Locarno 2014: Sehtagebuch (III)

Ein politischer Film von Lav Diaz mit Western-Motiven und eine trockenhumorige Geschichte von Architektur: Notizen vom Festival.

From What is Before (Mula sa kung ano ang noon; Regie: Lav Diaz; Philippinen 2014)

Mula sa kung ano ang noon 06

Fast hätte ich an meinem vorletzten Tag in Locarno nur einen einzigen Film gesehen, und fast hätte ich sogar den verpasst. Selbst in Locarno, wo die offensiv cinephil operierenden Kuratoren – allen voran Mark Peranson, der CinemaScope-Chefredakteur und nach ein paar Jahren im Auswahlkomitee neuerdings auch „Head of Programming“ in Locarno – sich nicht scheuen, den neuen und knapp sechsstündigen Film des Filipinos Lav Diaz in den Wettbewerb einzuladen, war das Vertrauen in diese Entscheidung dann doch nicht so groß wie der Zuspruch: Das Kino für die zweite Vorstellung war viel zu klein, die Hälfte der Besucher kam nicht mehr rein. Und, was ich noch nie erlebt habe: Zwar verließen nur wenige den Saal, aber als nach drei oder mehr Stunden dann doch noch ein paar aus der ersten Reihe gingen, fanden sich vor der Tür tatsächlich noch immer Zuschauer, die darauf gewartet hatten, auf die frei gewordenen Plätze nachrücken zu können. Das Ereignis Lav Diaz ist verbunden mit kleinen und größeren Opfern.

Mula sa kung ano ang noon 04

From What is Before ist ein sich über drei Jahre (1970 bis 1972) spannendes Historienepos, bei dem Schuld, Sühne und just Opfergaben im Zentrum stehen. Aus den persönlichen Geschichten der Einwohner einer kleinen Provinzgemeinde entspinnt Diaz ein Panorama philippinischer Realitäten, von Ochsen, Straßenverkäufern und Heilerinnen. Dicht beieinander liegen Kult und Religion, Kultur der kargen Landschaft und Überleben – es sind erschreckende Schicksale und enge Familienbande, die im Alltag verbinden. Fies kann das Leben sein, aber das Schwarz-Weiß leuchtet durchaus friedvoll, denn miteinander haben sie sich arrangiert, allen Widrigkeiten und seltsamen Vorkommnissen zum Trotz. Dennoch riecht hier nie etwas nach Gedächtnis-Kitsch, nicht in den schönsten, majestätischen Bildern vor Felsenkulisse am Meer oder unter Palmen im Gegenlicht, und auch dann nicht, wenn eine Jungenbande mit Steinschleudern beschwingt durch die Straßen zieht. Selbst das Accessoire der kindlichen Waffe fügt sich noch ein ins ökonomische Prinzip, das alles beherrscht: Als der eine dem anderen seine Steinschleuder neidet, bietet dieser sie ihm ganz selbstverständlich zum Verkauf an: „Wenn du mehr Geld hast, kannst du sie haben. Ich hab noch eine zweite.“ Die Protagonisten sind keine Kommunisten, selbst wenn das bald ins Dorf einziehende Militär ihnen die gemeinsame Sache mit den Feinden unterstellt. In der zweiten Hälfte übernimmt From What is Before verstärkt Motive und Perspektiven des Western und wird immer politischer. Der einst abgeschiedene Ort wird zur Frontier in der Machtpolitik des Diktators Ferdinand Marcos. Diaz hat mit seinem neuesten Film auch ein komplexes Netz aus Frauenfiguren gewoben, bei der wie ein Dreigestirn die blutrünstige Anführerin der Paramilitärs, eine hartnäckige Straßenverkäuferin und eine selbstlose Schwester sich gegenüberstehen und einander perspektivieren. Es stecken mehrere Filme in Diaz’ neuem Werk, sie herauszuschälen wird eine zweite Sichtung erfordern.

 

La Sapienza (Regie: Eugène Greene; Frankreich, Italien 2014)

La Sapienza 02

La Sapienza ist ein gutes Beispiel für das brillant Abgefahrene, das sich Locarno im Wettbewerb schon seit Jahren leistet, das 2014 aber wie selten zuvor zu einem sehr konsequenten und stimmigen Gesamtbild beiträgt. Auf kleineren A-Festivals ergibt sich aus den Statusregeln oftmals der Zwang, für den Wettbewerb vorrangig nach Premierenkriterien auszuwählen und nicht die besseren Filme zu suchen. So kommt es zu Einladungen an Filme, die sich nur deshalb qualifizieren, weil sie von anderen Wettbewerben zu Recht bereits abgelehnt und deswegen noch nie oder nur im Ursprungsland aufgeführt wurden. Schlechter kuratierte Festivals ziehen daraus den doppelt blöden Schluss, just im Wettbewerb Sponsoren und Förderer zufriedenzustellen, und laden dorthin Stars mit B- und C-Filmen ein oder gar eine Handvoll regionaler Produktionen, ohne allzu genau aufs Filmische zu gucken. In Locarno wirkt der Wettbewerb davon entlastet, denn diese Funktion nimmt gemeinhin das riesige Open-Air-Kino Piazza Grande ein, das mit einem eigenen Programm bespielt wird. Der Wettbewerb läuft zwar auch in großen Kinos, aber ohne den Imperativ, die dafür hergerichteten Mehrzweckhallen immer zu füllen. La Sapienza ist so ein Fall, bei dem nicht abzusehen gewesen sein dürfte, dass sogar noch eine zusätzliche Vorstellung anberaumt werden müsste, um dem Interesse nachzukommen. Weder handelt es sich um etabliertes Autorenkino, noch wartet es mit bekannten Darstellern auf, noch mit der für Festivals typischen kontemplativen Aura der Panoramaaufnahmen „großer Augenblicke“, noch mit dramatischen oder sensationellen Geschehnissen. Immerhin spielt es zum Teil im Schweizer Tessin, unweit von Locarno.

La Sapienza 03

Eugène Greene hat einen ganz und gar sonderbaren Film gedreht. Am auffälligsten ist das Schauspiel, das etwas mit der Tradition vom Deadpan zu tun hat, weil regelmäßig Worte und Mimik auseinanderklaffen und auch bei der Beschreibung von Glücksgefühlen die Mienen nichts von den gemeinten Emotionen verraten. Ob sich die Protagonisten, Architekt Alexandre (Fabrizio Rongione) und seine Frau, Verhaltensforscherin Aliénor (Christelle Prot Landman), gegenüber sitzen oder sie nebeneinander stehen, macht kaum einen Unterschied. Zwischen ihnen scheint es einen Schleier zu geben; dass die Kommunikationsakte überhaupt gelingen, wirkt geradezu magisch. Aber dann zeigt Greene auch Großaufnahmen, in denen die Augen leuchten, man sieht den Schauspielern dabei zu, wie sie die Immersion in ihre Figur schlicht nicht verhindern können. Die zuvor bloß physisch wirkende Präsenz entpuppt sich als Mirage. Die Menschen waren von Anfang an da. Es bricht aus den Schauspielern heraus, und die so nonchalant vorgetragenen Dialoge, die stets etwas zu explizit Selbstverständlichkeiten, doppelte Böden und psychologische Ausdeutungen kommunizieren, haben plötzlich einen Hall. Im kitschig überzeichneten Stresa begegnen Alexandre und Aliénor einem jugendlichen Geschwisterpaar. La Sapienza entfacht dabei gleich mehrere Initiationsgeschichten, als Alexandre den von Architektur faszinierten Goffredo (Ludovico Succio) mit nach Turin mitnimmt und Aliénor bei der von einer mysteriösen Krankheit befallenen Lavinia (Arianna Nastro) in Stresa verweilt. Die Initiation der Jüngeren wiederum befeuert die Älteren in ihrer Sinnsuche. Vor allem Alexandre kann die Euphorie von Goffredo für die gesellschaftliche Bedeutung von Raum und Licht gut vertragen. Er arbeitet gerade an einem organisch wachsenden Sozialbau, ein Vorhaben, das wegen zu geringer Effizienz vor dem Aus steht. Gemeinsam gucken sich die beiden trotz betonter Distanz zu religiösen Bauten dann doch vornehmlich Kirchen an und geraten ins Staunen. Greene führt uns in die Räume hinein und in die Historie, lässt sie sich drehen, bis sich auch im Zuschauerraum die Wände zu bewegen scheinen. Manchmal finden sich die beglückenden Lichter der Aufklärung genau dort, wo man sie sucht. In La Sapienza. In Locarno.

Kommentare zu „Locarno 2014: Sehtagebuch (III)“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.