Mannheim-Heidelberg 2014: Ein Festival dankt ab

Von einem kleinen Schwindel mit großer Wirkung: Ein Bericht über den Irrglauben des Festivals Mannheim-Heidelberg an „Entdeckungen“ und über strukturelle Probleme von bemühter Professionalität.

Mannheim Plakat 2014

In der Theorie klingt das gut: weniger Filme, Konzentration aufs Wesentliche. Ein paar Tage in Mannheim anlässlich des Festivals verbringen heißt: Dieselben Filme laufen in unzähligen Wiederholungen, zwingen den geneigten Fachbesucher, Filme auf dem Computer zu gucken, weil das Programm erst um 18 Uhr beginnt. Das wäre noch nicht allzu schlimm, wenn sich hinter dem Begriff der „Newcomer“ ein Konzept erkennen ließe. Stattdessen hilft auch der Blick auf die jüngere Geschichte des Festivals nur bedingt weiter. Die Newcomer der vergangenen fünfzehn Jahre sind heute weitgehend von der Landkarte des Kinos verschwunden. Ein Blick auf die Filme des aktuellen Jahrgangs lässt das schnell verstehen: Das sind keine Handschriften oder inszenatorische Leistungen, die hier ausgestellt werden, sondern halb-seichte, halb-dramatische Filme aus aller Welt, die sich in Katalogtexten gut auf Konfliktlinien zusammenfassen lassen. Es sind Filme, die vorgaukeln, etwas von (mehr oder weniger) fernen Ländern zu erzählen und dafür die immer gleichen dramaturgischen Mittel einsetzen, die die Zuschauer längst verinnerlicht haben. Das Öffentliche ist privat, zumindest in Mannheim.

Das war mal anders, heißt es von langjährigen Gästen, von denen es nur noch wenige gibt. Das Programm wurde ausgedünnt, aber nicht zum Guten, neben den nur noch 39 Langfilmen (2013: 52) gibt es keinen Kurzfilmwettbewerb mehr, und auf Dokumentarfilme wird auch verzichtet. Schlimmer noch: Der Preis „Master of Cinema“, mit dem immerhin Regisseure wie Aleksandr Sokurov, Edgar Reitz und Atom Egoyan nach Mannheim gelockt wurden, heißt nun „New“ Master of Cinema, um auch unbekannte Regisseure auszeichnen und mit einer Werkschau ehren zu können. Das ehemals international aufgestellte Filmfestival Mannheim-Heidelberg ist in seinem 63. Jahr in der Bedeutungslosigkeit angelangt.

Ist jeder Film im Kino schon ein Kinofilm?

Auf das Leben 1

Ein gutes Beispiel ist der sogenannte Auftaktfilm, mit dem nach der offiziellen Eröffnung in Heidelberg das Festival in Mannheim beginnt. Auf das Leben! heißt er. Man muss keine Angst vor Ausrufezeichen haben, um zu ahnen, dass mit dem Werk etwas nicht stimmt. Hannelore Elsner spielt die Hauptrolle, Regie führt Uwe Janson. Eröffnungsfilme sind freilich immer eine heikle Angelegenheit, weil sie bei Partnern und Sponsoren gute Laune verbreiten sollen. Hier wird aber die Nivellierung deutlich, die Festivaldirektor Michael Kötz auch mit seinem anderen Festival in Ludwigshafen vorantreibt: die Einebnung der Differenzen zwischen Fernsehen und Kino. Dabei muss man Tomaten auf den Augen haben, um nicht zu erkennen, dass der Film nur der Behauptung nach ein Kinofilm ist: Die Inszenierung ist flach, alle Räumlichkeit wird durch wiederholte einführende Totalen lediglich vorgeführt, die Dialoge sind hyper-erklärend, das Schauspiel immer explizit. Die Geschichte setzt dem Ganzen die Krone auf: Eine alte, sarkastische, einsame Jüdin steht am emotionalen Abgrund, aber durch die Begegnung mit einem jungen Mann, der ihrer früheren großen Liebe zum Verwechseln ähnlich sieht, findet sie die Lebensfreude wieder und öffnet sich den Menschen um sie herum – am Ende singt sie nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder jüdische Volkslieder. Die Figuren sind beide von vorne bis hinten unglaubwürdig, der Plot straff durcherzählt, immer schön auf die dramatischen Pointen hin fokussiert. Ein ordentlicher Fernsehfilm, der nebenbei beweist, dass die exklusiv fürs Kino eingerichtete Bundesförderung DFFF (aber auch das Medienboard Berlin-Brandenburg, die FFA und die Filmstiftung NRW waren beteiligt) sich blenden lässt. (Ja, einen Kinostart gibt es auch.) Oder ist jeder Film im Kino schon ein Kinofilm?

Name me 1

Es gibt bessere Filme im Programm, aber die Probleme sind ohnehin struktureller Natur. Das Festival schreibt sich auf die Fahnen, Regisseure zu „entdecken“, eine Vokabel, die aus der Festivalkultur längst verbannt gehört. Angesichts der in der Breite stattfindenden Nachwuchsförderung, der internationalen Netzwerke und Korrespondenten, ist das Neue gut integrierter Teil des Systems und durch Festivals ohnehin recht umfassend erschlossen. Mannheim-Heidelberg hat sich aber zum Prinzip gemacht, für die beiden Hauptreihen, im Internationalen Wettbewerb und bei den Internationalen Entdeckungen, jeweils Filme auszuwählen, die bei den großen Festivals wie Cannes, Venedig, Locarno und Berlinale nicht eingeladen waren. Das könnte für ein interessantes Gegenprogramm sorgen, macht aber vor allem abhängig – davon, dass noch gute Filme übrig sind, wenn die anderen ihre Arbeit getan haben. Denn Premieren sollen es obendrauf möglichst auch noch sein, zumindest deutsche. All das ist freilich möglich, wenn sich ein Festival ein Profil gibt und dieses verteidigt, öffentlich und in der Fachwelt. Beides unterlässt Direktor Kötz aber, stattdessen hält er die Fahne des „Newcomer-Festivals“ hoch, ein Begriff, der zur inhaltsleeren Phrase verkommen ist. Pressemitteilungen sind auch sonst meistens Bullshit-Bingo-Gewinner, aber solche Verrenkungen im Titel liest man denn doch selten: „Position als einziges Newcomer-Filmfestival Europas mit einer bewusst klein gehaltenen Auswahl erneut eindrucksvoll bestätigt“.

Die Welt als Ergebnis der Vorstellung aus der Distanz

Tricolarum 1

Über Filme kann man streiten. Die meisten Beiträge in Mannheim laden aber nicht einmal dazu ein. Der französische Tricolarum etwa gehört zu den interessanteren Beiträgen, ein aus der Subjektiven gedrehter Essayfilm über Paris, das Taxifahren und die Liebe. Interessant, weil sichtlich eigen in der Herangehensweise; zwar gibt es so etwas wie eine Geschichte im Off, gleichzeitig aber ist die Handlung eher um das Rituelle herum arrangiert. Und doch bleibt der Film zu jedem Zeitpunkt brav und gesittet – wenn man einmal von der nur schwer auszuhaltenden Handkamera absieht, die Amateuraufnahmen huldigt oder entspricht. Die anderen Filme sind demgegenüber eher leidenschaftslos professionell. Zum Beispiel die beiden russischen Filme, Name Me (Kak menya zovut), ein Coming-of-Age-Drama, das auf der Krim spielt (vor der Annektierung gedreht und obendrein unpolitisch gedacht), und Nine Days and One Morning (Devjat dnei i odno utro), eine Heimkehrer-Geschichte mit einem Pariser Model, das seine russische Provinzheimat besucht: Auf durchaus etwas unterschiedlichem Niveau zeigen beide, was es heißt, allgemeine dramaturgische Formeln anzuwenden, ohne spezifische Geschichten zu erzählen. Beide Filme wirken so, als wollten sie mehr, doch ihre Figuren bleiben stets Abziehbilder oder Funktionsträger. Ähnlich verhält es sich mit den Mikrostrukturen innerhalb der Plots, die nie über das Ganze hinausweisen. Deshalb wirkt auch alles, was etwas über die jeweiligen Milieus erzählen soll – wie das Waisenhaus, das dringend neue Toiletten braucht – aufgesetzt. Das sorgt für Austauschbarkeit, die Welt als Ergebnis der Vorstellung aus der Distanz.

Ein bisschen besser funktioniert diese Weltlosigkeit bei Filmen, die sich dezidiert als innere Ansichten positionieren: der irische Patrick’s Day zum Beispiel als Schizophrenie-Imagination mit Thriller-Elementen oder der schwedische Hotel (Hotell) als Trauma-Verarbeitung in Komödienform. Beide haben ihre Schwächen, aber vor allem ihre Momente, in denen sich Gestalt, Gehalt und Gestaltung überlagern, wo ein Kurzschluss möglich wird, der das Erzählte lebendig werden lässt.

Fehler umarmen statt verbieten

Patricks Day 1

Das Filmfestival Mannheim-Heidelberg prägt sich mir in den langen vier Tagen meines Aufenthalts vor allem als eines ein: bemüht professionell. Es ist mit über einer Million Euro Etat angemessen finanziert und operiert doch zum allergrößten Teil mit Praktikantinnen. Es sind Kleinigkeiten, die offenbar werden lassen, welche Kultur hier herrscht: Interface für mich als großzügig eingeladenen Gast sind stets die Helferinnen, denen man die Angst vor den Oberen in den Augen ablesen kann. Bei meinem bescheidenen Wunsch, einen der mir empfohlenen Filme in der Digital Library sehen zu können, müssen sie passen, die vielen freien Computer sind alle reserviert, für Gäste, die sich vielleicht zum letzten Mal nach Mannheim verirrt haben. Ich insistiere und lasse nachfragen, ob ich doch kurz Platz nehmen könne, bis jemand komme, doch ohne Erfolg. Befehl ist Befehl, Vernunft hat hier nichts zu suchen. Ich habe Verständnis und lese stattdessen ein Buch. Antifragile heißt es. Als ich es aufschlage, sticht mir ein Satz ins Auge:

If you see fraud and do not say fraud, you are a fraud.

Mannheim Logo 2014

Bemüht professionell ist das Gegenteil von professionell. Im privaten Gespräch sind sich auch Festivalmitarbeiter und Geldgeber einig: Mannheim-Heidelberg befindet sich seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Ob sie es so direkt auch dessen Leiter sagen? Direktor Kötz ist ein großartiger Performer, der mit seinem Pathos beim Publikum gut ankommt. Ob er auch zuhören kann? Die Mannheimer sind offensichtlich neugierig und bereit für Unbekanntes, die Zahlen stabil. Das könnte man nutzen. Für den Anfang würde es vielleicht schon genügen, eines klarzustellen: Das Öffentliche ist politisch, keine Verlängerung des Privaten. Ein Filmprogramm vor dieser Maxime dürfte vieles und vieles auch falsch machen. Überhaupt wäre das ein Ansatz: Fehler umarmen statt verbieten. Das bekommen nämlich dann auch die Praktikanten zu spüren.

Kommentare zu „Mannheim-Heidelberg 2014: Ein Festival dankt ab“


Ada Adami

Was ich schon immer dachte, aber nicht so fundiert und deutlich zu sagen vermochte. Es war an der Zeit. vielen Dank. ada adami


markus brandstätter

danke für den offenen text ... ich freue mich nicht der einzige renitente filmliebhaber zu sein (es gibt sie doch noch), wie könnt ich auch der einzige sein ... solcherlei entwicklungen verfolge ich schon seit etlichen jahren - leider trifft die sehr zutreffende analyse von Herrn Jäger nicht nur auf den filmfestivalbetrieb zu ... was sich da oben - als scheinbar neuer geniekult selbst zelebriert, zeigt sich mehr und mehr als unzulänglichkeit und gestoppel - mit feinem differenzierungsvermögen und weitsicht hat das gar nix zu tun; dazu nimmt man sich auch noch das recht heraus, junge menschen zu verheizen und sich über sie zu erheben ... ::: ... : tomaten abnehmen : ... :::


elvira richter

"Wer an der Küste bleibt, kann keine neuen Ozeane entdecken." sagte schon Fernando Magellan. Das MA-Filmfestival dümpelt schon seit Jahrem im sicheren Hafen vor sich hin.


Frank Wasser

Was für ein furchtbarer, "bemüht professioneller" Text.

Zum einen fängt das Programm nicht um 18Uhr an, sondern schon früher (z.B. teilweise ab 11, 14, 16 Uhr ... das Kinderprogramm bereits um 9:30).
Dass der großzügig eingeladene Gast hier nicht die Zeit fand, sich im überall erhältlichen Programmheft zu informieren, ist seine eigene Schuld.

Was Herr Jaeger von den Filmen hält, sei mal dahingestellt - ich hatte die besprochenen Filme nicht gesehen. Viel unsachlicher und selbstverliebter ist der Grundtenor dieses Textes. Was es zum Beispiel mit dem "Öffentlichen" und "Privaten" auf sich hat, wird nicht geklärt. Stattdessen wird unentwegt ein Fingerzeig auf die Organisation des Festivals bemüht.

Als Besucher, der sich seit 5 Jahren Filme dieses Festivals in Heidelberg anschaut, ist mir keine "Angst vor den Oberen in den Augen" der HelferInnen aufgefallen. Was hat so eine Bemerkung hier überhaupt verloren? Auch Bemerkungen wie

"Befehl ist Befehl, Vernunft hat hier nichts zu suchen. Ich habe Verständnis und lese stattdessen ein Buch. Antifragile heißt es. Als ich es aufschlage, sticht mir ein Satz ins Auge: "

sind großkotzige Selbstinszenierung und haben nichts, rein gar nichts in so einem Text verloren.


Frédéric Jaeger

Ich war nicht in Heidelberg, sondern in Mannheim. Dort begann das Programm am Montag um 18.00 Uhr - aber Sie haben Recht, an anderen Tagen schon um 16.30 Uhr, am Sonntag gab es in Mannheim eine Sondervorführungs-Matinee und einen Film um 14.00 Uhr. Stimmt, war oben verkürzt, ändert aber nichts an der allgemeinen Beobachtung, dass die Reduktion der Filme für einen Gast, der extra fürs Filmfestival anreist, aus meiner Sicht negative Auswirkungen hat.

Schade, dass Sie meinen, meine Eindrücke der strukturellen Gestalt des Festivals, die ich bei den Volontär_innen und Praktikant_innen gemacht habe, hätten hier nichts verloren. Das sehe ich anders. Vielleicht ist das sogar wichtiger als alles andere.

Das Buch, das ich (gerade immernoch) lese, hat mich darin bestärkt, die Phänomene so ehrlich und explizit zu benennen. Dieses subjektive Moment der eigenen Erfahrung wollte ich transparent machen, deshalb der Verweis auf das Zitat.

Zu den Begrifflichkeiten des "Öffentlichen" und des "Privaten": Beides spielt in den Filmen und beim Festival eine Rolle. Sie können sich das als Räume vorstellen, jeweils mit eigenen Gesetzlichkeiten. In Filmen spielen oft öffentliche Funktionen, Fragen und Figuren eine Rolle (ich zitiere oben einen Film, in dem ein reiches Model, ein Bürgermeister und ein armes Waisenhaus vorkommen - es geht insofern um Verteilung von Mitteln, um Gerechtigkeit, nebenbei auch um Korruption). Ich kritisiere, dass diese Aspekte über private Beziehungen, Psychologie, familiäre Hierarchie, Traumata etc. erklärt / motiviert werden. Die gesellschaftliche Dimension wird größtenteils auf das Private reduziert. Ähnlich sehe ich das beim Festival, das eigentlich eine öffentliche Veranstaltung ist (und natürlich öffentlich finanziert wird), in der aber die gleichen privaten Aspekte die Gestalt zu (über)formen scheinen.


Karla Kolumna

Ich war vor mehr als zehn Jahren selbst Praktikantin beim IFFMH. Ich kann versichern, dass Ihre heutigen Beobachtungen bezüglich der Praktikantinnen schon damals der Realität entsprachen. Damals gab es schon drei Monate im Vorlauf sehr wenig Geld, sehr viel zu tun und selten ein nettes Wort vom "Herrn Direktor". Letzteres hat etwas mit Respekt zu tun und der ist eben oft ungleich verteilt. Nur einfordern geht aber eben auch nicht.
Es war dennoch eine tolle Stimmung unter den Mädels - es gibt per se immer noch nur Praktikantinnen... auch ein interessanter Punkt. Das Programm war damals auch sehr viel anspruchsvoller und es war - zumindest für mich - toll, Teil des Festivals zu sein.
Aber das ist schon lange her. Heute finde ich kaum mehr Filme im Programm, die mich interessieren. Wer Herrn Kötz kennengelernt hat, weiß, dass es ihm, bei dem was er macht, eigentlich nur um sich selbst und ums Geld geht, sehr wenig um wirklich guten Film. Das Sommerfestival in Ludwigshafen beweist das am besten. Beschämend finde ich aber besonders, dass ihm dazu von so vielen Seiten so viel Geld in den Rachen geworfen wird...






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