das mit seinen Fotos tapeziert ist. Da ist jede Interaktion mit einem anderen Darsteller natürlich zum Scheitern verurteilt. In einer Vorstellung, in der nur ein Star Platz hat, müssen alle anderen notgedrungen Statisten bleiben. Doch That Boy gipfelt überraschenderweise in einem romantischen Finale vor Sonnenuntergang. Hier findet Helmut sein Glück in einer klassischen Paarbeziehung, ironischerweise mit jemandem, der ihn nicht sehen kann.

That Boy 4

Denkt man an den Narziss aus der griechischen Mythologie, fällt einem auch sein unwürdiges Ende ein. Letztlich muss der schöne Jüngling doch nur sterben, weil die Liebe zu sich selbst etwas gesellschaftlich nicht Akzeptables ist. Solche Wertevorstellungen interessierten Peter Berlin in seinen Pornofilmen aber glücklicherweise nicht. In seiner Welt erlebt der Narzissmus eine moralische Umwertung, die dem Betreffenden sogar ein Happy End ermöglicht. Für den selbstverliebten Star bedeutet das, sich in seinem ganz eigenen Schlaraffenland austoben zu dürfen. Einem San Francisco der 1970er Jahre, das wie ein großer Spielplatz triebgesteuerter Männer und potenzieller Bewunderer wirkt.

Offizielle Homepage von Peter Berlin: http://www.peter-berlin.com/

DVD der Dokumentation Die Peter Berlin Story

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