Max Ophüls Preis 2010
Männer in der Krise
Nach einer Woche Festival in Saarbrücken gewinnt man den Eindruck, es steht nicht gut um deutsche Männer. Gerade wenn sie Anfang oder Mitte der 30er stehen.

Frederik beispielsweise spürt die ganze Schwerkraft des Lebens. Er stalkt seine Ex-Freundin, der avisierte Parkplatz wird ihm stets vor der Nase weggeschnappt, aus seinen Island-Träumen ist genauso wenig geworden wie aus seinen musikalischen Ambitionen und er arbeitet bei der Bank. Schlimm genug eigentlich, doch als sich ein Kunde vor seinen Augen das Hirn aus dem Kopf schießt, knallen ihm endgültig die Sicherungen durch.
Philipps Verhältnisse sind ähnlich deprimierend. Der Frankfurter verliert Haus, Hof, Frau, Kinder, Job. Mehr geht nicht.
Frank schreibt ein Buch mit dem Titel Mein Leben im Off – was eigentlich schon alles sagt.

Aber den anderen Generationen geht es nicht besser: Walter, ein reichlich runtergekommener Profikiller, der den letzen Job versaut hat, verschlägt es ins lebensbedrohliche Snowman’s Land, wo ihn eine Femme Fatale, ein gefährlicher Auftraggeber, ein spinnerter Kollege, ein spiritistischer Russe und eine unsichtbare Bedrohung erwarten.
Die Männer aus dem gemischten Suicide Club sprühen selbstredend auch nicht vor Lebensfreude.
Neben den Mittdreißigern kämpfen vor allem die Adoleszenten und jungen Erwachsenen. In Bis aufs Blut und Picco führt ihr Weg unweigerlich in den Knast. Während es bei den anderen um die erste große Krise geht, scheint ihr Leben schon versaut, bevor es richtig losgeht.

Bei Protagonisten wie Frederik und Philipp die persönliche mit der Wirtschafts-Krise in Verbindung zu bringen ist naheliegend, wurde auch bereits getan, wäre aber in beiden Fällen zu kurz gegriffen. Schwerkraft entwickelt sich über weite Strecken zu einer Männerphantasie mit beeindruckendem drive. Frederik läuft nicht Amok, wie einst D-Fens. Vielmehr nimmt er sich Raum und Zeit für das, was zuletzt auf der Strecke geblieben ist: Frau, Freund und Abenteuer. Inklusive Nazis verprügeln und Ausbildung als Einbrecher.
Fabian Hinrichs mimt hier zum zweiten Mal in Folge nach 66/67 – Fairplay war gestern (2009) einen Grenzgänger und brilliert dabei erneut. In Saarbrücken erhielt er dafür einen Sonderpreis. Dabei ist Schwerkraft alles andere als ein reiner „Schauspielerfilm“, dafür sorgt Hinrichs früherer WG-Mitbewohner Maximilian Erlenwein, der Regisseur. Mit Schwerkraft legt er ein imposantes Langfilmdebüt hin, ökonomisch erzählt, stilsicher inszeniert, gut rhythmisiert und mit bewundernswertem Timing. Mit einer selten auf Festivals erlebten Folgerichtigkeit erhielt Erlenwein den Max Ophüls Preis und den Drehbuchpreis.

Verhältnisse, eine HR-Produktion, setzt ein frühes Ausrufezeichen im Bereich TV-Spielfilm, der 2009 so wenig zu bieten hatte. Auch hier brilliert im Vordergrund das Ensemble um Devid Striesow, Nicolette Krebitz, Lars Eidinger und Anna Schudt. Allerdings gibt ihnen Autor Stefan Kornatz mit seinem Buch auch reichlich Spiel-Raum. Geplanter Ausstrahlungstermin im Ersten ist der 7.4.2010.
In beiden Filmen eröffnet sich die Krise als Neubeginn. Während Verhältnisse diesen allerdings überzeugend als Martyrium illustriert, balanciert Schwerkraft beide Elemente nicht weniger gekonnt auf den Ebenen des Tragischen und des Komischen aus. Auffällig viele Stoffe bemühten das Tragikomische, im Gegensatz zu Erlenwein beherrschten die Regisseure dort aber die Tragik weitaus weniger, als die Komik, wie in Suicide Club und Mein Leben aus dem Off zu sehen.

Was alle bis hierhin genannten Filmtitel mit Ausnahme von 66/67 – Fairplay war gestern vereint: Sie waren als Premieren in Saarbrücken zu sehen. Der andere feierte seine Uraufführung in Hof. Das Verhältnis der beiden Festivals ist ein besonderes, gelten sie doch als wegweisend für den deutschen Nachwuchs. Im aktuellen Vergleich konnte sich Saarbrücken gegenüber Hof absetzen, allerdings mit zum Teil unfairen Mitteln: eine Unmenge an Filmen, die sich dort bewährten, wurden hier entliehen.
Dazu zählen neben Andreas Arnstedts mit dem Verleihförderpreis ausgezeichneten Regiedebüt Die Entbehrlichen auch die Spielfilmpremiere des Berliner Regisseurinnenduos Judith Keil und Antja Kruska, Wenn die Welt uns gehört, sowie Jessica Hausners Lourdes. Waffenstillstand, der Irakabenteuerkriegsfilmversuch des erfolgreichen Kurzfilmregisseurs Lancelot von Naso, erhielt hier genauso eine zweite Chance, wie Ludwig Wüsts Digitalaugenschmerz Koma. Während Wüst als Exilbayer in Wien seine Ausbildung genoss, ging Wolfgang Fischer einen entgegengesetzten Weg: Von Wien über Düsseldorf und Köln nach Berlin. Auch sein Film Was du nicht siehst funktioniert, zumindest optisch-ästhetisch, als Gegensatz zu Wüsts Beitrag. In einer Geschichte, die Anklänge an François Ozon nie verheimlicht, finden Fischer und sein Kameramann Martin Gschlacht betörende 35-Millimeter-Bilder.

Einer der Hauptdarsteller, Frederick Lau, ist auch in Philip Kochs auf dem Siegburg-Fall beruhenden Gefängnisdrama Picco zu sehen. Der Preis des Ministerpräsidenten ist nur ein Indiz dafür, dass von diesem Film noch zu hören und zu lesen sein wird. In stark entsättigten, grün-braunstichigen Bildern entwirft Koch zunächst eine Knast-Routine zwischen Einschluss, Hofgang, Arbeit und Gesprächssitzungen. Im Zimmer entwickelt sich schnell eine Kasernenlogik, die Präsenz des Militärischen macht in Bezugnahme auf den Fall Sinn. Dort wurde Stanley Kubricks Full Metal Jacket (1987) „zitiert“. Darauf verzichtet Koch, doch im Ablauf der Tat hält er sich weitestgehend an das Protokoll. Über die Sinnigkeit dieses Ansatzes lässt sich genauso streiten wie über das falsche Selbstverständnis der Produktion, doch formal ist Koch zunächst einmal ein sehr stimmiger Genrefilm gelungen, der mit einer herausragenden Eingangssequenz aufwartet.
Im Dokumentarfilmbereich wusste Hoffenheim – Das Leben ist kein Spiel nicht nur Fußballfans zu überzeugen. Die Langzeitstudie klinkt sich allerdings auf dem Höhepunkt der Erfolgsgeschichte aus – als Tabellenführer verlassen wir die Kraichgauer. Die sich anschließende Krise hat eigentlich bis heute Bestand.
Beim sich in Saarbrücken vital und vielschichtig präsentierenden deutschen Filmnachwuchs kann davon keine Rede sein.
Veröffentlicht am 24.01.2010
Fotos: Festival/Verleiher
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