Mit den Sinnen verstehen – Locarno 2017 (II)

Locarno ist das Festival, das sich was traut: Experimentelles und Pulp im Wettbewerb und auch sonst überall Form(at)suchen. Kurzkritiken zu Filmen von Blake Williams, Ben Russell und F.J. Ossang.

Prototype

Prototype Williams Locarno

Wenn Filmkritiker-Kollegen Filme machen, freue ich mich. Nicht um die Texte mit den Bewegtbildern abzugleichen, sondern wegen der Spuren der Auseinandersetzung mit Werken anderer, die immer irgendwie Eingang finden. Es passt zu Locarno, einem der wenigen großen Filmfestivals, bei dem der Chefkurator aktiver Filmkritiker ist (Mark Peranson ist Chefredakteur der kanadischen Zeitschrift Cinema Scope), dass das radikale Werk von Blake Williams hier Premiere feiert. Zwar nicht in der Reihe mit dem schönen Namen „Signs of Life“, die sich freien Formen widmet, in die der Film ebenso gut gepasst hätte, dafür „Fuori concorso“ (Außer Konkurrenz) läuft Prototype, ein historischer 3D-Film. Godards Adieu au langage (2014) nicht ganz unähnlich, sucht er nach Möglichkeiten, die technischen Mittel von 3D-Projektionen für neue Bilderfahrungen zu nutzen. Historisch ist dabei sein Ausgangspunkt; der Film beginnt mit stereoskopischen Fotografien von vor mehr als 100 Jahren und widmet sich auf sehr lose Weise einem schweren Sturm, der Texas im September 1900 heimsuchte. Dabei entstehen Szenen elektrisierender Schönheit, wenn sich die Bilder vorm linken und rechten Auge asynchron bewegen und neue (Natur-)Gesetze zu herrschen scheinen. Vor allem eine Umkreisung eines aufgebrachten Meers hat es mir angetan.

Good Luck

Good Luck

Auf fast jedem anderen Festival würde ein Film wie der von Ben Russell in einer Nebenreihe laufen, nicht so in Locarno. Die französisch-deutsche Koproduktion Good Luck mischt den in diesem Jahr noch etwas braven Wettbewerb auf. Mit einer Super-16-Kamera hat Russell die Glückssuche an zwei unterschiedlichen Orten verfolgt: in einer Mine in Serbien und im Dschungel Surinames. Kupfer oder Gold erhoffen sich die grabenden, wühlenden, filternden Männer. Russell ist wie immer ein ruhiger Beobachter, der den oftmals berauschenden Erfahrungsfluss über Information und Kontext stellt, und arbeitet als sein eigener Bildgestalter. In Locarno läuft Good Luck als 143-minütiger linearer Film, die Documenta zeigt in diesem Jahr eine Vierkanal-Digitalinstallation davon. Der Kinofassung ist die Sehsituation sehr zuträglich, vor allem, da in diesem Jahr vier neue Kinosäle in Locarno aufgemacht haben und die Mehrzweckhallen mit den aufrechten Plastikstühlen immer mehr ablösen. Russell macht Filme zum Hineinsinken: Die (dokumentarische) Gegenwart, um die es ihm geht, schält so etwas wie Wirklichkeit aus der Mechanik des Aufzeichnungsapparats heraus. Klingt vertrackt, aber ja, für den Film ist das Wirkliche nicht das, was vor der Linse passiert, sondern das, was im Gerät produziert wird. Obgleich leider digital projiziert, bleibt etwas Haptisches von diesen Momenten, weil sie mit einer Aufmerksamkeit hergestellt wurden, die das Kino meinen.

9 Doigts

9-doigts Ossang Locarno

Ich bin völlig außerstande zu sagen, worum es in diesem merkwürdigen Film ging. Höchstens vielleicht, dass es da wohl einen Plot gibt, und noch dazu jede Menge Story, mit Verfolgungsjagden, Raub, einer abgefahrenen Seereise und Männern, die es ernst meinen mit ihren Geschichten, Drohungen, Ängsten. Vielleicht interpretiere ich das auch alles falsch, weil sich mir von Anfang an die dunklen und noch dunkleren Schwarzweißbilder so sehr in ihrem Eigenwert aufgedrängt haben, dass ich nur noch lose anderen Elementen folgen wollte, die sich in mein ästhetisches Verzücken hineindrängten. 9 Doigts von F.J. Ossang ist ein pulpiger Genreverschnitt, mit vielen peinlichen Momenten, wenn man davon ausgeht, dass Menschen, die sich sehr ernst dabei nehmen, wie sie filmische Albernheiten reproduzieren, peinlich sein können. Jedenfalls aber ist hier einiges daneben. Das ist das eine. Das andere ist ein Universum, das Ossang, dessen letzter Film vor sieben Jahren entstand, aus dem Schwarz heraus baut. Zum Beispiel das Meer, das als Element in so vielen Filmen vorkommt, dass eine Einstellung von einer Wasseroberfläche manchmal schon an sich wie ein Klischee wirkt. Hier ist das Meer etwas anderes, es schaut aus, als sei es der Nacht entrissen, als wolle es nicht gezeigt werden, als verberge es seine wahre Natur. Ähnliches passiert mit den verschiedenen Innen- und Außenräumen, in denen sich die Figuren bewegen: Alles ist gleichzeitig da, performt ein Spiel und ist doch schon wieder so entzogen, dass man hinterherrennen will.

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